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Berliner Parteien werden sozialer – AfD radikalisiert sich

Дата публикации: 20-09-2026 09:35:00

Eine DIW-Analyse von Wahl-O-Mat-Daten zeigt, wie sich Berlins Parteien seit 2006 verändert haben – und wo die größten Unterschiede liegen.

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Eine DIW-Auswertung zeigt, wie sich die Parteien in Berlin seit 2006 verändert haben. Besonders stark verschoben haben sich demnach SPD und AfD.

„Die etablierten Parteien sind in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich progressiver geworden. Besonders stark gilt dies für die SPD – im Gegensatz vor allem zur FDP, die nun deutlich konservativere Positionen vertritt. Der große Gegenpol ist die AfD. Sie vertritt in fast allen Themenbereichen, vor allem in der Gesellschafts- und Sozialpolitik, extremere Positionen“, resümiert DIW-Präsident Marcel Fratzscher.

CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke haben sich demnach „in eine stärker offene, soziale, ökologische und kooperationsorientierte Richtung entwickelt“, während sich die AfD deutlich von den anderen Parteien entfernt hat.

Zweitstimmenanteile der Parteien

Zweitstimmenanteile der Parteien bei den Abgeordnetenhauswahlen in Berlin 2006 bis 2023 sowie aktuelle Umfragewerte für 2026. DIW
So hat das DIW die Parteien verglichen

Für die Auswertung haben die Ökonomen die Antworten der Parteien auf die Thesen des Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) ausgewertet. Die Analyse reicht für Berlin bis zur Abgeordnetenhauswahl 2006 zurück und umfasst die CDU, SPD, Grünen, Linke und FDP. Die AfD wird seit 2016 berücksichtigt.

Der Wahl-O-Mat erfasst, wie Parteien zu politischen Thesen stehen. Für die Analyse wurden die 38 aktuellen Thesen sechs Themenfeldern zugeordnet:

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  • Wirtschaft und Steuern
  • Klima
  • Soziales
  • Gesellschaft
  • Innenpolitik
  • Europa und Internationales

Aus den Antworten bildete das DIW für jedes Themenfeld einen Index zwischen -1 und +1. Ein höherer Wert steht beispielsweise bei Gesellschaft für mehr Offenheit, Vielfalt und Toleranz. In der Wirtschafts- und Steuerpolitik steht er für eine stärkere Rolle des Staates, beim Klima für mehr Klimaschutz und staatliche Vorgaben.

Allerdings sind die Werte der einzelnen Jahre nicht exakt miteinander vergleichbar, weil sich die Wahl-O-Mat-Thesen verändern. Das DIW spricht deshalb von einem Vergleich der thematischen Profile, nicht von einem Vergleich identischer Fragen.

Positionen der Parteien in Berlin, 2026

Positionen der Parteien in Berlin, 2026: Linke und Grüne liegen 2026 häufig am oberen Ende DIW

Linke und Grüne erreichen demnach in fast allen Themenfeldern hohe Indexwerte. Auch die SPD liegt in sämtlichen sechs Kategorien im positiven Bereich. Die CDU nimmt in vielen Bereichen eine mittlere Position ein. Die FDP weist dagegen vor allem bei Wirtschaft, Klima und Sozialem negative Werte auf.

Die AfD liegt in allen sechs Kategorien im negativen Bereich. Besonders groß ist die Differenz zu den anderen Parteien in der Gesellschafts- und Sozialpolitik.

„Die Partei ist in praktisch allen Themenbereichen radikaler geworden, in dem Sinne, dass sie sehr konsistent extreme Positionen einnimmt“, so das DIW.

Gesellschaftspolitik hat sich besonders stark verändert

Deutlich ist zudem der Wandel beim Thema Gesellschaft. Der durchschnittliche Index der fünf etablierten Parteien stieg hier laut DIW von -0,09 im Jahr 2006 auf +0,51 im Jahr 2026.

Auch bei Europa und Internationalem gab es eine deutliche Verschiebung: Der durchschnittliche Index stieg von -0,23 auf +0,47. Die untersuchten Parteien befürworten demnach heute stärker europäische und internationale Zusammenarbeit als vor 20 Jahren.

Unter den etablierten Parteien fällt laut DIW vor allem die Entwicklung der SPD auf. Ihre Positionen haben sich über den Untersuchungszeitraum besonders stark verändert. Gleichzeitig weist das Institut darauf hin, dass daraus keine Ursache für spätere Wahlergebnisse abgeleitet werden kann. Ob eine Partei Stimmen verliert, weil sie ihre Positionen verändert hat – oder ob sie ihre Positionen verändert, weil sich die Präferenzen ihrer Wähler verändern –, lässt sich aus der Analyse nicht feststellen.

Programmatischer Abstand der AfD zum Mittel der fünf etablierten Parteien in Berlin

Programmatischer Abstand der AfD zum Mittel der fünf etablierten Parteien in Berlin DIW
AfD entfernt sich stärker von den anderen Parteien

Eine besonders deutliche Veränderung stellt das DIW bei der AfD fest. Seit 2016 seien deren Indexwerte in fast allen untersuchten Bereichen negativer geworden.

„Sie vertritt immer extremere Positionen und rückt immer weiter vom demokratischen Parteienspektrum ab.“

Fratzscher bezeichnet diese Entwicklung als „Radikalisierung“. Das DIW verwendet den Begriff ausdrücklich deskriptiv. Gemeint ist eine Bewegung der Indexwerte hin zu extremeren Positionen. Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine verfassungsrechtliche oder extremismuswissenschaftliche Klassifikation.

Besonders deutlich ist die Entwicklung in der Sozialpolitik. Der Index der AfD fiel laut Analyse von -0,22 im Jahr 2016 auf -0,84 im Jahr 2026.

In der Gesellschaftspolitik ging der Wert von -0,35 auf -0,93 zurück. Das DIW ordnet die Entwicklung so ein, dass die AfD damit bei Fragen zu sozialer Unterstützung, Chancengleichheit, Vielfalt und einer offenen Gesellschaft deutlich weiter von den anderen Parteien entfernt liege.

Bei mehreren Fragen vertritt die AfD laut Analyse eine Position, die von allen fünf anderen untersuchten Parteien abweicht. Dazu gehören unter anderem:

  • sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Schulunterricht thematisieren
  • ausländische Berufsabschlüsse schneller anerkennen
  • das Ziel der Klimaneutralität Berlins aufgeben
  • Lehrkräfte zum Umgang mit Rechtsextremismus fortbilden
  • migrantische Vereine stärker öffentlich fördern
  • Verbotsverfahren gegen extremistische Parteien unterstützen
  • die Clubkultur weiterhin öffentlich fördern

Bei diesen Fragen antworteten CDU, SPD, Grüne, Linke und FDP jeweils anders als die AfD – wobei die FDP bei mehreren Punkten eine neutrale Position einnahm.

Gleichzeitig gibt es mehr Überschneidungen mit der FDP

Das Bild ist allerdings nicht in allen Einzelpunkten eindeutig. Obwohl die AfD insgesamt weiter vom Durchschnitt der fünf anderen Parteien entfernt ist, gibt es bei einzelnen Wahl-O-Mat-Fragen auch mehr Übereinstimmungen mit der FDP.

Der Anteil der Thesen, bei denen AfD und FDP dieselbe Position vertreten, stieg laut DIW seit 2016 von 50 auf knapp 70 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil der Fragen gesunken, bei denen die AfD als einzige der betrachteten Parteien eine bestimmte Position vertritt: von 21 auf zehn Prozent.

Das bedeutet: Die AfD ist nach dem verwendeten Index insgesamt weiter vom Durchschnitt der anderen Parteien entfernt, teilt bei einzelnen Fragen aber häufiger Positionen mit der FDP.

Berliner CDU deutlich anders als Bundes-CDU

Interessant ist auch der Vergleich zwischen den Berliner Landesverbänden und ihren jeweiligen Bundesparteien. Besonders groß sind die Unterschiede laut DIW bei der CDU. Die Berliner CDU liegt bei Gesellschaft, Sozialem, Innenpolitik sowie Europa und Internationalem deutlich über den Werten der Bundes-CDU.

So befürwortet die Berliner CDU laut den ausgewerteten Wahl-O-Mat-Antworten beispielsweise gebührenfreie Deutschkurse, eine schnellere Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, Unterricht zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt sowie Fortbildungen gegen Rechtsextremismus. Die Bundes-CDU hatte im Bundestagswahlkampf 2025 dagegen unter anderem die Zurückweisung von Asylsuchenden und eine restriktivere Position zur doppelten Staatsbürgerschaft vertreten.

Auch bei der FDP gibt es Unterschiede. Die Berliner FDP positioniert sich laut Analyse unter anderem bei Gesellschafts- und Innenpolitik konservativer als die Bundespartei.

Für SPD, Grüne und Linke fallen die Abweichungen insgesamt geringer aus, wobei beispielsweise die Berliner Grünen bei Sozial- und Gesellschaftspolitik progressivere Positionen vertreten als die Bundespartei.

Was die Analyse nicht beantworten kann

Die DIW-Auswertung zeigt Veränderungen in den politischen Positionen – sie erklärt aber nicht, warum sich diese verändert haben.

Auch einen Zusammenhang zwischen programmatischer Ausrichtung und Wahlerfolg stellt die Untersuchung ausdrücklich nicht her. Zwar haben SPD und CDU in Berlin über die vergangenen 20 Jahre Stimmenanteile verloren, während Linke und AfD zuletzt zulegen konnten. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, ob die jeweiligen politischen Positionen Ursache oder Folge dieser Entwicklungen sind.

„Die Fragen waren damals andere“ – Leser über DIW-Analyse

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