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Deutschland ist laut Forsa-Umfrage zerstritten: 67 Prozent bewerten soziales Miteinander als eher schlecht

Дата публикации: 12-08-2026 05:21:00

Der Zusammenhalt in Deutschland bröckelt. Das gespaltene Land ist in Wahrheit zersplittert - in unzählige Lebenswirklichkeiten. Die Lage ist kritisch.

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Der Zusammenhalt in Deutschland bröckelt. Das gespaltene Land ist in Wahrheit zersplittert - in unzählige Lebenswirklichkeiten. Die Lage ist kritisch.

Deutschlands soziales Miteinander hat sich nach Meinung vieler Menschen negativ verändert. Ein Indikator hierfür ist eine aktuelle Forsa-Befragung im Auftrag der DAK-Gesundheit aus dem März. 67 Prozent bewerten darin das soziale Miteinander in Deutschland als schlecht oder sehr schlecht. 77 Prozent meinen, der gesellschaftliche Zusammenhalt habe in den vergangenen drei Jahren deutlich gelitten. 86 Prozent nehmen mehr Beleidigungen und Respektlosigkeit wahr, 81 Prozent mehr Aggressivität.

Es prallen unterschiedliche Wirklichkeiten aufeinander

Das ist zunächst eine Wahrnehmung, doch der Kern des Problems reicht tiefer, denn diese Entwicklung ist nicht nur bloßes Gefühl, sondern lässt sich auch konsistent betrachten. 

Sie zeigt sich in Wahlergebnissen, Umfragen oder Studien, und immer mehr stellt sich heraus: Es prallen nicht etwa nur abweichende Meinungen aufeinander, sondern unterschiedliche Wirklichkeiten, die alle von sich beanspruchen, die Normalität darzustellen.

Über die Serie „Wieder mehr Wir – Deutschlands letzter Halt“ 

Der Zusammenhalt in Deutschland bröckelt – so empfinden es laut Umfragen viele Menschen. Dabei ist nicht alles so schlecht, wie wir denken. In dieser Serie macht sich FOCUS online auf die Suche nach jenen, die unser Land zusammenhalten und Spaltung überwinden. Hier finden Sie alle bereits veröffentlichten Artikel. 

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. FOCUS online

Und damit wären wir bei der üblichen, bequemen Erklärung, die da lautet: Deutschland ist gespalten. Doch das greift zu kurz. Spaltung klingt nach zwei Lagern: links gegen rechts, Stadt gegen Land, jung gegen alt, Ost gegen West. 

Die bekannten Spaltungen erklären die soziale Realität nicht

Diese Gegensätze gibt es, aber sie erklären die neue soziale Realität schlicht nicht, sondern dienen vielmehr der Selbstbestätigung der eigenen Weltansicht, bei der alles einfach wird. Gut gegen Böse. Schwarz und Weiß.

Tatsächlich erleben wir aber eine Zersplitterung. Die Gesellschaft zerfällt in viele kleinere Gesellschaften, die nebeneinander existieren, aber immer weniger miteinander verbunden sind. 

Andreas Herteux ist Wirtschafts- und Sozialforscher und Autor des Standardwerks zur Geschichte der Freien Wähler (FW). Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.

Jede hat eigene Reizwörter, Informationsräume, Empfindlichkeiten und Vorstellungen davon, was als normal, gerecht oder unerträglich gilt.

Das ist mehr als Pluralismus. Die Fragmentierung beginnt dort, wo der gemeinsame Rahmen selbst nicht mehr selbstverständlich geteilt wird.

Viele Menschen leben in ihrer eigenen Leitwirklichkeit

In der einen Leitwirklichkeit steht der Kampf gegen Diskriminierung im Zentrum. In einer anderen die Angst vor Kontrollverlust. In einer dritten die Sorge vor sozialem Abstieg. In einer vierten die Verteidigung nationaler Identität. 

In einer fünften der Rückzug ins Private, weil Öffentlichkeit nur noch als Zumutung empfunden wird. Die nächste möchte schlicht nur dem Konsum und Hedonismus frönen, in einer anderen kennt man mutmaßliche Normen wie die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit oder aber landestypische Sitten und Gebräuche gar nicht mehr. 

Es wird kritisch, wenn keine Vermittlung zwischen den Wirklichkeiten mehr möglich ist

Diese Zersplitterungsthese ist in der Sozialforschung inzwischen altbekannt und vor allem anerkannt. Die einzelnen Milieus lassen sich dennoch leider nur beobachten, aber aufgrund ihrer Dynamik kaum abschließend typologisieren, wenngleich es solche Versuche, z.B. die Sinus-Milieus, gibt.

Gleich wie: Keine dieser Leitwirklichkeiten ist völlig aus der Luft gegriffen. Fast jede enthält reale Erfahrungen, berechtigte Sorgen oder nachvollziehbare Interessen. 

Das Problem beginnt dort, wo sie nicht mehr miteinander vermittelt werden. Dann wird aus Unterschiedlichkeit kein Streit um Lösungen, sondern ein Kampf um Wirklichkeit.

Was ist in Deutschland eigentlich noch normal?

Der andere irrt dann nicht einfach. Er steht für eine fremde Ordnung. Er gefährdet das eigene Selbstbild, die eigene Moral, das eigene Sicherheitsgefühl. Genau daraus entsteht die Gereiztheit, die viele Menschen im Alltag wahrnehmen und die unausgesprochen Frage: Was ist in Deutschland eigentlich noch normal?

Früher wirkten Bindungen stärker: Parteien, Kirchen, Vereine, lokale Milieus, gemeinsame Medienöffentlichkeiten und eine gewisse Selbstverständlichkeit im Umgang. Das sollte man nicht romantisieren. Nicht jede alte Normalität war gerecht oder bewahrenswert. Viele zeigten sich schlicht einengend, andere dominant.

Bei zu viel Milieukampf zerbricht die soziale Ordnung 

Es ist auch kein Drama, wenn Normalitäten hinterfragt werden. Neue Lebensformen, Rollenbilder und Freiheitsräume gehören zu einer offenen Gesellschaft. Problematisch wird es erst, wenn alte Normalitäten verschwinden, neue aber nicht mehr gemeinsam ausgehandelt werden. Wenn sie nur noch in einzelnen Milieus gesetzt und gegen andere durchgedrückt werden. Dann entsteht kein Fortschritt, sondern Milieukampf.

Milieukampf bedeutet: Lebenswirklichkeit gegen Lebenswirklichkeit. Nicht mehr Argument gegen Argument. Nicht mehr Interesse gegen Interesse. Sondern Welt gegen Welt. Hält dieser Vorgang zu lange an, schwinden die Gemeinsamkeiten und die soziale Ordnung zerbricht. Mit ihr die Gesellschaft und das System – in freiheitlich-demokratischen Strukturen schneller, in autoritären Staaten langsamer. Die digitale Welt ist hier individualisierender Befreier und Brandbeschleuniger.

Migration, Klima, Bürgergeld, Krieg und vieles mehr – alles wird zum Symbolkampf

Jede komplexe Gesellschaft braucht daher ein einigendes Band, das auch bei unterschiedlichsten Lebensentwürfen hält. Nicht als Gleichschaltung, nicht als Gesinnungspflicht, sondern als Mindestbestand gemeinsamer Selbstverständlichkeiten.

Dazu gehört, dass man einander nicht entwürdigt. Dass Regeln gelten. Dass Institutionen grundsätzlich anerkannt werden. Dass Konflikte ausgetragen, aber nicht totalisiert werden. Dass Freiheit nicht nur Anspruch gegen andere bedeutet, sondern auch Rücksicht einschließt.

Für die einen Realität, für die anderen Propaganda

Wenn dieses Band dünner wird, wird jedes Thema grundsätzlich. Migration, Klima, Bürgergeld, Krieg, Energie, Geschlecht, Religion, Nation, Europa – fast jede größere Frage wird sofort zum Symbolkampf. Was für die eine Lebenswirklichkeit moralische Pflicht ist, gilt der anderen als Bevormundung. Was für die eine Realität ist, erscheint der anderen als Propaganda. 

Auch hier könnte man es sich wieder bequem machen und auf den Populismus verweisen, aber der Erfolg desselbigen setzt fast immer Umstände voraus, die nicht selten auf dem Versagen jener beruhen, die sich nicht für populistisch halten. Und davon gab es reichlich.

Leben im selben Staat - aber nicht in derselben Wirklichkeit

So entsteht ein Land, das organisatorisch noch funktioniert, aber innerlich weniger verbunden ist. Man lebt im selben Staat, aber nicht mehr selbstverständlich in derselben Wirklichkeit.

Die Forsa-Zahlen beweisen keinen Untergang. Aber sie sind ein Warnsignal. Viele Menschen spüren, dass das Miteinander nicht mehr selbstverständlich trägt. Sie nennen es Respektlosigkeit, Aggressivität, Egoismus oder Intoleranz. Dahinter steht mehr: die Erfahrung, dass gemeinsame Normalitäten zerbröseln und neue nicht mehr ausreichend gemeinsam entstehen. 

Zusammenhalt zerbröselt im Alltag

Eine freie Gesellschaft kann Individualisierung, Vielfalt und Streit aushalten. Was sie nicht aushält, ist der Verlust jener Mindestgemeinsamkeit, die Streit zivilisiert.

Der Zusammenhalt verschwindet selten mit einem großen Knall. Meist zerbröselt er im Alltag: in der Sprache, im Blick auf den anderen, in der Gewöhnung an Verachtung. Am Ende ist nichts mehr, wie es war und es bleibt nicht einmal die Erinnerung.

Was bedroht den Zusammenhalt am stärksten?

Die Debatte

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