Breaking News aus dem Ruhebereich: Warum man im Großraumabteil der Deutschen Bahn besser nicht auf Lautsprecher telefonieren sollte.
Für alle zum Mithören: Nicht nur Manager und Managerinnen sollten noch einmal nachdenken, bevor sie beim Telefonieren im Zug die Lautsprechertaste drücken
Foto: Westend61 / Getty ImagesIch war neulich in Japan. Es gibt vieles, was ich an diesem Land mag: die Sauberkeit, die Höflichkeit der Menschen, aber vor allem die öffentlichen Verkehrsmittel. Allein das Warten auf Bus und Bahn erfolgt geordnet in dafür vorgesehenen Schlangen, auch das Ein- und Aussteigen geht ohne Drängeln und Schubsen vonstatten. Wenn sich Menschen unterhalten, dann so leise, dass sich niemand gestört fühlt. Der Müll wird nicht irgendwo in die Ecke geschmissen oder auf dem Sitz liegen gelassen, sondern mitgenommen. Aber der für mich wichtigste Punkt: Niemand telefoniert in der Bahn (außer ignoranten Ausländer*innen), Handys sind selbstverständlich auf lautlos geschaltet und keiner nutzt sein Smartphone ohne Kopfhörer.
Zurück in Deutschland war es vorbei mit der japanischen Zurückhaltung. Auf die Rempelei beim Ein- und Aussteigen könnte ich natürlich verzichten, doch Unterhaltungen empfinde ich eigentlich als positiv und Telefonate in normaler Stimmlage stören mich auch nicht. Ich bekenne mich schuldig, tue ich selbst ja auch manchmal.
Anders verhält es sich mit der Lautsprecherfunktion am Smartphone. Diese wurde meines Erachtens nicht dazu erfunden, alle Umstehenden mitzuunterhalten. Das Abhören von Sprachnachrichten, Telefonieren, Abspielen von Social-Media-Videos oder auch gern mal eines kompletten Films, alles auf Lautsprecher, ist leider keine Seltenheit in der Öffentlichkeit. Sie denken jetzt vielleicht, dass das nur die smartphonesüchtigen „jungen Leute“ sind. Doch sogar in Flughafenlounges – üblicherweise eher ein Sammelbecken von mittelalten bis älteren Menschen –, in denen es sogar Telefonkabinen gibt, sind Telefonate via Lautsprecher keine Seltenheit. Kürzlich konnte ich die Organisation des nächsten Rotarier-Treffens mitverfolgen. Ich versuchte, dem Herrn mein bestes „Side Eye“ zu geben (für Leser*innen ohne Gen Z zu Hause, das ist ein missbilligender Blick). Klappte leider nicht. Er ignorierte mich, bis ich altersgerecht aufstand und ihn bat, doch bitte auf die Lautsprecherfunktion zu verzichten – oder noch besser, gleich in eine der Telefonkabinen zu gehen.
Eine Zeit lang dachte ich ja, die Taubheit der Kopfhörertragenden ist nicht zu toppen, doch die wurden jetzt definitiv durch die Lautsprechernutzer*innen von meiner internen Shitlist verdrängt. Vielleicht denken manche von Ihnen, ich solle mich in Toleranz üben, denn das sei zwar nervig, es gebe aber Schlimmeres. Vielleicht haben Sie recht.
Doch es sind leider nicht nur Belanglosigkeiten, die man zu hören bekommt. Wer regelmäßig mit der Bahn fährt, ist danach über die Changeprozesse in so einigen Konzernen im Bilde. Und das ist in der Öffentlichkeit dann nicht einfach nur nervig für Mitreisende, sondern arbeitsrechtlich kritisch. Denn betriebliche Interna sollten genau das bleiben: intern. Streng genommen müssen Sie auch innerhalb Ihres Unternehmens abwägen, wie vertraulich die Informationen sind oder für welchen Kreis bestimmt, bevor Sie mit Kolleg*innen darüber sprechen. Hier immer die richtige Abgrenzung zu finden, ist gar nicht so einfach. Doch eines ist offensichtlich und braucht wenig Fingerspitzengefühl: Der ICE ist für Meetings nicht der richtige Ort.
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Da hilft es auch nicht, wenn manch eine*r versucht, den Firmennamen zu verklausulieren, während gleichzeitig die Laptoptasche mit Logo und der voll einsehbare Bildschirm ohne Blickschutz jegliche Geheimniskrämerei obsolet machen. Weder Vertriebsdurchsprachen mit detaillierten Preisen noch Performance-Reviews des Teams sind Themen für den öffentlichen Personennahverkehr. Manchmal habe ich bei auf dem Tisch liegenden Bewerberlisten mit Klarnamen fast Lust zu fragen, ob die Entscheider*innen schon mal etwas von Datenschutz gehört haben.
Dass Firmeninterna vertraulich behandelt werden müssen, ist kein „nice to have“, sondern unterliegt arbeitsvertraglichen Verschwiegenheits- und Rücksichtsnahmepflichten. Wer dagegen verstößt, dem drohen arbeitsrechtliche Konsequenzen. Das kann eine Abmahnung sein, je nach Fall kann sogar die Kündigung drohen. Flapsig gesagt ist die 1. Klasse im ICE ein naheliegender Akquiseort für Arbeitsrechtler*innen. Sie könnten Visitenkarten mit dem Hinweis verteilen, dass sie gern ihre Dienste anböten, sollte das eben Überhörte zu Schwierigkeiten führen. Besser wäre es allerdings, reisende Mitarbeitende klar und deutlich auf ihre Pflichten hinzuweisen.
Als sich neulich ein Mann über seinen idiotischen Chef beschwerte und dessen Verfehlungen ausließ, musste ich irgendwann schmunzeln. Die Firma des Herrn hatte ich am Logo der Jacke erkannt, und im Laufe der detaillierten Tiraden wurde mir auch klar, wer sein Chef sein musste. Ich kenne den ganz gut. Beim Aussteigen konnte ich es mir nicht verkneifen, ich tippte dem Herrn auf die Schulter und sagte leise zu ihm: „Ich werde dem Herrn X dann mal ausrichten, was er für ein Depp ist. Vielleicht hilft’s ja was.“ Er errötete und war tatsächlich sprachlos. Seinem Chef habe ich übrigens nichts erzählt.
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