Seelischer Stress kann sich in Zähneknirschen äußern. Kann eine Kiefermassage ihn auflösen? Unsere Autorin hat den Selbstversuch gewagt.
Die Sängerin LeAnn Rimes liegt mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einem Behandlungstuhl, ihr Kopf wird fixiert. Eine behandschuhte Hand greift in ihren Mund und presst einen Finger mit großer Kraft von innen gegen ihren Kiefer. Das Gesicht der US-Amerikanerin läuft rot an, sie reißt die Augen auf vor Schmerz. Dann bricht sie in Tränen aus. Im Netz kursieren seit einiger Zeit Videos, wie dieses – in denen Menschen Rotz und Wasser heulen, nachdem ihnen der Kiefer massiert wurde.

Mit der Lockerung des Musculus masseter sollen sich nämlich lang aufgestaute Traumata und Stress auflösen. Die Folge: Tränen des Glücks und der Erleichterung. Ich trage seit gut 16 Jahren jede Nacht eine Beißschiene und weiß, welche unerträglichen Schmerzen eine verspannte Kiefermuskulatur auslösen kann. Aber seelische Belastungen wegmassieren? Ich gehe dem auf den Grund: Was sagen Experten? Können Studien den Effekt belegen? Und wie fühlt sich der Selbstversuch an?
Erschreckende 22 bis 30 Prozent der Bevölkerung leiden unter Bruxismus, also dem Zusammenpressen, Hacken oder Knirschen mit den Zähnen. Dabei wirken Kräfte, die gut das Zehnfache des normalen Kaudrucks erreichen können. Das entspricht einer Last von bis zu 100 Kilogramm pro Zahn. Die Ursachen sind vielfältig: „Dabei spielen emotionaler Stress, psychische Erkrankungen und Schlafstörungen eine wichtige Rolle“, erklärt mir Prof. Dr. Ingrid Peroz von der Abteilung für Zahnärztliche Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre an der Berliner Charité.
Studien zeigen eindeutig, dass es einen Zusammenhang zwischen Ängsten, Stress, Depressionen und Bruxismus gibt. Wer unter Anspannung steht, scheint dazu zu tendieren, sich buchstäblich festzubeißen. Tatsächlich ist unser Gehirn neuronal eng mit dem Kiefer verknüpft. „Der Kiefer ist das Organ, über das wir kommunizieren. Dinge, die wir nicht aussprechen oder herunterschlucken, manifestieren sich als muskulärer Widerstand im Kiefergelenk“, betont der Physiotherapeut und ganzheitliche Körpertherapeut Aaron Jurenka. Sein Fokus: Angewandte Psychosomatik – also die Wechselwirkung von Gedanken, Nervensystem, Emotionen und körperlichen Symptomen.
Kann man aber im Umkehrschluss auch das aus dem Kiefer wegmassieren, was uns seelisch belastet? Belastbare Studien gibt es hierzu nicht. „Die rein mechanische Bearbeitung reicht nicht aus, um seelischen Schmerz oder Stress loszuwerden“, erklärt auch Jurenka. Er selbst setzt deshalb auf eine Kombination aus emotionaler Aufarbeitung und Kiefer-Lockerung, bei der ergründet wird, welche Emotionen mit dem körperlichen Schmerz verknüpft sind.
Rücken, Schultern, Kiefer: Tragen sie emotionale Last?Ich treffe Jurenka an einem sonnigen, frühen Freitagabend in einer Praxis etwas außerhalb Berlins. Im Vorfeld hat er mich gebeten, einen Fragebogen auszufüllen, in dem es unter anderem um meine Glaubenssätze, meine Kindheit und Situationen ging, die mir Angst oder mich wütend machen. Als ich Jurenka nun gegenüber sitze, wird mir klar, wie viel er jetzt schon über mich weiß. Mir ist das unangenehm. Normalerweise bin ich kein offenes Buch, in dem jeder einfach so lesen darf. Aber ich weiß, dass es hier darum geht, sich vollumfänglich der Erfahrung zu öffnen.
Wir gehen also den Fragebogen durch und sprechen über meine körperlichen Beschwerden – vom verspannten Kiefer über meine Kalkschulter hin zu den Schmerzen in der Lendenwirbelsäule. Nichts davon verwundert den Therapeuten: „Das passt absolut ins Gesamtbild.“ Ich weiß nicht, was er meint. „Emotionale Last wirkt sich häufig auf Schultern, Rücken und den Kiefer aus“, erklärt er mir. Einen Teil der Last soll ich idealerweise in dieser Sitzung ablegen – oder zumindest soll sie mir bewusst werden. Dafür ziehen wir um in einen der drei Behandlungsräume – ein helles, gelb gestrichenes Zimmer. Ich lege mich auf eine Liege, eine Rolle unter meinen Knien.

Der Physiotherapeut, Osteopath und manuelle Therapeut Aaron Jurenka lebt in Radolfzell am Bodensee. Für seine Arbeit ist er in ganz Deutschland unterwegs.© FUNKE Foto Services | Michele Tantussi
Jurenka legt seine Hände auf meinen Kopf. Ich soll die Augen schließen und in mich hineinfühlen: Wo besteht Druck, vielleicht sogar Schmerz? Im Rücken zieht es, mein Kopf ist schwer. Ich atme ein paarmal tief ein und aus, dennoch stehe ich immer noch unter Strom. Loslassen und entspannen – mein altes Problem. Wir sprechen darüber, was dahintersteckt. Verantwortung, Kontrolle, Sicherheit, Verlustangst – Themen, die im Vorgespräch angerissen wurden, kommen jetzt wieder hoch. Immer wieder atme ich tief ein und aus und sage Sätze, wie: Ich gebe die Verantwortung ab.
Massage für den Kiefer sollte gar nicht wehtunSchließlich beginnt Jurenka, sich dem Kiefer zu widmen: Mit weißen Latexhandschuhen ausgestattet, drückt er mit dem Daumen auf der Innenseite meiner Wangen gegen den Masseter-Muskel, während der Rest der Hand auf der Außenseite liegt. Die Massage beginnt mit Streichbewegungen vom Ohr Richtung Kinn. Ich bereite mich auf massive Schmerzen vor – doch es tut so gut wie gar nicht weh. „Es ist kein extremer Druck nötig, um den Muskel zu lockern. Schmerz ist nur ein zusätzliches Trauma. Das ersparen wir dem Körper“, erklärt der Experte. Während erst die linke, dann die rechte Kieferseite massiert wird, fragt mich Jurenka, was mir durch den Kopf geht.
Alte Gefühle von Wut und Kummer kommen hoch und mir schießen Tränen in die Augen. Und noch während ich beschließe, dass ich hier sicher nicht anfangen werde zu weinen, liege ich heulend auf der gelben Liege. Nach einigen Minuten ebbt das Gefühl ab. Ob es mich auch ohne Kiefermassage, nur durch das Gespräch, derart überkommen hätte? Könnte sein. Ich weiß es wirklich nicht. Am Ende fühle ich mich ausgelaugt, aber körperlich leichter. Mein Kiefer kommt mir weicher und schmaler vor. Interessanterweise sind auch meine Rückenschmerzen für den Moment verschwunden.
Um langfristig die Selbstheilungskräfte anzuregen, seien normalerweise ein paar Sessions im Abstand von mehreren Wochen nötig, erklärt Jurenka. „Unsere Behandlung wird jetzt noch einige Zeit nachwirken. Gönnen Sie sich deshalb etwas Ruhe am Wochenende“, rät er mir, bevor ich mich nach ca. 3,5 Stunden auf den Heimweg mache. Am Tag nach der Sitzung geht es mir nicht gut. Ich habe Kopfschmerzen und bin emotional erschöpft. Außerdem habe ich eine Art Muskelkater im Kiefer. Dieses Tief ist am Montagmorgen verschwunden und ich fühle mich wie vor der Behandlung.
Fragebogenanalyse mit Krankheitsverlauf und Biografie, Aufarbeitung im Gespräch und Behandlung kosten normalerweise satte 399 Euro. Ich musste für den Selbstversuch nichts zahlen – ob ich das Geld investieren würde? Eher nicht. Dazu kann ich zu schlecht einschätzen, ob die Behandlung langfristig wirklich etwas bringt, und: Es ist mir alles ein wenig zu persönlich. So richtig wohlfühle ich mich damit leider nicht.
Dennoch habe ich dank Jurenka die Erkenntnis gewonnen, dass ich meinen Blick häufiger nach innen richten und mehr auf meinen Körper hören sollte: „Wer Stressmomente und Widerstände erkennt, wenn sie entstehen, kann ihnen entgegenwirken, bevor sie sich zum Beispiel im Kiefer festsetzen. Es hilft, Dinge nicht in sich hineinzufressen.“ Charité-Professorin Peroz rät ebenfalls, „sich immer wieder daran zu erinnern, den Unterkiefer zu entspannen“.
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