Russland zerstört seit viereinhalb Jahren gezielt die zivile Infrastruktur der Ukraine. Die gegenwärtige Kampagne erreicht jedoch ein neues Ausmass. Besonders in Kiew wird die Lage schwierig.
Russland zerstört seit viereinhalb Jahren gezielt die zivile Infrastruktur der Ukraine. Die gegenwärtige Kampagne erreicht jedoch ein neues Ausmass. Besonders in Kiew wird die Lage schwierig.
02.10.2026, 15.55 Uhr
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Gleb Garanich / Reuters
Kiew ist eine Stadt am Fluss. Grosse Brücken verbinden das historische Zentrum im Westen des Dnipro, wo sich das wirtschaftliche, politische und kulturelle Leben ballt, mit den Schlafbezirken im Osten. Hunderttausende überqueren täglich den grossen Strom. Seit zwei Tagen ist dieser Pendlerverkehr jedoch erheblich gestört. Russische Drohnen haben am Donnerstag und erneut in der Nacht auf Freitag mehrere Brücken über den Dnipro angegriffen.
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Am Freitagmorgen waren in der Folge die Süd- und die Paton-Brücke vollständig gesperrt, die von Schienen- und Strassenverkehr genutzte Metro-Brücke war nur in eine Richtung befahrbar. Dies beeinträchtigt auch die Verbindung zwischen der Hauptstadt und dem Hinterland jenseits des Flusses. Alle drei betroffenen Brücken sind auch wichtige Zubringer zu den grossen Fernstrassen nach Tschernihiw im Norden beziehungsweise Richtung Poltawa und Charkiw im Osten.
Angriffe auf Brücken sind das jüngste Kapitel in einer sich stetig ausweitenden russischen Kampagne, die das Wirtschaftsleben des Landes, aber auch den zivilen Alltag der Ukrainerinnen und Ukrainer so weit wie möglich behindern soll. Immer häufiger erfolgen auch tagsüber Angriffe.
Erste Stromunterbrüche in diesem JahrBereits im Frühjahr begann Russland mit der gezielten Zerstörung von Tankstellen. Angriffe auf Personenzüge haben in den vergangenen Monaten stark zugenommen. Auch Grenzposten und Rechenzentren von Internetanbietern und Mobilfunkbetreibern gerieten ins Visier. Beides erschwert die Vernetzung der Ukraine und ihrer Bewohner mit der Welt.
Mit dem Herbstanfang kehren wie in jedem Jahr die Angriffe auf die Energieinfrastruktur zurück. Am 30. September kam es in Kiew nach einem Grossangriff erstmals wieder zu grösseren Stromunterbrüchen. Das lässt Erinnerungen an den letzten, besonders harschen Winter aufkommen, als die Menschen teilweise mehrere Wochen bei zweistelligen Minustemperaturen in ungeheizten Wohnungen ausharren mussten.

Gleb Garanich / Reuters
Russland geht mit absoluter Rücksichtslosigkeit vor. Am Donnerstag schlug eine Drohne während der Unterrichtszeit in einer Schule in Kiew ein. Nur weil sich die Lehrerinnen und Schüler rechtzeitig in den Schutzraum begeben hatten, kam dabei niemand zu Schaden. Am Montag gab es einen Angriff auf die Akademie der Wissenschaften, in der Woche zuvor beschädigte eine Drohne eine Geburtsklinik.
Am Freitag schrieb Präsident Wolodimir Selenski in einem Tweet, dass Russland jegliche Zurückhaltung abgelegt habe. Der russische Präsident Wladimir Putin solle gesagt haben, dass keine Regeln mehr gälten. Dies geht laut Selenski aus Geheimdiensterkenntnissen hervor. Überprüfen lässt sich das nicht.
We know from intelligence and some people around Putin that at the beginning of September Putin said, “No rules now.” The Russians couldn’t occupy us. So now they are doing massive attacks and massive killings. And of course they want to go after our bridges and, from what we… pic.twitter.com/QgPacJKqjb
— Volodymyr Zelenskyy / Володимир Зеленський (@ZelenskyyUa) October 2, 2026
Putin hatte bereits im August indirekt eine skrupellosere Kriegsführung angekündigt. Bei einem Wahlkampfauftritt sagte er damals, die Ukraine habe mit ihren Angriffen auf Ziele im russischen Hinterland die «Büchse der Pandora» geöffnet.
Die Drohnenkampagnen Russlands und der Ukraine lassen sich allerdings nicht gleichsetzen. Ukrainische Drohnen nehmen zwar ebenfalls wirtschaftliche Ziele mit bestenfalls indirektem militärischem Nutzen ins Visier, vor allem Anlagen der russischen Ölindustrie sowie Lagerhäuser grosser Onlinehändler. Diese befinden sich aber in aller Regel nicht in dichtbesiedeltem Gebiet.
Zu wenig SchutzräumeRussland greift Ziele in der ganzen Ukraine an. Im Fokus steht aber seit Wochen die Hauptstadt Kiew. Im Monat September wurde dort mehr als 200 Mal Luftalarm ausgelöst. Während einer ungewöhnlich langen Angriffswelle zum Monatsbeginn kam die Stadt über eine Woche nicht zur Ruhe.
In der Folge wurde unter anderem das Alarmsystem angepasst. So wird nun zwischen anfliegenden Drohnen (gelb) und den noch gefährlicheren Angriffen mit Raketen und Marschflugkörpern (rot) unterschieden. Die strengsten Einschränkungen gelten nur bei Raketen. Dies soll die Einschränkungen verringern. Laut dem Wirtschaftsminister Olexander Krawtschenko verursacht jede Stunde roter Alarm für die Wirtschaft Kosten von 45 Millionen Dollar.
Es werden aber auch Versäumnisse der Behörden sichtbar. So beschweren sich viele Bürger über fehlende Schutzräume. Laut der Stadtverwaltung gibt es in Kiew 4385 Räume, die für den Schutz vor Angriffen ausgewiesen sind. Laut dem «Kyiv Independent» reicht das aber nur für etwa sechzig Prozent der Menschen in der Hauptstadt.
Zudem handelt es sich bei der grossen Mehrzahl dieser Räume um einfache Keller, die nur bedingten Schutz bieten. Andere wiederum werden gewerblich genutzt, etwa als Tiefgaragen, was regelmässig zu Konflikten mit den Betreibern führt. Mobile Bunker, Betonbauten an belebten Plätzen, in die sich Passanten bei Alarm flüchten können, gibt es im Gegensatz zu anderen Städten des Landes in Kiew kaum. All das wirft kein gutes Licht auf die Arbeit von Bürgermeister Witali Klitschko.
Gefährliche Drohnen mit DüsenantriebHinzu kommen die Probleme beim aktiven Schutz, der Flugabwehr. Dass die Ukraine kaum noch über Mittel verfügt, um Raketen abzuschiessen, ist seit längerem bekannt. Die Munition für Flugabwehrsysteme wie Patriot ist weitgehend aufgebraucht. Nachschub ist nicht zuletzt wegen des hohen Verbrauchs am Golf nicht in Sicht.
Aber auch der Kampf gegen die Drohnen ist schwieriger geworden. Russland setzt immer mehr Drohnen mit Düsenantrieb ein, die wegen ihrer hohen Geschwindigkeit und ihrer beträchtlichen Flughöhe viel schwieriger abzuschiessen sind als frühere Modelle. Präsident Selenski sprach kürzlich von einer Abschussquote von lediglich 57 Prozent. Die Ukraine geht davon aus, dass Russland zurzeit etwa 3000 Drohnen mit Düsenantrieb pro Monat produziert, die Kapazitäten aber stetig erweitert.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass eine wachsende Zahl von Menschen in Kiew mit dem Gedanken spielt, zumindest über den Winter die Stadt zu verlassen und sich weiter westlich niederzulassen. Sie fürchten, dass Putin gelingen könnte, was er ganz offensichtlich vorhat: Kiew unbewohnbar zu machen.
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