Alexander von Humboldt
Nicht nur in der Dichtung, der Philosophie und der Musik, sondern auch in der Naturwissenschaft haben wir Deutschen große Geister hervorgebracht. Es ist nicht zu viel gesagt, wenn ich sage, daß wir es hierin mit den alten Griechen aufnahmen können. Dazu hat unser Alexander von Humboldt nicht wenig beigetragen und so feiern wir seinen heutigen Geburtstag gerne. Zur Welt kam er 1769 in Berlin als Sohn eines preußischen Kammerherren und einer Bürgerstochter. Sein Lebensweg schien daher auf eine Beamtenlaufbahn hinauszulaufen. Sein Studium führte ihn an die Universitäten von Frankfurt an der Oder, Göttingen, Hamburg und Jena, wo er eine beachtliche Anzahl von Fächern studierte. Kameralistik, Altertumswissenschaften, Medizin, Physik, Mathematik, Chemie, Wirtschaft, Geologie, Anatomie und Astronomie - man nannte unseren Alexander von Humboldt daher nicht zu Unrecht einen zweiten Aristoteles. Nach einer kurzen Zeit im preußischen Staatsdienst, während welcher unser Naturforscher mit dem Bergbau befaßt war und diesem ziemlich auf die Sprünge half, folgte das Dasein als freischaffender Naturforscher. Höhepunkt war die Reise nach Südamerika, die von 1799 bis 1804 dauerte und deren wissenschaftliche Nachbearbeitung mehr als 20 Jahre in Anspruch nahm. Im Jahre 1829 unternahm unser Humboldt seine zweite Reise. Sie führte in zum Ural und nach Sibirien und wurde ebenfalls wissenschaftlich ausgewertet. Da ließen die akademischen Weihen und Würden nicht lange auf sich warten und so wurde unser Alexander von Humboldt 1805 in die preußische Akademie der Wissenschaften aufgenommen und zum Kammerherrn ernannt. Die Bücher unseres Humboldts tragen die Namen „Ansichten der Natur“, „Beobachtungen aus der Zoologie und vergleichenden Anatomie auf der Reise nach den Tropenländern des neuen Kontinents“, „Fahrt auf dem Orinoko. Reisebericht in Auszügen“, „Versuche über die gereizte Muskel- und Nervenfaser nebst Vermutungen über den chemischen Prozess des Lebens in der Tier- und Pflanzenwelt“, „Über die unterirdischen Gasarten und die Mittel, ihren Nachteil zu vermindern“, „Über die zunehmende Stärke des Schalls in der Nacht“, „Mineralogische Beobachtungen über einige Basalte am Rhein“, „Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Kontinents“, „Mineralogisch-geognostische Reise nach dem Ural, dem Altai und dem Kaspischen Meere“, „Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung“, „Pittoreske Ansichten der Kordilleren und Monumente amerikanischer Völker“, „Beobachtungen über den elektrischen Aal des neuen Weltteils“ oder „Zentral-Asien. Untersuchungen zu den Gebirgsketten und zur vergleichenden Klimatologie“ und der Name ist hier wahrlich Zeichen (wie die alten Römer zu sagen pflegen). Bevor es Funkfernsprechgeräte und Klapprechner im Vorlesungssaal gab, haben die Studenten tatsächlich mitgeschrieben und so besitzen wir eine Mitschrift der Vorlesung zum Werk Kosmos, genannt „Über das Universum“:
„Anstatt der Definition des Wortes Naturgeschichte, will ich es versuchen ein Bild der Natur selbst zu entwerfen. Ich kann dazu keine bessere Einleitung geben, als eine Übersicht der Zustände im Allgemeinen, in welchen uns die Materie im Weltraume erscheint. Wir nehmen sie wahr in zweierlei Gestalt: Erstens zu Weltkörpern geballt, und Zweitens, als Dunstmasse dazwischen verbreitet. Ich fange mit denjenigen Körpern an, welche in der Lichtbildung begriffen scheinen. Durch Herschelsche und Frauenhofersche Teleskope bemerkt man nämlich Nebelsterne, welche einen mehr oder minder hellen Kern, mit einer Lichthülle umgeben zeigen: in dieser Lichthülle nimmt man ein Ab und Zunehmen der Lichtstärke wahr, eine Ebbe und Flut. Sie mögen zu den primitiven Formationen, zu den Uranfängen des Agregatzustandes gehören. Es scheinen dies Sonnen zu sein, die nicht von Sternen, nicht von einzelnen Weltkörpern, sondern von einem leuchtenden Fluidum, einem Lichtstoffe umgeben sind, der sich noch nicht zu sphärischen Weltkörpern gebildet hat, oder aus dem vielleicht der Zentral Stern durch eine anfangende Verdichtung entstanden ist. Andere dieser Lichtmassen am Himmel, denen die Astronomen den Namen der Nebelflecke gegeben haben, lösen sich vor den Teleskopen in einzelne helle Punkte auf, die aber wahrscheinlich nur näher zusammenstehende Systeme von Sonnen, welches Milchstraßen sind, die wenigstens um 100 ihrer Dunstmassen von uns entfernt sind. – Herschel hat diese entfernten Milchstraßen am ganzen Himmel aufgesucht, und es sind davon bereits über 3000 entdeckt worden. Die aufgeklärtesten alten Philosophen vermuteten schon, daß das nie erlöschende, unbewegliche Licht der Milchstraße von unzählichen Sternen entstehen müsse, die wegen der großen Entfernung einander so nahe scheinen, daß ihr Licht zusammenfließt, und wir sie nicht unterscheiden können. Die Neueren zweifelten nicht an der Richtigkeit dieser Erklärung, obgleich sie selbst durch die stärksten Fernröhre nicht mehr einzelne Sterne entdeckten, als an andern Stellen des Himmels. – Die Fernröhre, welcher sich die Astronomen im 17ten Jahrhundert bedienten, waren von einer unbequemen, und übertriebenen Länge. Auf Befehl Ludwig XIVten wurde von Campani in Bologna ein Fernrohr von 250 Fuß Brennweite verfertigt, durch welches der große Cassini die zwei nächsten Trabanten des Saturn entdeckte. Auzout in Frankreich brachte sogar ein Objektiv von 600 Fuß Brennweite zu Stande, das aber aus Mangel einer schicklichen Vorrichtung nicht gebraucht werden konnte. Herschel gelang es endlich, durch die Vergrößerung und Lichtstärke seines 20 Fuß Teleskops, den Schimmer der Milchstraße vollkommen in kleine Sterne aufzulösen, die sich deutlich von einander unterscheiden lassen; auch bemerkte er in der Tat, daß jede Stelle der Milchstraße um so sternenreicher ist, je glänzender sie dem bloßen Auge erscheint. – Um sich einen Begriff von der unzähligen Menge der Sterne zu machen, die den Schimmer der Milchstraße hervorbringen, bediente sich Herschel des genau bestimmten Feldes seines Teleskops als Maß. Er fand im Durchschnitt, daß ein Raum der Milchstraße von 2° Breite, und 15° Länge nicht weniger als 50,000 Sterne enthält, die noch groß genug waren um deutlich gezählt zu werden, und wenigstens 100,000 die wegen ihres schwachen Lichtes sich nicht mehr zählen ließen. Da nun die Milchstraße im Durchschnitt eine Breite von wenigstens 12° hat, und sich über den ganzen Himmel durch 360° erstreckt, so würde dies wenigstens 20 Millionen Sterne in der Milchstraße geben. – Wären wir aber auch im Stande die Menge der Sterne in der Milchstraße einigermaßen genau zu bestimmen, so würde uns dies bei weitem nicht einen hinlänglichen Begriff von der Unermeßlichkeit auch nur desjenigen Teils des Universums geben, den unser Auge erreichen kann. Wir wissen nicht, wie viele Sternhaufen, der Milchstraße gleich, über den Himmel verbreitet liegen. Es ist offenbar, daß wenn die Milchstraße tausendmal weiter von uns entfernt wäre, die einzelnen Sterne, welche man jetzt noch in ihr entdecken kann, in eben dem Verhältnis an Lichtstärke verlieren, und näher zusammenrücken würden: das Ganze würde endlich zu einer kleinen, matten Wolke einschrumpfen, in der sich keine einzelnen Sterne mehr entdecken ließen. Wenn unser Auge von der Milchstraße nur um einen Durchmesser derselben entfernt wäre, so würde sie uns nur unter einem Winkel von 60° erscheinen, nicht viel größer als das Gestirn des großen Bären; in einer Entfernung von 10 Durchmessern, würde sie nur unter einem Winkel von 2° 25 Min., ungefähr so groß wie das Siebengestirn, und auf 100 Durchmesser unter einem Winkel von 17 Min., kleiner als der berühmte Fleck in der Andromeda erscheinen. Sie würde in dieser Entfernung dem bloßen Auge unsichtbar sein, und durch Fernröhre als ein Wölkchen von schwachem Licht, ähnlich den kleinen Lichtmassen dastehen, denen die Astronomen den Namen der Nebelflecke gegeben haben, und deren, wie früher erwähnt, seit Herschel bereits 3000 am Himmel entdeckt sind...“
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