Frankreich wählt im Frühjahr einen neuen Präsidenten. In den vergangenen Jahren sind die politischen Extreme stärker geworden – nicht nur an der Grenze zum Saarland. Welche Themen den Wahlkampf jetzt bestimmen, erklärt Frankreich-Kennerin Michaela Wiegel von der FAZ.
Interview | Saarbrücken/Paris · Frankreich wählt im Frühjahr einen neuen Präsidenten. In den vergangenen Jahren sind die politischen Extreme stärker geworden – nicht nur an der Grenze zum Saarland. Welche Themen den Wahlkampf jetzt bestimmen, erklärt Frankreich-Kennerin Michaela Wiegel von der FAZ.
08.09.2026 , 11:03 Uhr
Für Emmanuel Macron ist im Frühjahr Schluss im Elysée-Palast. Wer folgt auf ihn und wird Frankreichs nächstes Staatsoberhaupt?
Foto: Manon Cruz/Pool Reuters via AP/d/Manon CruzSeit fast 30 Jahren berichtet Michaela Wiegel als Auslandskorrespondentin für die FAZ aus Frankreich, wo im kommenden Frühjahr ein neues Staatsoberhaupt gewählt wird. Mit ihr haben wir unter anderem darüber gesprochen, welche Themen die Wähler bewegen und welcher Präsident oder welche Präsidentin aus deutscher Sicht der schwierigere Partner wäre.
Frau Wiegel, bald endet die zweite Amtszeit von Emmanuel Macron. Angetreten war er mit der Idee, die klassische Links-rechts-Logik zu überwinden. Von hier aus bekommt man den Eindruck, dass ihm das nicht unbedingt gelungen ist. Wie sehen Sie das?
MICHAELA WIEGEL Ich bin mir nicht sicher, dass es Macrons vordringliches Ziel war, die Links-rechts-Logik zu überwinden. Ich glaube, er hat schneller und früher als andere gesehen, dass die beiden großen Parteien, die seit Kriegsende beziehungsweise seit Beginn der Fünften Republik geordnete Machtwechsel organisiert haben – also die Sozialisten auf der einen und die Neogaullisten im weitesten Sinne auf der anderen Seite –, so schwach und unglaubwürdig geworden waren, dass der Moment für eine große Bewegung gekommen war, die die vernünftigen Positionen beider Parteien integrieren konnte. Damit hat er tatsächlich eine Neuordnung der politischen Landschaft bewirkt. Das hat aber nun zur Folge, dass sich nicht die beiden ehemaligen großen Parteien regeneriert haben, sondern dass eigentlich die Extreme stärker geworden sind.
Michaela Wiegel ist politische Korrespondentin in Paris für die FAZ.
Foto: F.A.Z./Fricke, HelmutIst es eher so, dass die Politik in Frankreich vor allem polarisiert ist oder ist sie eher orientierungslos?
MICHAELA WIEGEL Ich glaube, es ist ein bisschen beides. Zum einen gibt es natürlich eine große Polarisierung. Die Tatsache, dass Frankreich jetzt seit zehn Jahren von einem Parteienspektrum regiert wurde, das auch Gegensätze umfasste, ein bisschen nach dem Prinzip einer Großen Koalition, führt natürlich dazu, dass an den Rändern sehr starke Kräfte entstanden sind. Gleichzeitig ist aber auch zu bemerken, dass es eine große politische Orientierungslosigkeit gibt, dass es eigentlich kein gemeinsames Projekt gibt. Meines Erachtens ist das jetzt im Präsidentschaftswahlkampf das wichtigste Phänomen: Es gibt von keiner Partei ein Projekt, das die ganze Gesellschaft vereint.
Sie sind im ganzen Land für Reportagen unterwegs. Welche Themen bewegen die Franzosen am meisten und könnten wahlentscheidend werden?
MICHAELA WIEGEL Ich glaube, es ist noch etwas früh zu sagen, was die wichtigsten oder wahlentscheidenden Themen sein werden. Neu ist, dass sich erstmals die schlechte Finanzsituation als echtes Thema abzeichnet. In der Vergangenheit war das immer eher ein Thema für Spezialisten. Jetzt ist es tatsächlich so, dass alle Parteien oder zumindest alle wichtigeren Kandidaten darüber reden. Das ist schon bezeichnend, und es bewegt auch die Leute. Das ist eines der neueren Themen, die sich im Wahlkampf abzeichnen. Ansonsten bleiben aber die klassischen Themen. Zum einen geht es um die große Frage: Warum funktioniert so vieles im Staat nicht? Das fängt mit Klagen über das Bildungs- und Gesundheitswesen an. Ein Dauerbrenner bleibt natürlich die Rente, also das Rentenalter. Das hängt wiederum eng mit der Finanzierungsfrage zusammen. Dann geht es natürlich – je nach politischer Ausrichtung – um Immigration und Einwanderung. Interessanterweise ist auch die Sicherheit bislang kein so großes Thema. Nach der Terrorwelle in den Jahren 2015/16 war das Thema in vergangenen Wahlkämpfen wesentlich wichtiger.
Wie wahrscheinlich ist aus Ihrer Sicht eine Stichwahl zwischen Marine Le Pen (RN, Rechtspopulisten) und Jean-Luc Mélenchon (LFI, Linkspopulisten)?
MICHAELA WIEGEL Nach den heutigen Umfragewerten ist sie sehr wahrscheinlich. Ich habe aber in meiner langen Zeit in Frankreich gelernt, dass man Umfragewerte im September mit größter Vorsicht genießen muss. Natürlich zeichnen sich Trends und grundsätzliche Einstellungen ab. Insgesamt würde ich aber davor warnen, jetzt schon zu glauben, man wisse, wie die Franzosen im April oder Mai tatsächlich abstimmen werden. Es kann noch viel passieren, und es können noch Fehler geschehen. Die Ausgangslage ist offener als sie manchmal zugespitzt dargestellt wird.
Sollte doch einer dieser beiden Kandidaten gewählt werden – wer wäre als Präsident der schwierigere Partner aus deutscher Sicht?
MICHAELA WIEGEL Ich glaube, beide wären sehr schwierige Partner. Mélenchon wie Le Pen verfolgen eine ähnliche Strategie, was die EU angeht. Sie wollen Europa von innen verändern, indem sie es blockieren oder provozieren. Wenn man das deutsch-französische Verhältnis strikt betrachtet, ist es tatsächlich Pest und Cholera.
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