Christopher Young ist seit Jahrzehnten von Berlin fasziniert. Die Bewerbung für Olympische Spiele sieht der Forscher als große Chance. Wir dokumentieren eine Rede, die er dazu im Sportforum hielt.
Berlin steht vor einer Wahl – einer Wahl, die über das Ansehen und den Wohlstand dieser Stadt entscheiden und jüngeren Generationen für viele Jahrzehnte Hoffnung und Fortschritte bringen wird. Auch andere Teile Deutschlands stehen vor derselben folgenschweren Wahl.
Am 26. September wird nämlich der Deutsche Olympische Sportbund in seiner Generalversammlung in Baden-Baden bestimmen, welche Stadt er als möglichen künftigen Gastgeber der Olympischen Spiele auf deutschem Boden nominieren wird. Höher könnte der Einsatz kaum sein.
Sechs Tage davor steht Berlin selbstverständlich vor einer weiteren, ebenfalls nicht nebensächlichen Wahl.
Wir können nur hoffen, dass die positiven Aussagen der verschiedenen Parteien – trotz ihrer politischen Differenzen und gemeinsamer Sorgen um Mieten und Infrastruktur – der Berliner Bewerbung etwas Schwung verleihen können: „Berlin wird besser. Der Anfang ist gemacht.“ – „Ein Berlin, auf das wir gemeinsam wieder stolz sein können.“ – „Für viele von uns ist Berlin die schönste Stadt der Welt.“
Im Wahlkampf haben alle politischen Gegner zumindest eins gemeinsam: sie glauben an Berlin und hegen die Hoffnung, dass es mit dieser Stadt aufwärts gehen kann. Und das ist auch gut so.
Als Brite, Nordire und Europäer glaube ich auch an Berlin. Geboren 1967 in Belfast, wuchs ich während der „Troubles“ auf, die Nordirland dreißig Jahre lang heimsuchten. Zwischen Schule und Universität verbrachte ich 1987 sechs Monate hier in Berlin im Rahmen eines Praktikums.
Zu den Höhepunkten gehörten die Konzerte von Genesis und David Bowie vor dem Reichstag zur Feier des 750-jährigen Stadtjubiläums sowie die Rede von Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor (ich stand zehn Reihen vor ihm, als er Michail Gorbatschow aufforderte, „diese Mauer niederzureißen und dieses Tor zu öffnen“).
Dazu kam das Knistern beim Hin- und Herüberwechseln über die Grenze nach Ost-Berlin. Mit 19 Jahren, aus einer kleinen und konfliktreichen Provinzstadt am Rand Europas kommend, hatte der Kalte Krieg, muss ich gestehen, durchaus etwas Aufregendes. Jedenfalls war ich gefesselt – emotional und intellektuell habe ich Berlin und Deutschland seitdem nie wirklich verlassen.
In gewisser Hinsicht kann ich vollen Herzens sagen: Ich bin ein Berliner. John F. Kennedy, von dem dieser berühmte Satz stammt, war auch sehr angetan von Berlin.
Wie Willy Brandt in seinen Erinnerungen schrieb: „Im Juni 1963 zog Kennedy, einem Triumphator gleich, in Berlin ein. Der Tag wurde der Höhepunkt von Kennedys Deutschland-Besuch und ein ganz großes Ereignis für die Stadt.“
Die Bilder von Kennedy, Brandt und Konrad Adenauer im offenen Wagen auf den Straßen Schönebergs sind umwerfend und unheimlich zugleich, denn der US-Präsident wurde kaum fünf Monate später, ebenfalls in einer offenen Limousine sitzend, auf den Straßen von Dallas, Texas erschossen.
Am Abend nach der Beerdigung hat Kennedys Witwe Brandt erzählt, ihr Mann habe sich in den dazwischen liegenden Monaten den Dokumentarfilm über seinen Berlin-Besuch wiederholt vorführen lassen.
Im selben Jahr spielte Brandt ernsthaft mit dem Gedanken, die Olympischen Spiele nach Berlin zu holen, um sie sowohl im Osten als auch im Westen zu veranstalten.
Obwohl seinem kühnen und provokanten Versuch kein Erfolg beschieden war, bewegte sich Brandts Initiative – wie der Historiker Noel Cary es einmal so treffend ausdrückte – an der Grenze zwischen „the imaginative and the imaginary“, in etwa zwischen Vision und Illusion. Diese Grenze zu finden und ihr entlangzulaufen – das gelingt nicht jedem Politiker.Wie Brandt es über Kennedy, und im Grunde auch über sich selbst, sagte: Es sei gut, „stets auf der Suche nach neuen Ideen“ zu sein.
Warum die kurze Geschichtsstunde? Einerseits weil ein Historiker nicht anders kann, andererseits weil Olympische Spiele tiefer und enger mit der Geschichte verbunden sind als jede andere Sportveranstaltung.
In diesem wunderbar restaurierten Kuppelsaal sitzen wir ja auf dem größten sich noch im Gebrauch befindenden Gelände der nationalsozialistischen Zeit. Das sollten wir nicht vergessen.
Für viele wären die Spiele von 1936 – wohl die berühmt-berüchtigsten aller Zeiten – selbstverständlich ein unvermeidlicher Referenzpunkt für zukünftige Spiele in der Hauptstadt. Berlin und Deutschland traue ich auf jeden Fall eine einfühlsame und bedeutsame Auseinandersetzung mit ihrem Vorgänger durchaus zu.
Aber 1936 ist nicht der einzige Bezugspunkt. Ich habe an Kennedy und Brandt erinnert, weil vor gut 60 Jahren die Spiele Teil einer kraftvollen Imagination waren, die es wagte, das Unmögliche zu denken, um eine geteilte Welt zu überwinden. Daran anschließend regte Ronald Reagan ein Vierteljahrhundert später vor dem Brandenburger Tor erneut an, die Spiele an Ost- und West-Berlin zu vergeben.
Neben 1936 hat Berlin also eine weniger bekannte, aber nicht unwichtigere olympische Tradition – eine Tradition, die in der tiefen Hoffnung wurzelt, Teilungen überwinden und Menschen gegensätzlicher Ideologien zusammenbringen zu wollen.
Unsere heutige Welt ist leider nicht weniger geteilt als damals. In einer Zeit, in der demokratische Gesellschaften unter Beschuss stehen, in der das Vertrauen der Öffentlichkeit fragil geworden ist und in der die internationale Politik zunehmend Spaltung statt Offenheit belohnt, stellen die Olympischen und Paralympischen Spiele eines der wenigen noch wirklich globalen zivilgesellschaftlichen Rituale dar.
In den kommenden Jahrzehnten werden Europas demokratische Gesellschaften sichtbare Symbole für Offenheit und bürgerliches Selbstvertrauen brauchen. Dabei geht es nicht um abstrakte politische Botschaften, wie damals von Kennedy, Brandt und Reagan, sondern um die inzwischen dringender gewordene Frage, ob und inwieweit liberale Demokratien überhaupt noch in der Lage sind, ehrgeizige Gesellschaftsprojekte zu organisieren, die Vertrauen stärken und Begeisterung entfachen.
Berlin ist in einer einzigartigen Position, sich dieser wichtigen Herausforderung zu stellen. Genau dazu ist Berlin heute aufgerufen. Das wäre Grund genug, die Spiele hier zu veranstalten.
Aber es gibt auch andere. Deutschland hat die Olympischen Sommerspiele schon zweimal ausgetragen – das letzte Mal vor über 50 Jahren. Auf dem europäischen Kontinent wurde bislang lediglich zwei Nationen das Privileg zuteil, das weltweit bedeutendste Sportereignis bereits dreimal auszurichten: Großbritannien und Frankreich.
In beiden Ländern haben die Spiele, wohlbemerkt, ausnahmslos in der jeweiligen Hauptstadt stattgefunden, obwohl es in diesen großen Sportländern sicherlich nicht an Alternativen gefehlt hätte.
Global gesehen, gilt Berlin als Deutschlands populärste Stadt. Es ist die elft-beliebteste Stadt der Welt und die einzige der Bundesrepublik, die unter den ersten 25 zählt. Rechnet man nach Übernachtungen, rückt Berlin sogar auf den dritten Platz der europäischen Rangliste auf – hinter London und Paris.
Jeder Ausländer, der Berlin zum ersten Mal besucht, ist – wie man immer wieder erfährt – sofort hin und weg. Auf internationalem Parkett liegt Deutschlands größte Erfolgschance sicherlich bei Berlin.
Hauptstädte haben einfach was. Sie verfügen über die große, vertraute Kulisse, nach der Besucher sowie Fernsehzuschauer sich regelrecht sehnen. Bei Olympischen Spielen sagen sie etwas Besonderes und Wichtiges über ihr Land und ihre Bevölkerung aus. Und auch an ihr eigenes Land und ihre eigene Bevölkerung senden sie wichtige Botschaften.
In den vergangenen 15 Jahren standen die Briten und Franzosen ihren jeweiligen Spielen skeptisch gegenüber, nicht nur zu Beginn, sondern bis kurz vor der Eröffnung. Doch dieser Vorbehalt verflog, als das Ausmaß der Leistung, die die Ausrichtung der Olympischen Spiele erforderte, deutlich wurde und Gastgeberstadt und -land gleichermaßen Freude und Stolz brachte.
Deutschland und Berlin könnten heute etwas von dieser Freude und diesem Stolz gut gebrauchen. Eine aktuelle Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat ergeben, dass obwohl Berlins Wirtschaftsleistung pro Kopf „mittlerweile ungefähr das Niveau von Baden-Württemberg erreicht“ habe, „ein erheblicher Teil der Faszination abhandengekommen sei, die Berlin zu Beginn des Jahrhunderts ausstrahlte“.
Ein gutes Drittel „meinen ausdrücklich, dass Berlin keine Hauptstadt mit besonderer Ausstrahlung sei.“ Dieses Ergebnis ist enttäuschend, aber leider nicht überraschend.
Inzwischen gehört es ja zum guten Ton – sowohl in Deutschland als auch in der Stadt selbst –, Berlin schlechtzureden. Aber das ist eine lästige Unart, und auf Dauer wird sie dem Land schaden.
Deutschland sollte diese Gelegenheit nutzen, um seine Hauptstadt so zu sehen, wie andere sie sehen – wie die Welt sie sieht –, sie erstrahlen zu lassen und ihren einzigartigen Glanz und ihre Vielfalt zu würdigen. Kurz: Olympische Spiele in Berlin werden nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland guttun.
Doch sollten all diese Argumente nicht überzeugen, sagen uns London und Paris eines ganz einfach: Es lohnt sich, die Olympischen Spiele auszurichten.
Beginnen wir mit der Wirtschaft. Schätzungen zufolge haben Londons Spiele der britischen Wirtschaft allein im Jahr 2012 9,9 Milliarden Pfund hinzugefügt – 1,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes – und seitdem ein jährliches Vermächtnis von 4,7 Milliarden Pfund hinterlassen.
Für Paris wird bis 2034 ein Nettonutzen von 6,7 bis 11,1 Milliarden Euro für die Region prognostiziert. Das sind beachtliche Summen, die noch lange nachwirken, wenn der Rummel längst vorbei ist.
Dazu kommen auch die mit den Spielen verbundenen Bauten. London verwandelte einen heruntergekommenen Abschnitt Ost-Londons in den Olympic Park: Tausende neue Wohnungen, neue Arbeitsplätze, ein neues Zentrum für einen Teil der Stadt, der zurückgelassen worden war. Ich habe diese Entwicklung im letzten Jahrzehnt buchstäblich vor meinen Augen wachsen sehen, wenn ich hinfuhr, um meinen geliebten Verein Charlton Athletic auf der benachbarten Greenwich-Halbinsel spielen zu sehen.
Paris folgte einem ähnlichen Weg: Sein Olympisches Dorf entstand in Seine-Saint-Denis, einem der ärmsten Gebiete Frankreichs. Und am eindrücklichsten von allem: Die Spiele gaben Paris den politischen Willen, nach hundert Jahren die Seine selbst zu reinigen, so dass die Pariser heute wieder in ihrem eigenen Fluss schwimmen können.
Und last but not least ziehen die Spiele die Aufmerksamkeit der Welt auf sich. Paris zog allein während der Spiele über elf Millionen Besucher an. Eine der beliebtesten Städte der Welt wurde einfach noch beliebter und brachte der Region und dem Land erhebliche zusätzliche Einnahmen.
Man stelle sich nur vor, was die Spiele für Berlin bewirken könnten. Und man stelle sich nur vor, was sie für künftige Generationen bewirken können. Ein Aspekt des Berliner Feinkonzeptes hat mich besonders beeindruckt: die Art und Weise, wie es sich nicht nur auf junge Menschen konzentriert, sondern sie in seine Entstehung und Weiterentwicklung einbindet.
Berlin hat offensichtlich von London und Paris gelernt, hat dieser Lektion aber seinen eigenen, unverwechselbaren Akzent gegeben.
Wie Paris verspricht es tägliche Bewegung, fest verankert in jedem Schultag, durch „Gen S – Generation Sport“ und die „Bewegte Schule“. Wie Paris verspricht es außerdem jedem Kind einen Weg zu echter Schwimmkompetenz, eine „Schwimmkette“, die sich lückenlos von der Kita bis zu kostenlosen Ferienkursen zieht.
Wie London verspricht es, die Orte zu erneuern, an denen Kinder tatsächlich spielen: rund achtzig Sportstätten in jedem einzelnen Berliner Bezirk. Und wie beide Städte verspricht es einen echten Weg vom Schulhof bis zum Podium – einen internationalen Trainingscampus in Adlershof und eine „duale Karriere“, die Ausbildung und Training junger Athletinnen und Athleten gemeinsam absichert.
Aber Berlin fügt etwas hinzu, das weder London noch Paris in seiner Bewerbung eingebaut hat: einen Jugendbeirat – teils gewählt, teils ausgelost –, mit eigenem Budget und eigener Stimme bei der Gestaltung der Spiele selbst. Ich weiß von meinem eigenen Patenkind hier in Berlin, das Mitglied eines Jugendparlaments ist, wie bedeutsam und kraftvoll solche Foren sein können.
Darüberhinaus besteht Berlin ausdrücklich darauf, dass Parasport kein nachträglicher Gedanke, sondern ein eigenständiger, echter Talentweg ist – Teil seines Anspruchs, die inklusivste Stadt Deutschlands zu werden.
Gleich werden Sie mehr über diese Themen hören: von Jennifer Rosin, Vorsitzende des Berliner Landesschülerausschusses, die uns bereits im Feinkonzept selbst erklärt hat, warum junge Berlinerinnen und Berliner sich diese Spiele wünschen, sowie von Tim Linke, Mitglied der Sitzvolleyball-Nationalmannschaft und Landesjugendwart beim Behindertensportverband Berlin.
Es ist mir eine große Freude, jetzt an diese beiden jungen Leute zu übergeben: Ihre Stimmen sind die wichtigsten des heutigen Abends.
Olympische Spiele wurzeln in der Vergangenheit, werden in der Gegenwart entschieden und sind auf die Zukunft ausgerichtet. Und vor allem auf die Zukunft kommt es an.
Mögen alle Deutschen Berliner sein. Und möge der DOSB am 26. September die richtige Entscheidung treffen.