In Quedlinburg ist das Schlossmuseum nach einer umfangreichen Sanierung wieder eröffnet worden. Ein Hingucker ist die neue Galerie der Äbtissinnen.
Weltkulturerbe modern
Stand: 03.10.2026 14:27 Uhr
Der Stiftsberg von Quedlinburg zählt zum Weltkulturerbe. Nach fast sieben Jahren umfassender Sanierung hat das dortige Schlossmuseum wieder geöffnet. Die mehr als 300 Exponate werden moderner präsentiert und teilweise multimedial vermittelt. Jetzt ist es möglich, Schlossmuseum, Stiftskirche und Domschatz in einem einzigen Rundgang zu erleben. Ein Höhepunkt des Rundgangs ist die neue Galerie der Äbtissinnen.
von Carsten Reuß, MDR SACHSEN-ANHALT
Etwa zwei Wochen vor der Eröffnung des Museums gab es bereits einen sehr emotionalen Moment. Im Blauen Saal des Quedlinburger Schlosses soll die Äbtissinnen-Galerie entstehen. Die Bilder waren gerade aufgehängt, da wird die Flügeltür zum Saal geöffnet. Ein Dutzend Frauen strömt hinein. Sofort gehen die Köpfe nach oben, suchende Blicke, freudige und erstaunte Gesichter. An den Wänden hängen Portraits. Es sind Portraits der Frauen, die jetzt staunend davorstehen. Köpfe und Oberkörper wurden digital mit mittelalterlicher Kleidung versehen. Die Fotos sind auf gebürstetem Aluminium gedruckt, erstrahlen deshalb, wenn man direkt davorsteht.
Cathleen Brand ist eine der Frauen, die den Quedlinburger Ätbtissinnen nun im Schlossmuseum ein Gesicht geben.
Auch Cathleen Brand schaut sofort zur Wand und erkennt sich. "Wow, Wahnsinn, toll", murmelt sie. Auf dem Bild an der Wand hat sie Bertradis II. ihr Gesicht geliehen, einer Äbtissin, die im 13. Jahrhundert regierte. Vor einem Jahr war Cathleen Brand, die eigentlich bei der Caritas arbeitet, zu einem Fotoshooting eingeladen. Ohne Schmuck und ungeschminkt sollte sie erscheinen. Damals entstanden die Fotos für das heutige Bild.
Das Quedlinburger Damenstift existierte von 966 bis 1803. Während dieser 866 Jahre regierten insgesamt 39 Äbtissinnen. Doch nur von zwölf dieser Frauen gibt es Portraits. Vor der Reformation wurden keine angefertigt. Doch auch die anderen Äbtissinnen sollten sichtbar werden, so die Idee der Museumsleitung.
Das seien starke Frauen gewesen, sagt Uta Siebrecht, die Leiterin der Quedlinburger städtischen Museen und Archive. Diesen Frauen sollte in der Ausstellung mehr Sichtbarkeit gegeben werden. "Die Lebenskraft und große Leistung der Äbtissinnen der Frühzeit kann man in Texten beschreiben", sagt Uta Siebrecht, "aber Texte liest heute niemand mehr. Man ist sehr visuell orientiert. Insofern war es mir wichtig, dass wir farbige Bilder an die Wand holen, obwohl unsere Quedlinburger Models keine wirklichen Äbtissinnen sind."
Texte liest heute niemand mehr. Man ist sehr visuell orientiert. Insofern war es mir wichtig, dass wir farbige Bilder an die Wand holen, obwohl unsere Quedlinburger Models keine wirklichen Äbtissinnen sind. Uta Siebrecht, Leiterin Quedlinburger städtischen Museen und ArchiveDreimal so viel Ausstellungsfläche wie zuvor
Die neue Galerie der Äbtissinnen ist ein wichtiger, aber bei weitem nicht der einzige Hingucker im neuen Museum. Die rund 300 Ausstellungsstücke werden jetzt moderner präsentiert. Die Ausstellungsfläche ist mit 2.300 Quadratmetern nun dreimal so groß wie vorher. Außerdem können nun Museum, Stiftskirche und Stiftsschatz in einem gemeinsamen Rundgang erkundet werden.
Ganz in Grün gehalten ist zum Beispiel jetzt der Raum, in dem die berühmte Fehde mit dem Grafen von Regenstein erklärt wird. Die Sühneurkunde aus dem Jahr 1339 liegt hier, daneben steht eine Kammerbüchse, eine frühe Kanone mit steinerner Kugel – und die berühmte Quedlinburger Balliste, eine große Windenarmbrust aus dem Jahr 1335, mit der große Bolzen verschossen wurden. Sie ist aller Wahrscheinlichkeit nach die einzige erhaltene ihrer Art.
Die wohl einzig erhaltene ihrer Art: die Quedlinburger Balliste, eine große Windenarmbrust aus dem Jahr 1335
Auch der NS-Zeit ist ein Raum gewidmet. Die Stiftskirche diente der SS ab 1936 als Weihestätte. König Heinrich I. wurde als vermeintlicher Begründer des Deutschen Reiches verherrlicht und für die NS-Ideologie instrumentalisiert. SS-Chef Heinrich Himmler hielt sich selbst für die Reinkarnation Heinrichs des Ersten.
Historische Figuren begegnen Besuchern digitalFür eine bessere Verständlichkeit werden in der Ausstellung verstärkt neue Medien genutzt. Auf acht lebensgroßen Bildschirmen begegnen Königin Mathilde und sieben weitere Äbtissinnen den Besuchern virtuell. Sie äußern Gedanken und kommentieren Ereignisse ihrer Zeit. Die Inhalte sind nicht KI-generiert. Auf diese Weise wolle man mehr Interesse beim Besucher erzeugen, so Siebrecht.
Auf einem lebensgroßen Bildschirm treffen Besucherinnen und Besicher unter anderem Königin Mathilde und erfahren, was sie über die Ereignisse ihrer Zeit denkt.
In der Ausstellung würden drei Handlungsstränge verfolgt, sagt Siebrecht – die Memoria, die Geschichte des Stifts und die Baugeschichte des Stiftsberges.
51,5 Millionen Euro für den StiftsbergDie Eröffnung des Museums ist gleichsam der Schlusspunkt einer ganzen Reihe von Maßnahmen auf dem Stiftsberg. Seit 2018 wurden aus verschiedenen Quellen (Bund, Land, EU, Landkreis, Deutsche Stiftung Denkmalschutz) insgesamt 51,5 Mio. Euro in die Sanierung und Umgestaltung des zum Unesco-Welterbe zählenden Stiftsberges investiert.
Neben der Sanierung und Sicherung des Stiftsberges wurden auch Garten- und Wirtschaftsanlagen umfassend saniert und die Präsentation der Stiftskirche St. Servatii und eben das Schlossmuseum neugestaltet. Außerdem wurde in eine barrierearme Umgestaltung des Ensembles investiert. Aufzüge, Rampen und Niveauausgleiche ermöglichen nun einen weitgehend barrierearmen Besuch.
Bereits seit dem 28. März 2026 sind Stiftskirche St. Servatii und Domschatz in neuer Präsentation geöffnet. Nun also folgt das Schlossmuseum.
Cathleen Brand (r.) und auch die anderen Frauen sind begeistert, was aus dem Foto-Shooting vor einem Jahr enstanden ist und nun im Blauen Saal für lange Zeit zu betrachten sein wird.
Im Blauen Saal aber hängen nun die Portraits von Frauen von heute aus Quedlinburg und Umgebung – als Äbtissinnen vergangener Jahrhunderte. Sie werden wahrscheinlich lange dort hängen, vielleicht sogar Jahrhunderte. Ein sehr reizvoller Gedanke, findet Cathleen Brand. Ihre Tochter hätte ihr gesagt, wenn die Mutter mal nicht mehr lebe, würde sie mit ihren Kindern und Enkeln dorthin gehen und ihnen das Bild zeigen, damit sie sehen, wie sie ausgesehen habe. "Das ist schon irre", findet sie.
MDR (Cornelia Winkler)
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