Die europäischen Autobauer haben es schon heute in China schwer. Mit gezielter Förderung und erleichterten Börsenregeln versuchen die Mächtigen in Peking nun auch kleine und mittelständische Unternehmen aus dem Ausland anzugreifen. Eine Warnung.
Ein Gastbeitrag von Alexander Brown, Francois Chimits und Gregor Sebastian
Die europäischen Autobauer haben es schon heute in China schwer. Mit gezielter Förderung und erleichterten Börsenregeln versuchen die Mächtigen in Peking nun auch kleine und mittelständische Unternehmen aus dem Ausland anzugreifen. Eine Warnung.
24.11.2023, 10.13 Uhr
Gute Laune: Chinas Premierminister Li Qiang (l.) Ende September mit Staatschef Xi Jingping in der Großen Halle des Volkes
Foto: JADE GAO / AFPDeutschland gilt als Land der "Hidden Champions". Zahllose kleine und mittelgroße Unternehmen sind hierzulande mit Spezialprodukten in strategisch wichtigen Wirtschaftszweigen erfolgreich. Was größere Firmen schon seit einiger Zeit beschäftigt, droht nun auch ihnen: Konkurrenz aus China. Die Regierung von Xi Jinping fördert tausende von kleineren und mittelgroßen Hightech-Firmen, vom Maschinenbauer bis zum Spezialisten für Elektromobilität. Das Fernziel: ausländische Importe durch auf dem einheimischen Markt erzeugte, innovative Produkte zu ersetzen.
Gregor Sebastian, Francois Chimits und Alexander Brown (v.l.) haben als Analysten für das 2013 in Berlin gegründete Mercator Institute for China Studies (MERICS) die Studie "Der Beschleuniger-Staat: Wie China Unternehmen zu 'Kleinen Riesen' macht " verfasst. Alle drei sind ausgewiesene China-Experten. Brown hat einen Forschungsschwerpunkt beim Thema Industriepolitik, Chimits kümmert sich vor allem um die ökonomische Entwicklung in China. Sebastian hat das Institut Anfang November verlassen.
Schon 2018 hat Peking ein von Deutschland inspiriertes Programm zur Züchtung sogenannter "Little Giants" gestartet. Es soll vielversprechenden Unternehmen helfen, zu "Kleinen Riesen" in ihren Bereichen heranzuwachsen. Gerade erhielt das Programm neuen Schub, als Premierminister Li Qiang forderte, chinesische Firmen müssten Schlüsseltechnologien entwickeln, um die wirtschaftliche Sicherheit des Landes sicherzustellen. Pekings Ziel ist heute weniger Wachstum (und damit weniger Handel mit dem Westen) als vielmehr technologische Selbstständigkeit.
Pekings Mittel, um kleinere Hightech-Unternehmen zu fördern, sind reichhaltig: ein dynamisches, mehrstufiges Bewertungssystem hilft, innovative Firmen zu finden. Die Provinzregierungen haben 98.000 "spezialisierte Hightech-Unternehmen" identifiziert, während nationale Behörden mehr als 12.000 besonders vielversprechende "Kleine Riesen" ausgewählt haben.
Leichte Wege an Chinas BörsenWer in das Förderprogramm aufgenommen werden will, muss in einem von zehn Prioritätssektoren tätig sein. Dazu gehören zum Beispiel Steuerungstechnik, E-Autos oder medizinische Geräte. Weitere Bewertungskriterien sind das Potenzial eines Unternehmens, mit seinen Produkten Importe aus dem Ausland zu ersetzen, oder ein relevanter globaler Marktanteil bei innovativen Nischenprodukten.
Durch die staatliche Unterstützung können die Auserwählten mit Großunternehmen und Universitäten kooperieren. Sie werden außerdem in Fragen des geistigen Eigentums unterstützt – und vor allen Dingen auch finanziell gefördert. Der Staat steht ihnen von Anfang an als geduldiger Investor zur Seite, die Unterstützung fließt aus staatlichen Fonds und über günstige Kredite chinesischer Banken, die die "Kleinen Riesen" in eigens dafür geschaffenen Abteilungen beraten.
Auch auf den Aktienmärkten können die Firmen dank vereinfachter Zugangsvoraussetzungen leichter Kapital einsammeln. 2022 gingen 40 Prozent der Notierungen an den Börsen in Shanghai, Shenzhen und Peking an "Kleine Riesen". Im September nahm zum Beispiel Hubei Kait Automotive beim Börsengang in Peking 133 Millionen chinesische Yuan (rund 15 Millionen Euro) ein. Der Lieferant von Automobilelektronik und Sensoren zählt den chinesischen Autobauer BYD und Volkswagen zu seinen Kunden.
Es gibt zahlreiche "Kleine Riesen", die Chinas Aufstieg im Bereich der Elektromobilität unterstützen. Guizhou Anda produziert Batteriematerialien für große chinesische Hersteller wie CATL, BYD und CALB. Das Unternehmen wurde im März 2023 an der Börse in Peking notiert und nahm 650 Millionen Yuan (rund 88 Millionen Euro) ein. Welion, ein Anbieter von Hochleistungs-Festkörperbatterien, baut seine Produktionskapazitäten rasch aus und plant, bis 2025 an die Börse zu gehen. Die Firma hat bereits Nio als Kunden gewonnen und Berichten zufolge das Interesse von Unternehmen wie Volkswagen und Mercedes-Benz geweckt.
Chinas Streben nach eigenen Hidden Champions fordert nicht nur deutsche, sondern auch europäische Firmen heraus. Sie könnten in China und weltweit Marktanteile verlieren. Die wichtigsten Exportwaren aus der EU nach China sind Maschinen und Fahrzeuge, insgesamt exportiert Europa Güter im Wert von 230 Milliarden Euro dorthin. Etwa 40 Prozent davon könnten durch chinesische Wettbewerber bedroht sein.
Ausländische Unternehmen, die in China produzieren, sind weniger anfällig für Chinas Bemühungen, die Lieferketten zu sichern. Doch die einheimische Konkurrenz wird stärker, insbesondere in Sektoren, die China als strategisch wichtig definiert. Etwa dem Maschinenbau, in dem vor allem deutsche Unternehmen in China aktiv sind.
Für Europa gilt es angesichts der heranwachsenden "Kleinen Riesen" zu handeln. Die chinesische Industriepolitik verschränkt geschickt staatliche Lenkung und die Nutzung von Marktmechanismen. Das schwer zu analysierende Geflecht macht es politischen Akteuren oft schwer, ihre Forderungen nach fairen Wettbewerbsbedingungen gegenüber chinesischen Gesprächspartnern mit konkreten Daten zu untermauern. Die EU muss ihre eigenen Hidden Champions unterstützen. Investitionen sind nötig, etwa in Institutionen wie den KMU-Handelsschutz-Helpdesk der EU-Kommission für kleine und mittlere Unternehmen.
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Betroffene europäische Unternehmen wiederum müssen im Umgang mit China ihre Kerntechnologien und ihr geistiges Eigentum besser schützen. Chinas ehrgeiziges Hightech-Unternehmen-Programm sollten sie als Weckruf verstehen. Die Zeiten, in denen europäische Unternehmen aufgrund ihrer Spezialisierung und ihres technologischen Vorsprungs in China unanfechtbar waren, gehen zu Ende. Der europäische Automobilsektor sieht im Bereich E-Mobilität im Wettbewerb mit China gerade seine Felle davonschwimmen, die Hidden Champions könnten die nächsten sein.
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