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Selbstversuch: Zwei Stunden im „Alters-Anzug“ reichen und ich schaue alte Menschen nie wieder genervt an

Дата публикации: 10-03-2026 11:34:00




Ein in Saarbrücken entwickelter Anzug simuliert körperliche Einschränkungen im Alter. Unser Autor hat ihn getragen und dabei erlebt, wie selbst einfache Aufgaben zur Herausforderung werden. Was der Test über das Leben älterer Menschen verrät.



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Selbstversuch Zwei Stunden im „Alters-Anzug“ reichen und ich schaue alte Menschen nie wieder genervt an

Ein in Saarbrücken entwickelter Anzug simuliert körperliche Einschränkungen im Alter. Unser Autor hat ihn getragen und dabei erlebt, wie selbst einfache Aufgaben zur Herausforderung werden. Was der Test über das Leben älterer Menschen verrät.

10.03.2026 , 12:34 Uhr

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Mit diesem Anzug fühlt man sich plötzlich 70 Jahre alt

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Foto: Christine Funk

Zwei Stunden lang habe ich gestaubsaugt, gewischt, Wäsche gefaltet und Altpapier entsorgt – und möchte danach nur noch sitzen. Nicht aus Trägheit, sondern weil mein Körper sich anfühlt, als hätte ich einen halben Marathon hinter mir. Dabei ist an diesem Samstagmorgen nur eine Sache anders als sonst: Ich trage einen „Age Suit“. Der Anzug macht mich auf einen Schlag 30 Jahre älter. Welche Folgen hat das für meinen Alltag?

Jeder Schritt, jeder Handgriff kostet Planung

Der „Age Suit“ besteht aus Gewichten an Armen und Beinen, einer schweren Weste, Bandagen an Knien und Ellenbogen, Ohrschützern, einer Halskrause und einer Brille, die Farben verändert und das Sichtfeld einengt. Ziel ist es, einen gesunden 70-jährigen Menschen zu simulieren – mitsamt körperlichen, altersbedingten Einschränkungen.

Entwickelt wurde der Anzug in Saarbrücken, im Meyer-Hentschel-Institut, das seinen Standort am Science Park 2 in unmittelbarer Nähe zur Universität des Saarlands hat. Vor Ort wurde ich eingewiesen, wie ich den „AgeMan“ – so der Name des Anzugs – anlege und konnte ein wenig schlendern. Das war vom Kraftaufwand noch in Ordnung, bei mir zu Hause wird es schon schwieriger.

Schon nach wenigen Minuten wird klar, wie selbstverständlich Geschwindigkeit im Alltag sonst ist. Plötzlich ist nichts mehr „nebenbei“: Jeder Schritt, jeder Handgriff muss überlegt sein. Ich merke schnell, dass ich mit meinen Kräften haushalten muss.

Kleine Aufgaben werden zu großen Hürden

Nachdem ich zwei Stockwerke Altpapier hochgeschleppt habe, brauche ich eine Pause. Die Griffkraft fühlt sich wie halbiert an, jeder Schritt bergauf – oder eben die Treppe – fällt schwer. Ans Einkaufen will ich gar nicht denken. Und bevor ich etwas wegräume, überlege ich zweimal, ob ich es in fünf Minuten nicht doch wieder brauche.

Unterm Strich bleibt eine bittere Erkenntnis: Alles dauert länger. Alles muss geplant werden. Spontanität? Fehlanzeige.

„Es ist die Geschwindigkeit, die wir im Alter verlieren“, sagt Institutsleiter Gundolf Meyer-Hentschel, der den Alterssimulationsanzug mit dem Namen „AgeMan“ entwickelt hat. Es ist ein Klassiker in der Wahrnehmung älterer Menschen: Situationen, die für Jüngere selbstverständlich sind, dauern bei Senioren oft deutlich länger – und ziehen nicht selten geringschätzige Blicke nach sich.

Ein Anzug für Pflege, Verkauf und Produktdesign

Entwickelt wurde der Altersanzug, um Sensibilität für die Lebensrealität älterer Menschen zu schaffen. Er wird in Schulungen von Pflegeeinrichtungen eingesetzt, aber auch im Verkauf, im Produktdesign und in der Architektur. Unternehmen wie Möbel Martin oder Dm-Drogeriemarkt haben bereits mit dem Meyer-Hentschel-Institut zusammengearbeitet, um Mitarbeitende zu sensibilisieren.

Vielen ist nicht bewusst, wie stark sich auch die Farbwahrnehmung im Alter verändert – unabhängig davon, ob die Augen gesund bleiben. Was für junge Menschen eindeutig grün ist, kann für ältere Menschen rötlich wirken. Im Verkauf führt das nicht selten zu Situationen, in denen schnell ein Streit über die Farbe des präsentierten Sofas entsteht.

Meyer-Hentschels Tipp für Verkäuferinnen und Verkäufer: „Diskutieren Sie nie über Farben. Am Ende streitet man über etwas, das beide völlig unterschiedlich sehen.“

Mobilität im Alter: der verlorene Schulterblick

Am eindrücklichsten ist für mich die Halskrause. Sie lässt den Kopf nur minimal drehen. Ein Schulterblick gelingt mir im Anzug nicht mehr – und genau diese Einschränkung haben viele Seniorinnen und Senioren dauerhaft.

„Ein richtiger Schulterblick ist bei Menschen über 70 oftmals illusorisch“, fasst Meyer-Hentschel zusammen. Für den Straßenverkehr ist das alles andere als ideal. Doch gerade in ländlichen Gebieten bleibt das Auto für viele Ältere unverzichtbar – oft ist es die einzige Möglichkeit, selbstbestimmt einkaufen zu fahren oder Arzttermine wahrzunehmen.

Der emotionale Moment: Erkenntnis – und Scham

Nach einigen Stunden im Anzug zeigt sich ein überraschender psychologischer Effekt: Erkenntnis – und ein wenig Scham. Ich gehe meine Erinnerungen durch und suche nach Momenten, in denen ich selbst zu wenig Verständnis für ältere Menschen aufgebracht habe.

Unterm Strich sind es gar nicht mal so wenige Momente, die mir in den Sinn kommen. Die letzten beiden Stunden haben mich verändert. Ich schwöre mir: kein genervtes Schnauben mehr, wenn es an der Kasse „zu lange dauert“, keine bösen Blicke, wenn mir auf dem Weg zur Bahn vermeintlich jemand im Weg steht.

Viele merken im „AgeMan“, wie anstrengend selbst grundlegende Bewegungen sind: Treppensteigen, Bücken, Aufstehen – alles verlangt Kraft, Planung und eine ständige Risikoeinschätzung. Der spontane Besuch bei Freunden? Wird zur logistischen Aufgabe. So entsteht soziale Isolation oft nicht aus Unwillen, sondern aus Erschöpfung.

Warum gerade Ältere den Anzug oft ablehnen

Interessanterweise lehnen in Seminaren ausgerechnet Mitarbeitende den „Age Suit“ häufig ab, die schon näher an der Rente als an der Ausbildung sind. „So geht es mir ja schon“, hören die Mitarbeitenden des Instituts dann oft. Wer den Anzug dennoch anzieht, erlebt ihn als eine Art Vorschau – realistisch, aber unangenehm ehrlich.

Klar ist auch: Wer körperlich fit ist, hat Vorteile. Bereits ab dem 30. Lebensjahr verlieren Menschen jährlich rund ein Prozent Muskelmasse – wenn sie nichts dagegen tun. Ein Fakt, den der Anzug auf beklemmende Weise spürbar macht.

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