In Cottbus werden 377 Balkonanlagen abgerissen. Die Genossenschaft weißt auf Sicherheitsmängel ihn, doch die Mieter fürchten um ihre Zuhause.
377 Wohnungen, keine Balkone: In Cottbus sorgt der Abriss von Balkonanlagen für Ärger. Die Mieter fühlen sich übergangen, fürchten um ihr Zuhause. Die Genossenschaft verweist auf Sicherheitsmängel.
Ein Balkon ist für die einen ein Stück Beton vor der Wohnung. Für die anderen ist er Wohnzimmer im Freien, Platz für Blumen, Wäsche, Kaffeetisch und ein Stück Lebensqualität. In Cottbus-Ströbitz ist aus diesem vermeintlich alltäglichen Bauteil inzwischen ein Politikum geworden. An vier Plattenbauten entlang der Berliner und Kolkwitzer Straße werden derzeit die Balkone von insgesamt 377 Wohnungen abgerissen.
Ende März informierte die nicht-kommunale Wohnungsbaugenossenschaft eG Wohnen 1902 ihre Mieter darüber, dass die Balkone innerhalb von zehn Tagen vollständig freizuräumen und anschließend nicht mehr zu betreten seien. Der Grund: erhebliche bauliche Mängel. Die Balkonanlagen seien nach technischen Untersuchungen und Gutachten aus Sicherheitsgründen nicht mehr nutzbar, erklärte die Genossenschaft.
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Die betroffenen Häuser entstanden 1973, einige Bewohner leben seit dem Erstbezug dort. Eine von ihnen ist Brunhilde Brätsch. „Da sollen angeblich Gutachter da gewesen sein, wir haben keinen gesehen“, sagt die 73-Jährige. Die Mieter hätten mehrfach Einsicht in die Unterlagen verlangt, aber keine erhalten. Jahrzehntelang sei an den Gebäuden nur wenig investiert worden.
Nun werde ausgerechnet beim Balkon gehandelt. Nachbarin Ursula Koch kritisiert vor allem die Art des Vorgehens. Niemand hätte grundsätzlich etwas gegen eine Sanierung, sagt die 73-Jährige. „Schließlich haben wir doch auch einen Mietvertrag mit Balkon.“ Wenn die Fassaden gedämmt und neue Balkone neu angebaut würden, wären viele Mieter vermutlich bereit, dafür sogar eine höhere Miete zu akzeptieren.
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Der ersatzlose Wegfall der Balkone verschlechtere dagegen die Lebensqualität. Inzwischen erwägt sie wegen der unklaren Zukunft der Häuser den Auszug. Sie werde nicht jünger und wisse nicht, ob sie einen späteren Umzug noch bewältigen könne. „Ich möchte nicht mit diesem Kloß auf dem Herzen hier sitzen und jeden Tag auf die Kündigung warten.“
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Zunächst reagierte die Genossenschaft mit einer Mietminderung von zehn Euro pro Monat, passte diese dann nach Protest der von den Mietern gegründeten Initiative Pro Balkon auf 60 Euro an. Die Initiative, die Veranstaltungen organisierte und bei Widerspruchserklärungen half, bezweifelt nicht, dass einzelne Balkone Schäden aufweisen. Sie bezweifelt aber, dass daraus zwangsläufig der ersatzlose Abriss folgen muss.
Als Vergleich verweisen sie auf einen benachbarten Block aus derselben Bauzeit, vom selben Bautyp, der auch zur eG Wohnen 1902 gehört. Dort werden die Balkone im Zuge einer Sanierung erneuert. Die Wohnungsbaugenossenschaft ließ Fragen von SuperIllu unbeantwortet und gewährte auch keine Einblicke in die Gutachten. Auf ihrer Website schreibt sie nur, dass eine einfache Sanierung technisch nicht möglich oder wirtschaftlich nicht vertretbar gewesen sei. Deshalb habe es keine verantwortbare Alternative zum Rückbau gegeben.
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Auslöser für die Untersuchungen war nach Darstellung von Vize-Oberbürgermeisterin Doreen Mohaupt ein Betonteil, das im Herbst von einem Balkon abgefallen sein soll. Der Vorfall sei der Polizei gemeldet worden.
Bei einer anschließenden Prüfung seien Regenbleche entfernt worden. Dahinter wurden lose und poröse Betonteile entdeckt. „Da kann ich natürlich nicht irgendwas vom Balkon bröseln lassen“, sagt Mohaupt zu SuperIllu. Wenn Gutachten auch nur eine mögliche Gefahr belegen, müsse gehandelt werden. „Der Schutz von Leben und Gesundheit steht an erster Stelle.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich etwas herabfalle, könne zwar gering sein. Wenn es aber geschehe, trage der Eigentümer die Verantwortung.
Nach dem Rückbau ist laut Genossenschaft ein fest installiertes Sicherheitsgeländer vorgesehen – vergleichbar mit einem französischen Fenster. Einen vollwertigen Balkon ersetzt diese Lösung nicht. Für die Mieter ist damit auch die eigentliche Frage noch nicht beantwortet: Was kommt danach? Für Mohaupt ist die langfristige Perspektive der Häuser entscheidend. Die Bauten der DDR-Platte P2 seien sanierungsbedürftig, hätten teilweise Leerstand.
Deshalb müsse jedes Objekt einzeln betrachtet werden. Von einer umfassenden Sanierung bis zum Abriss sei alles denkbar. Die Stadt versucht nun zu vermitteln. Ein Runder Tisch mit Bürgerinitiative, Genossenschaft, Mieterbund und Stadtverwaltung wurde eingerichtet – bisher ergebnislos. Ein weiterer Termin soll im Oktober vor Ort stattfinden. Bis Anfang 2027 soll eine Entscheidung fallen. Unterdessen verschwinden immer mehr Balkone.
Von Manuela Radvan
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