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Remco Evenepoel entwickelt sich zum besten Zeitfahrer der Geschichte – doch dieses Etikett greift zu kurz

Дата публикации: 20-09-2026 19:50:55

Fahrer wie der Belgier stehen sinnbildlich für den Niedergang der Spezialisten im Radsport. An den WM in Montreal gewinnt der 26-Jährige zum vierten Mal in Serie Gold im Zeitfahren.

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Remco Evenepoel entwickelt sich zum besten Zeitfahrer der Geschichte – doch dieses Etikett greift zu kurz

Fahrer wie der Belgier stehen sinnbildlich für den Niedergang der Spezialisten im Radsport. An den WM in Montreal gewinnt der 26-Jährige zum vierten Mal in Serie Gold im Zeitfahren.

20.09.2026, 21.50 Uhr

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Remco Evenepoel hat in Montreal die Konkurrenz klar hinter sich gelassen.

Remco Evenepoel hat in Montreal die Konkurrenz klar hinter sich gelassen.

Arne Mill / Imago

Sie nennen ihn nicht umsonst Aerobullet. Sitzt Remco Evenepoel, 26 Jahre alt, auf einem Zeitfahrvelo, macht er sich ganz klein, wie eine Kugel eben. Die Sitzposition und die Körperhaltung sind perfekt, dazu drückt der Belgier unglaubliche Wattzahlen in die Pedale. Dieses Gesamtpaket macht aus Evenepoel den besten Zeitfahrer der Welt.

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Am Sonntag in Montreal wurde er zum vierten Mal Weltmeister. Er zieht damit mit den Rekordhaltern Fabian Cancellara und Tony Martin gleich. Anders als der Schweizer und der Deutsche hat Evenepoel seine Titel aber hintereinander gewonnen. Und der Weg zum alleinigen Rekordhalter scheint vorgezeichnet. Die Chancen stehen gut, dass Evenepoel den fünften Titel schon im nächsten Jahr an den Weltmeisterschaften im französischen Hochsavoyen gewinnt.

Vom Fussballtalent zum Zeitfahr-Dominator

Als Jugendlicher war Evenepoel ein talentierter Fussballer, Junior bei PSV Eindhoven und RSC Anderlecht, ausserdem Captain der belgischen U-16-Auswahl. Zum Radsport wechselte er erst mit 17 Jahren nach einer Verletzung im Fussball. Trotz diesem späten Start entwickelte er sich in nur neun Jahren zum Dominator im Zeitfahren, in einer Disziplin also, die eigentlich viel Erfahrung erfordert und von Tüfteleien am Material sowie der Sitzposition geprägt ist. Evenepoel hebelt die Gesetzmässigkeiten allerdings aus. Lange galten grossgewachsene und schwere Profis als prädestiniert für Zeitfahren. Evenepoel ist mit 1,71 Metern allerdings der kleinste und mit 61 Kilogramm der leichteste Zeitfahr-Weltmeister seit Jahrzehnten.

Weggefährten aus seiner Fussballerzeit erinnern sich an seine starke Technik – und an seinen ausgeprägten Willen und eine Leidensfähigkeit, die ihn prädestiniert für eine Karriere im Profiradsport machen. Diese Eigenschaften hat Evenepoel konserviert. In diesem Jahr richtete er seine Saison auf die Tour de France und die laufenden Weltmeisterschaften aus. Für ihn bedeutete das im Mai und Juni ein wochenlanges Höhentrainingslager in der Sierra Nevada, wo er dem Vernehmen nach Umfänge fuhr, die Teamkollegen und Gegnern den Atem raubten.

Seit 2023 hat Evenepoel an Grossanlässen im Zeitfahren jedes Mal die Goldmedaille gewonnen; 2024 wurde er in Paris erstmals Olympiasieger, doppelte eine Woche später im Strassenrennen nach. Dieser Triumph verdeutlicht, dass er zwar der beste Zeitfahrer der Welt ist – aber er sich nicht auf die Qualitäten in dieser Einzeldisziplin reduzieren lässt. Der Tausendsassa Evenepoel hat auch schon zweimal das Monument Lüttich–Bastogne–Lüttich für sich entschieden, triumphierte 2022 bei der Vuelta an seiner ersten Grand Tour, im vergangenen Sommer belegte er an der Tour de France den zweiten Rang hinter dem Überflieger Tadej Pogacar.

Vergleiche mit Eddy Merckx lehnt Evenepoel ab

Die ersten Jahre der Karriere bestritt Evenepoel für das belgische Quick-Step-Team, dessen Gründer stets betonte, er glaube, in seinem Star den nächsten belgischen Tour-Sieger gefunden zu haben. Letztmals triumphierte ein Belgier 1976 an der Tour de France, was das Selbstverständnis dieser Radsportnation arg anknackst. Auch Vergleiche mit dem legendären Eddy Merckx sind in der belgischen Öffentlichkeit immer wieder zu hören. Evenepoel lehnt diese ab.

Auf die immensen Erwartungen des belgischen Publikums reagiert er oft mit patzigen und maulfaulen Antworten. Über die Jahre hat er sich zu einem lauten und meinungsstarken Radprofi entwickelt, der bisweilen auch arrogant wirken kann. An der letzten Tour de France sollte er die Leaderrolle mit dem deutschen Florian Lipowitz teilen, vor dem Start war spürbar, dass er diesen Entscheid der Teamführung als Majestätsbeleidigung auffasste. Seine Qualitäten hingegen sind trotz allen Nebengeräuschen unbestritten. Auf diese Saison hin wechselte Evenepoel zum deutschen Team Red-Bull-Bora-Hansgrohe, wo er zwischen fünf und sechs Millionen Euro Basissalär pro Jahr kassieren soll.

Zusammen mit Pogacar und einer Handvoll anderer Radprofis hat sich Evenepoel an der Weltspitze derart breitgemacht, dass die Spezialisten – die reinen Kletterer, die Zeitfahrer und die Sprinter – in den wichtigen Momenten meist das Nachsehen haben. Im jüngsten WM-Zeitfahren belegte Filippo Ganna den zweiten Rang. Der Italiener war vor Evenepoel die herausragende Figur in dieser Disziplin, Weltmeister 2020 und 2021. Seitdem verpasste er die Goldmedaille stets, auch an diesen Weltmeisterschaften.

Ganna verlor auf dem knapp 40 Kilometer langen Kurs fast eine Minute auf Evenepoel; im Zeitfahren sind das Welten. Dritter wurde in Kanada der erst 19-jährige Franzose Paul Seixas. Das Supertalent ist wie Evenepoel kein reiner Zeitfahrer, obwohl er 2024 in Zürich Junioren-Weltmeister in dieser Disziplin wurde. Seixas dürfte den Radsport in den kommenden Jahren allerdings nicht nur an Zeitfahren, sondern auch an Grand Tours und Classiques prägen. Seine erste Tour de France beendete er im vergangenen Sommer auf dem vierten Rang.

Stefan Küng ergeht es ähnlich wie Filippo Ganna

Ähnlich wie Ganna ergeht es Stefan Küng, auch er ein Zeitfahrspezialist. Der 32-jährige Thurgauer war an Weltmeisterschaften jahrelang einer der Favoriten auf die Goldmedaille, hat den Titel aber stets verpasst. 2020 und 2022 gewann er Bronze und Silber. Vor den WM in Montreal sagte er zur «NZZ am Sonntag», dass er gegen Fahrer wie Evenepoel in neun von zehn Fällen das Nachsehen habe.

«Die Konkurrenz kann ich mir nicht aussuchen. Ich frage mich manchmal schon, ob ich früher in meiner Karriere die Chancen besser hätte nutzen sollen», sagte er. Auch wenn Küng stets betont, dass er zufrieden sei mit seiner Karriere, dürfte er in manchen Momenten den Weltmeisterschaften 2022 in Australien nachtrauern. Er war damals schneller als Evenepoel, doch Tobias Foss triumphierte überraschend. Der Norweger überflügelte Küng hauchdünn um weniger als drei Sekunden.

In Montreal waren die Vorzeichen für Küng herausfordernd. Den Grossteil der Saison hatte er wegen eines Oberschenkelbruchs verpasst, den er sich Ende Februar an der Classique Omloop Het Nieuwsblad zugezogen hatte. Küng schaffte das Comeback zwar überraschend schnell, gewann vor zehn Tagen an der Vuelta das Zeitfahren, an den WM wurde er Siebter.

Physisch sei er zu hundert Prozent zurück, sagte Küng. Ihm fehle aber das letzte Quentchen an Risikobereitschaft, die Aggressivität in den Kurven: «Es fühlt sich so an, als hätte ich nicht das Maximum auf die Strasse gebracht. Ich hätte gerne eine dritte WM-Medaille gewonnen.» Gegen den entfesselten Evenepoel hätte am Sonntag allerdings auch eine perfekte Leistung nicht gereicht. Dessen ist sich der Spezialist Stefan Küng bewusst.

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Der 32-jährige Schweizer weiss vor dem WM-Zeitfahren am Sonntag in Montreal, dass die Gegner an normalen Tagen stärker sind als er. Doch die Rehabilitation nach einem Oberschenkelbruch verleiht ihm ungekannte Gelassenheit.

Der Belgier 2024, der Deutsche 2025 – beide sind sie an der Frankreich-Rundfahrt schon auf das Podest gefahren. Nun plant das Team Red Bull-Bora-Hansgrohe mit den Co-Captains Evenepoel und Lipowitz den Angriff auf den Gesamtsieg. Kann das gutgehen?

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