Nach ihrem Erdrutschsieg hat die Linke das Recht, rote Linien zu ziehen. Ob Rot-Grün-Rot gelingt, hängt davon ab, ob die SPD sich an ihre neue Rolle gewöhnen kann. mehr...
Nach ihrem Erdrutschsieg hat die Linke das Recht, rote Linien zu ziehen. Ob Rot-Grün-Rot gelingt, hängt davon ab, ob die SPD sich an ihre neue Rolle gewöhnen kann.
E indeutiger könnte das Berliner Wahlergebnis nicht sein: Schwarz-Rot wurde aus dem Amt gewählt, CDU und SPD wurden für ihre Politik sowohl im Land als auch im Bund abgestraft. Die neue tonangebende politische Kraft in der Hauptstadt ist die Linkspartei, die mit 25,7 Prozent ihr Ergebnis mehr als verdoppelt. Eine Kenia-Koalition aus CDU, Grünen und SPD ist zwar rechnerisch weiterhin möglich, aber nicht nur politisch denkbar schwach, sondern als Koalition der Wahlverlierer auch demokratisch problematisch. Es scheint in Berlin nur eine politische Zukunft zu geben: Rot-Grün-Rot.
Viele schauen jetzt auf die Linkspartei und fragen sich, ob das Bündnis wirklich gelingen kann. Und ja, es stimmt: Teile der Linken hadern mit der Regierungsbeteiligung. Am Freitag will die Partei einen Sonderparteitag nur zu der Frage abhalten, ob überhaupt Sondierungen aufgenommen werden. Dass es dort zu einem „Nein“ kommt, ist aber maximal unwahrscheinlich: Vermutlich wird der Parteitag lediglich eine Bühne sein, noch einmal die dicken roten Linien der Linken zu unterstreichen, allem voran die Vergesellschaftung von Immobilienkonzernen.
Und ob es der SPD und den Grünen gefällt oder nicht: Dazu, diese roten Linien zu ziehen, ist die Partei mit diesem Wahlergebnis mehr als berechtigt. Für die Linke sind diese roten Linien sogar überlebensnotwendig. Als sich systemkritisch gebende Partei steht sie unter dem besonderen Druck, zu beweisen, dass die Übernahme politischer Macht auch wirklich für nachhaltige Veränderungen genutzt wird. Stehen die Chancen dafür gut, wird es auch eine Parteimehrheit für eine Regierungsbeteiligung geben.
Mit diesem Wahlergebnis ist die Linke mehr als berechtigt, rote Linien zu ziehen
Ob das progressive Politikbündnis doch noch scheitert, liegt deshalb mindestens im gleichen Maße auch an der Frage, ob sich die Koalitionspartnerinnen der Linken zusammenreißen können. In der SPD steht man vor der Herausforderung, sich in kurzer Zeit einen Realitätscheck zu verpassen und zu verstehen, dass man nicht mehr die große Staats- und Berlinpartei ist, sondern ein nochmals geschrumpfter Juniorpartner eines Dreierbündnisses – und als solcher nicht deren zentrales Anliegen verhindern kann.
Damit das gelingt, müssen die Linken der SPD natürlich auch etwas anbieten – aber wenn es am Ende doch an der Vergesellschaftungsfrage scheitert, wird nicht die Maßlosigkeit der Linken, sondern die Selbstüberschätzung der SPD dafür verantwortlich sein. Hinzu kommt die Frage, wie stark sich SPD und Grüne in den kommenden Wochen in einem Diskurs über Antisemitismus in der Linken verbeißen, der längst weit über die Fakten hinaus zu einer Kampagne geworden ist.
Die gute Nachricht lautet: Schaffen es alle drei Parteien, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, ist ein gemeinsames politisches Projekt für ein sozial gerechteres Berlin zum Greifen nah. Das wäre ein Berlin, in dem abzockende Vermieter:innen bestraft werden und der Wohnungsmarkt reguliert wird, in dem die Verkehrswende vorangetrieben wird, wo Beschäftigte fair bezahlt werden und wo Klimaschutz wieder ernst genommen wird. Eigentlich doch eine Vision, für die sich ein paar Kompromisse lohnen könnten.
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
Timm Kühn Redakteur
Timm Kühn ist Redakteur für soziale Bewegungen im Inland und in Berlin. Für die taz schreibt er seit 2021 über Klima, Kapitalismus und kleine Risse im großen Ganzen. Hat auch mal Politische Theorie studiert.
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