Die Rente mit 63 steht in der Kritik. Doch die Debatte greift zu kurz: Entscheidend sind Beitragsjahre, Lebenserwartung und Produktivität.
Die Rente mit 63 gilt vielen als Symbol für ein aus dem Ruder laufendes Rentensystem. Doch die Rechnung ist komplizierter. Die Debatte stößt an ihre Grenzen – und könnte durch KI verändert werden.
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Das Leben eines Dachdeckers sieht in der politischen Vorstellung so aus: Er steigt mit 16 aufs Dach, arbeitet 45 Jahre bei Hitze, Frost und Regen und soll dann gefälligst bis 67 weitermachen. Dieses Beispiel fehlt in kaum einer politischen Debatte über das Rentenalter. Nur leider taugt es nichts. Und es ist nicht die einzige Unwahrheit in einer politisch hitzigen Diskussion um die Rente mit 63 (rechtlich korrekt: „Altersrente für besonders langjährig Versicherte“). Sechs Mythen bestimmen eine Debatte, bei der es um den Lebensplan von Menschen und Milliarden in der Bundeskasse geht.
Fangen wir mit dem Dachdecker an. Er ist ist zum Maskottchen der Rentendebatte geworden. Juso-Chef Philipp Türmer etwa argumentierte in der TV-Sendung von Markus Lanz mit körperlicher Belastung und sprach sich für die Rente mit 63 aus.
Im deutschen Dachdeckerhandwerk gab es Ende 2025 ziemlich genau 61.700 gewerbliche Beschäftigte. Wie viele davon älter als 60 sind, weist die Statistik nicht aus. Hunderttausende Menschen nutzen dagegen Jahr für Jahr die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren. Wie viele davon Dachdecker sind, lässt sich aus den verfügbaren Zahlen nicht bestimmen. Es werden die wenigsten sein.
Handwerkspräsident Jörg Dittrich kennt das Problem aus eigener Anschauung. Er ist Dachdeckermeister. Die Wahrscheinlichkeit sei hoch, dass ein Dachdecker vor dem regulären Rentenalter berufsunfähig werde, sagt er. Daraus könne man aber nicht folgern, „die gesamte Gesellschaft so zu behandeln, als bestünde sie nur aus Dachdeckern“.
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Damit trifft er den Punkt. Wer nach Jahrzehnten körperlicher Arbeit gesundheitlich nicht mehr kann, braucht eine vernünftige Absicherung. Aber warum soll daraus ein abschlagsfreier früherer Renteneintritt auch für jemanden folgen, der gesund ist und einen körperlich wenig belastenden Beruf ausübt?
Falsch. Die gibt es in dieser Form längst nicht mehr. Als die Regelung 2014 eingeführt wurde, konnten besonders langjährig Versicherte tatsächlich mit 63 Jahren ohne Abschläge in Rente gehen. Voraussetzung waren 45 Versicherungsjahre. Seitdem steigt das Eintrittsalter schrittweise. Wer 1961 geboren wurde, kann mit 64 Jahren und sechs Monaten abschlagsfrei gehen. Beim Jahrgang 1962 sind es 64 Jahre und acht Monate, beim Jahrgang 1963 bereits 64 Jahre und zehn Monate. Ab Jahrgang 1964 gilt: Wer 45 Versicherungsjahre zusammenbekommt, darf mit 65 statt regulär mit 67 ohne Abschläge aufhören.
Über eine „Rente mit 63“ streitet Deutschland also nur noch dem Namen nach. Die Rentenkommission will dieses Privileg abschaffen. Auch nach 45 Versicherungsjahren gäbe es dann keinen automatischen abschlagsfreien Ausstieg zwei Jahre vor der Regelaltersgrenze mehr.
Das ist das stärkste Argument der Gegner einer Abschaffung. Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer, Sachsen-Anhalts Regierungschef auf Abruf Sven Schulze und Thüringens CDU-Ministerpräsident Mario Voigt formulieren es so: „Wer 45 Jahre eingezahlt hat, hat genug eingezahlt. Diesen Grundsatz geben wir nicht auf.“
Damit verläuft der Streit mitten durch die CDU. Bundeskanzler Friedrich Merz will die Vorschläge der Rentenkommission umsetzen und das Modell abschaffen. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther unterstützt den Kurs. Drei CDU-Ministerpräsidenten widersprechen.
Auch die AfD will die abschlagsfreie Rente erhalten und sogar wieder ausweiten. Wer mit 63 bereits 45 Arbeitsjahre erreicht habe, soll nach ihrer Vorstellung ohne Abschläge gehen können. AfD-Sozialpolitiker René Springer sagt: „Wer 45 Jahre gearbeitet und Beiträge gezahlt hat, hat seinen Beitrag für dieses Land mehr als geleistet.“
Nur beantwortet die Zahl 45 die entscheidende Frage nicht. Wer 45 Jahre Beiträge gezahlt hat, hat sich einen entsprechenden Rentenanspruch erworben. Die politische Frage lautet: Ab welchem Alter darf er diesen Anspruch ohne Abschläge beziehen?
Denn die gesetzliche Rente ist kein persönliches Sparkonto. Die Beiträge werden nicht angespart und später an denselben Versicherten zurückgezahlt. Die jeweils arbeitende Generation finanziert im Umlageverfahren die laufenden Renten.
Deshalb macht es für die Finanzierung einen Unterschied, ob jemand seine Rente mit 65 oder mit 67 bezieht. Bei einer Monatsrente von 1800 Euro bedeuten zwei zusätzliche Rentenjahre allein 43.200 Euro zusätzliche Zahlungen. Gleichzeitig fallen mögliche Beiträge weg, wenn der Versicherte nicht mehr arbeitet.
Für die Rentenkasse sind deshalb mindestens drei Größen entscheidend:
Diese letzte Größe verändert sich. Die Menschen leben länger, während die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen und weniger Beitragszahler nachrücken.
Stimmt nicht. Die Politikerformel lautet fast immer: Wer 45 Jahre gearbeitet hat, soll ohne Abschläge früher in Rente gehen dürfen. Das Gesetz verlangt aber keine 45 Arbeitsjahre, sondern 45 Versicherungsjahre. Und dazu zählt weit mehr als Erwerbsarbeit. Angerechnet werden unter anderem Zeiten der Kindererziehung bis zum zehnten Geburtstag des Kindes, die nicht erwerbsmäßige Pflege von Angehörigen, Wehr- und Zivildienst sowie Zeiten mit Krankengeld. Auch Zeiten mit Arbeitslosengeld können zählen, wobei unmittelbar vor dem Renteneintritt Einschränkungen gelten. Selbst freiwillige Beiträge können unter bestimmten Voraussetzungen berücksichtigt werden.
Das ist sozialpolitisch gewollt. Wer Kinder großzieht oder Angehörige pflegt, soll bei der Rente nicht so behandelt werden, als hätte er in dieser Zeit nichts geleistet. Es macht die politische Formel von den „45 Jahren Arbeit“ aber falsch. Die Voraussetzung für die abschlagsfreie frühere Rente lautet nicht: 45 Jahre auf dem Bau, in der Fabrik oder im Büro. Sie lautet: 45 Jahre mit bestimmten rentenrechtlich anerkannten Zeiten.
Klein ist sie nicht. Jährlich nutzen rund 250.000 bis 280.000 Menschen die Regelung. Das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung errechnet, dass ihre Abschaffung den Staat um bis zu 9,5 Milliarden Euro pro Rentnerjahrgang entlasten könnte. Zugleich könnten dem Arbeitsmarkt rechnerisch 125.000 Vollzeitkräfte erhalten bleiben.
Diese 9,5 Milliarden sind allerdings nicht einfach eine Haushaltsposition mit der Aufschrift „Rente mit 63“. Es handelt sich um eine Modellrechnung, die neben geringeren Rentenzahlungen auch zusätzliche Beiträge und Steuereinnahmen berücksichtigt.
Die Größenordnung zeigt trotzdem, warum der Streit so erbittert geführt wird. Die Rentenversicherung gab 2025 insgesamt rund 426 Milliarden Euro aus. Mit dem Eintritt der Babyboomer in den Ruhestand wächst der Finanzierungsdruck weiter. Jede Milliarde zählt.
Das klingt mathematisch zwingend. Ist es aber nur unter einer Voraussetzung: dass unsere Produktivität ungefähr so weiterwächst wie bisher.
Genau das könnte sich ändern. Künstliche Intelligenz hält mit hoher Geschwindigkeit Einzug in Unternehmen. Nach einer Befragung der Bundesbank erwarten 56 Prozent der Unternehmen, sie bis Ende 2026 einzusetzen. Firmen, die sie bereits intensiv nutzen, berichten zum Teil von Produktivitätsgewinnen. Was daraus für die gesamte Volkswirtschaft wird, kann heute niemand seriös beziffern. Aber die Rentendebatte kann diesen Faktor nicht einfach ignorieren.
Denn eine alternde Gesellschaft hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten, einen Mangel an Arbeitskräften auszugleichen: Die Menschen arbeiten mehr Stunden, oder sie produzieren in jeder Arbeitsstunde mehr.
Seit Jahren konzentriert sich die Rentendebatte fast ausschließlich auf die erste Möglichkeit. Die zweite könnte durch Automatisierung und künstliche Intelligenz erheblich wichtiger werden. Das bedeutet nicht, dass KI die Rentenkasse rettet. Es bedeutet aber ebenso wenig, dass aus steigender Lebenserwartung automatisch ein immer höheres Rentenalter folgen muss.
Damit bleibt von den einfachen Wahrheiten der Rentendebatte nicht viel übrig:
Wer körperlich nicht mehr kann, sollte früher gehen können. Wer länger arbeiten kann und will, sollte dafür bessere Anreize bekommen. Und wer über die Finanzierung der Rente im Jahr 2040 spricht, sollte nicht so tun, als würde Deutschland dann noch mit der Produktivität des Jahres 2026 arbeiten. Der Dachdecker darf in dieser Debatte bleiben. Nur die Mythen sollten in Rente gehen.
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