Ein Semester früher fertig, ohne mehr Stress und mit besseren Noten: Ein Experiment mit 1600 Studierenden zeigt, wie sich die Studiendauer mit einer einfachen Maßnahme verkürzen lässt.
Berlin. Vielleicht liegt es an unserer zunehmend komplexen Welt, vielleicht an den steigenden Mieten und Lebenshaltungskosten, die Studierende mit Nebenjobs finanzieren müssen. Fest steht: Der Anteil der Absolventinnen und Absolventen, die ihr Studium in der Regelstudienzeit abschließen, nimmt seit Jahren ab.
Waren es 2014 noch 40 Prozent, so lag der Anteil 2024 laut Statistischem Bundesamt noch bei 28,5 Prozent. Der größte Teil der Studierenden (knapp 41 Prozent) erreicht den Studienabschluss mit ein bis zwei Semestern Verspätung. Rund jeder Dritte braucht drei oder mehr Semester länger als vorgesehen.
Die Forscher starteten ein Experiment: Ab dem zweiten Semester erhielt ein zufällig ausgewählter Teil der Studierenden per Post Informationen über den Stand ihres eigenen Studienfortschritts im Vergleich zu dem ihrer Kommilitonen.
Die Briefe zeigten Wirkung: Eine von sieben Absolventinnen und Absolventen schloss das Studium durch das Feedback ein Semester früher ab. Die Noten verschlechterten sich dabei nicht – sie waren sogar etwas besser als die der Vergleichsgruppe.
Ein solches Feedback-System könnte die Studiendauer günstig und ohne großen Aufwand verkürzen, sagt Raphael Brade. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Bildungsökonomik des Ifo-Instituts und hat die Studie gemeinsam mit Professor Oliver Himmler von der Universität Erfurt und Professor Robert Jäckle von der Technischen Hochschule Nürnberg veröffentlicht.

Bildungsforscher Brade: Positives Feedback wirkt wie ein Motivationsbooster. Foto: © ifo Institut | Romy Vinogradova
Mit dem Bildungsforscher habe ich darüber gesprochen, was nötig war, um positive Effekte zu erzielen, und ob das schnellere Studium mehr Stress verursacht.
Lesen Sie hier das vollständige Gespräch:Shift: Herr Brade, Sie haben untersucht, wie es Studierenden gelingen kann, ihr Studium früher abzuschließen. Sollten wir jungen Menschen nicht etwas Gelassenheit gönnen?
Raphael Brade: Es gibt natürlich unterschiedliche Perspektiven, aber aus gesellschaftlicher Sicht ist ein zügigerer Abschluss wünschenswert: Wer früher fertig ist, steht dem Arbeitsmarkt früher zur Verfügung, zahlt früher Steuern und Sozialabgaben. Und da wir in Deutschland keine Studiengebühren haben, kostet jeder Studienplatz den Staat jährlich Geld. Insofern ist es schon sinnvoll, keine übermäßig langen Studiendauern zu haben. Wichtig ist: In unserer Studie ging es nicht darum, Studierende unter die Regelstudienzeit zu drücken, sondern sie überhaupt in Richtung Regelstudienzeit zu bewegen – ganz ohne Zwang.
Dafür haben Sie ein Feedback-System genutzt, das auf Motivation setzt. Wie funktioniert das konkret?
Die Studierenden haben zweimal pro Semester einen Brief ihrer Fakultät bekommen – zu Semesterbeginn und kurz vor der Prüfungsphase. Darin sehen sie, wie viele Credits sie im Vergleich zum Durchschnitt ihrer Kohorte und zu den besten 20 Prozent gesammelt haben. Wer mindestens durchschnittlich lag, bekam als positive Bestätigung einen Smiley, wer zu den Top 20 Prozent gehörte, zwei.
Sie haben das Feedback per Brief verschickt. Ist das nicht etwas altmodisch?
Studierende bekommen heutzutage wahnsinnig viele E-Mails – Informationen gehen da schnell unter. Wir haben uns deshalb bewusst dafür entschieden, einen Brief mit dem offiziellen Logo der Hochschule zu schicken, damit wir eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, dass die Information die Studierenden auch wirklich erreicht.
Was passiert, wenn jemand erfährt, dass er überdurchschnittlich in seinem Studienfortschritt ist?
Das wirkt wie ein Motivationsbooster. Befragungen unter den Studierenden haben gezeigt, dass viele Studierende gar nicht wussten, dass sie einen überdurchschnittlichen Studienfortschritt haben. Das positive Feedback motiviert sie, noch mehr zu leisten. Der schnellere Abschluss geht auch nicht zulasten der Abschlussnoten, sie verbesserten sich sogar leicht.

Uniabsolventen in Bonn: Der Vergleich mit anderen kann High Performer motivieren. Foto: dpa
Erhöht das Feedback den Druck auf die Studierenden?
Wir haben die Studierenden zu Studienzufriedenheit, Lebenszufriedenheit und Stress befragt. Wenn sie wirklich mehr unter Druck geraten wären, würde man erwarten, dass sie sich gestresster fühlen und eine geringere Zufriedenheit mit ihrem Studium angeben. Das haben wir aber nicht gesehen. Wir konnten zwar keine positiven Effekte auf die Zufriedenheit nachweisen, aber eben auch keine negativen.
Eine Schattenseite zeigt Ihre Studie aber: Wer erfährt, dass er unter dem Durchschnitt liegt, bricht das Studium häufiger ab. Ist das nicht ein erhebliches Risiko?
Es klingt erst einmal negativ, wenn Leute abbrechen. Aber ob das für das Leben dieser Menschen auf Dauer wirklich schlecht ist, können wir nicht abschließend beurteilen. Dafür gibt es in Deutschland leider keinen ausreichenden Zugang zu Daten. Vielleicht wechseln die Betroffenen in einen passenderen Studiengang, vielleicht haben sie schon einen Ausbildungsberuf, in den sie zurückkehren. Das kann aus individueller Sicht sogar eine gute Entscheidung sein.
Was kostet ein solches System eine Hochschule?
In unserem Fall waren es rund 14 Euro pro Studierendem für die gesamte Dauer des Studiums. Das umfasst den Druck der Briefe und die Kosten für Umschläge, Porto und die Arbeit von studentischen Hilfskräften für den Versand. Seit unserem Experiment sind die Portokosten gestiegen – heute wäre es also etwas mehr.
Wenn sich die Studiengeschwindigkeit so einfach und günstig verbessern lässt, warum ist ein solches Feedback-System nicht längst überall Standard?
Universitäten brauchen im Grunde nur ein digitales System, in dem die Daten zum Studienverlauf liegen. In unserem Testfall war es dann sehr einfach, die nötigen Daten für die Briefe aus dem System zu ziehen. Tatsächlich gibt es an vielen Unis auch schon Möglichkeiten, sich mit anderen Studierenden zu vergleichen – etwa über Onlineplattformen. Das Problem ist, dass kaum jemand systematisch prüft, welche Maßnahmen genau wirken.
DeutschlandWarum nicht?
Unserer Erfahrung nach sind die Vorbehalte gegen randomisierte Experimente, wie wir sie durchgeführt haben, groß. Die Sorge ist immer, dass Studierende in der Kontrollgruppe, die beispielsweise kein Feedback erhalten, benachteiligt werden könnten. Ohne eine vernünftige Evaluierung weiß man allerdings nicht, was hilft und was schadet.
Herr Brade, vielen Dank für das Interview.
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