Während die Kostenfrage rund um den F-35 Bern aufwühlt, reist eine Schweizer Delegation in die Fertigungshalle nach Texas. Ein Besuch vor Ort.
Während die Kostenfrage rund um den F-35 Bern aufwühlt, reist eine Schweizer Delegation in die Fertigungshalle nach Texas. Ein Besuch vor Ort.
22.09.2026, 10.41 Uhr
7 Leseminuten

Chris Hanoch / Lockheed Martin
Der Ort, an dem der modernste Kampfjet der Welt gefertigt wird, ist für Besucher so gut gesichert wie Fort Knox: Man muss sich mehrmals ausweisen, überall stehen Videokameras und bewaffnete Sicherheitsmänner. Keine Fotos, keine Handys, keine Audioaufnahmen. Sogar Schmuck muss man vor dem Betreten der Fertigungshalle ablegen – womöglich könnte sich sonst ein Fremdkörper in eines der Hochleistungsflugzeuge verirren.
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Hat man diese Hürden genommen, steht man in der gigantischen Fabrik des F-35 im texanischen Fort Worth. Sie ist 1,6 Kilometer lang, manche Mitarbeiter steigen auf ein Velo, um in die Kantine am anderen Ende zu gelangen. Rund um die Uhr wird hier gewerkelt, jeden Tag.
Das Flugzeug erinnert an Science-FictionDer F-35 ist das modernste Kampfflugzeug der Geschichte, wie der amerikanische Hersteller Lockheed Martin gerne betont, ein Tarnkappenjet der fünften Generation. Das heisst: Dank seiner Form und einer Speziallackierung ist er in bestimmten Winkeln auf bestimmten Radaren nicht zu erkennen. Noch dazu ist er eine Datenkrake. Kameras, Radare und Laser greifen aus der Umgebung ständig Informationen ab, sie werden zwischen den Flugzeugen ausgetauscht, und dem Piloten werden die gewonnenen Erkenntnisse in das Visier projiziert.
Nicht nur das Flugzeug, auch der Produktionsprozess erinnert an Science-Fiction: Jede Maschine darf nur minimal von der vorgegebenen Form abweichen, um die Tarnfähigkeit nicht zu verlieren. Um genau zu sein: nur um 50 Mikrometer, also um die Dicke eines menschlichen Haares.
Solche und andere Details bekommt eine Schweizer Delegation am Montag zu hören, als sie auf Elektroautos durch die Fabrikhallen von Lockheed Martin düst. Rund fünf Jahre nachdem Bern sich für den F-35 als neues Schweizer Kampfflugzeug entschieden hatte, reiste die Führungsspitze von Armee und Armasuisse nach Fort Worth für das «bulkhead signing». Vertreter des Käuferlandes signieren dabei ein Bauteil – eine Tradition in der Luft- und Raumfahrt.
Eigentlich hatte die Schweiz 36 Kampfflugzeuge bestellt. Wegen massiver Preissteigerungen will sie jetzt nur noch 30 kaufen. Die ersten 8 werden nun hier in Fort Worth produziert. Auf Bildschirmen vor diversen Fertigungsstationen können Besucher nachvollziehen, zu wie viel Prozent die Maschinen jeweils fertiggestellt sind; der Prozess dauert im Schnitt zwanzig Monate. Es sei ein «emotionaler Moment» für ihn, sagt Divisionär Christian Oppliger. Der Kommandant der Schweizer Luftwaffe wirkt dabei so bewegt, wie man es sich in seiner Position wohl öffentlich erlauben darf. «Es war so ein langer Weg, und jetzt sehen wir die ersten Flugzeuge.»

Chris Hanoch / Lockheed Martin
Doch der Besuch der Schweizer Delegation findet vor dem Hintergrund eines massiven Vertrauensverlustes gegenüber dem F-35-Projekt statt. Vor wenigen Tagen stellte die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats fest, dass es den vom Verteidigungsdepartement (VBS) propagierten Fixpreis für den F-35 nie gegeben hat. Wie alle anderen Länder muss die Schweiz denjenigen Preis zahlen, den die amerikanische Regierung gegenwärtig mit dem Hersteller aushandelt. Pro Tranche («lot») legen ihn Washington und Lockheed Martin neu fest.
Denn genaugenommen gehört die gigantische Fertigungsanlage gar nicht Lockheed Martin, auch wenn sie auf deren Werksgelände steht – sondern der amerikanischen Regierung. Welches Land wie viele der Kampfflugzeuge wann erhält und zu welchem Preis, bestimmt letztlich Washington. Das betont Lockheed Martin bei dem Besuch am Montag auch immer wieder. Soll heissen: Man trägt am Fixpreis-Fiasko keine Schuld.
Für die Schweiz heisst das, dass die vom Volk bewilligten 6 Milliarden Franken nur noch für 30 statt wie geplant 36 der Kampfjets reichen werden, trotz einem Zusatzkredit von 394 Millionen Franken. Es ist einer der schwersten Skandale, die das VBS je erlebt hat.
Doch in Fort Worth will man am Montag lieber nach vorne schauen. Die Botschaft des Besuchs sei klar, sagte der Chef der Schweizer Armee, Korpskommandant Benedikt Roos, im Gespräch mit der NZZ: Es geht voran. «Wir sind überzeugt, dass wir das beste Stück Technologie bekommen.»
Der ebenfalls angereiste Rüstungschef Urs Loher pflichtet ihm bei: Der Besuch setze jetzt ein gutes Zeichen, nämlich dass es bei der Beschaffung so laufe, wie geplant.
Doch bei aller Bewunderung für das Kampfflugzeug, aus der die Schweizer Delegation kein Hehl macht, bleiben weitere Fragen offen.

Chris Hanoch / Lockheed Martin
Da ist, erstens, die Frage nach weiteren Überraschungen, nämlich bei den Betriebskosten. Auf die veranschlagte Lebenszeit von dreissig Jahren errechnete Armasuisse 2021 die Summe von 9,4 Milliarden Franken. Einzelne Beobachter wie der Ex-Armeechef André Blattmann warnten jedoch schon damals vor viel höheren Kosten.
Auch andere Länder mussten bereits massiv nach oben korrigieren: Norwegen erwartet Betriebskosten, die den Anschaffungspreis um das 2,5-Fache übersteigen. Dänemark korrigierte seine Schätzung um rund 50 Prozent nach oben. Für die Schweiz würde das Kosten von 12 bis 15 Milliarden Franken bedeuten.
Der Rüstungschef Loher bestätigt, dass die Höhe der Betriebskosten unklar sei. «Wir müssen das von Jahr zu Jahr sehen, nun ist es erst einmal wichtig, Erfahrungen zu sammeln.»
Bleibt es beim vereinbarten Zeitplan?Die zweite Frage ist die nach dem weiteren Zeitplan. Die Hauptmontage des ersten Schweizer F-35 begann im Mai 2026. Die ersten 8 Jets sollen ab Mitte 2027 in den USA für die Pilotenausbildung in Ebbing, Arkansas, stationiert werden. Ab Mitte 2028 sollen dann die ersten Kampfjets in der Schweiz eintreffen. Allerdings verwies Armasuisse in der Vergangenheit selbst darauf, «dass die amerikanische Regierung unter ungewöhnlichen Umständen und aus triftigen Gründen Lieferungen zurückstellen kann».
So passiert bei einem anderen System aus den USA: dem Flugabwehrsystem Patriot. Dort muss die Schweiz massive Lieferverzögerungen und Kostensteigerungen in Kauf nehmen, weil andere Länder prioritär behandelt werden und die USA die Systeme selbst brauchen im Krieg gegen Iran.
Auch Roos hatte im Frühjahr gesagt, dass die Schweiz auf dem weltweiten Rüstungsmarkt eine Nebenrolle spiele: Auf der 15-stufigen Prioritätenliste der USA liege das Land auf Rang 13. Zudem ist unklar, ob Nato-Mitglieder bei der Auslieferung des F-35 bevorzugt werden: So hatte Deutschland etwa seine Bestellung für 35 F-35 zwar drei Monate nach der Schweiz aufgegeben, liegt im Zeitplan aber sechs bis neun Monate vor Bern. Vergangene Woche feierte die deutsche Regierung in Fort Worth den Erhalt des ersten Kampfjets.
Korpskommandant Roos gab sich am Montag dennoch optimistisch, dass der Zeitplan für die Schweiz eingehalten werde. Auch der Kommandant der Luftwaffe, Oppliger, sagte, es gebe «null Anzeichen für eine Verzögerung».

Chris Hanoch / Lockheed Martin
Das dritte Problem: ein wachsendes Misstrauen gegenüber den USA. Gerüchte zu einem «kill switch» tauchen immer wieder auf, dabei geht es um die Fähigkeit, dass die Amerikaner das Kampfflugzeug aus der Ferne steuern oder gar lahmlegen könnten. Bei Lockheed Martin streitet man eine solche Funktion vehement ab.
Tatsächlich brauchten die USA sie auch gar nicht: Die Amerikaner kontrollieren ohnehin die Software-Updates und Ersatzteile für den F-35 sowie die «mission data files», also eine Art digitale Bedrohungsdatenbank des F-35, dank der er feindliche Radare, Flugzeuge und Flugabwehrsysteme erkennt. Bei Armasuisse sagte man dazu am Montag, dass die «mission data files» «unter Mitwirkung der Luftwaffe auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten» würden. Grundsätzlich seien aber derartige «Abhängigkeiten für die Schweiz unvermeidlich».
Bei Lockheed Martin wiederum versucht man sich zunehmend als «internationale Firma, nicht als amerikanische Firma» zu vermarkten, wie es der für die Geschäftsentwicklung zuständige Manager Tyler Bardo darstellt. 25 Prozent des F-35 würden inzwischen in Europa hergestellt.
Bindet der F-35 nicht zu viele Finanzmittel?Eine Grundsatzfrage stellt sich mit Blick auf die veränderte Gefahrenlage in Europa: Ist die Schweiz wirklich gut beraten, Milliardenbeträge für ein Kampfflugzeug zu binden? Das Bedrohungsumfeld hat sich in letzter Zeit in Richtung hybride Kriegsführung und Drohnen verändert.
Das bestätigt auch Roos, aber die Schweiz könne «nicht das eine gegen das andere ausspielen. Ein Kampfflugzeug ist absolut essenziell.» Es brauche ein funktionierendes Gesamtsystem bei der Verteidigung.
Die Fähigkeit zur Gesamtverteidigung betont auch der Manager Bardo von Lockheed Martin, allerdings in einem europäischen Kontext. Zahlreiche Nachbarländer der Schweiz setzen auf das Kampfflugzeug, bis Ende 2030 sollen 700 Stück in Europa einsatzbereit sein. «Wenn du viele Partner hast, die alle ein interoperables Flugzeug haben, ist das fast wie eine Ausweitung der Schweizer Verteidigungsfähigkeiten», sagt Bardo. Die Schweiz solle an das Gesamtgefüge denken, von dem sie ein Teil sei: mit Europa, mit den USA und auch mit den Partnern im Pazifik.
Mit knapp 30 Jets kauft die Schweiz deutlich weniger als manche Nato-Staaten, die ihren Luftraum im Ernstfall gemeinsam schützen können. Die Schweiz steht ohne ein solches Bündnisversprechen da. Was die Frage aufwirft: Ist die Schweizer Flotte nun zu stark geschrumpft? Eine Expertengruppe von Armee und Armasuisse kam vor Jahren zu dem Schluss, dass für eine glaubwürdige Luftverteidigung 55 bis 70 Kampfjets nötig wären – fast doppelt so viele, wie der Bund nun voraussichtlich kaufen will.
In Texas machte die Armeespitze kein Geheimnis aus ihrem Wunsch nach mehr Flugzeugen: «30 Kampfjets sind zu wenig», betonte Roos. Und der Luftwaffenkommandant Oppliger verdeutlichte die Mechanik: Je kleiner die Flotte, desto öfter muss die einzelne Maschine in die Luft – was Wartungszeiten verlängere, wodurch auch die Durchhaltefähigkeit im Konfliktfall sinke. Doch eine Aufstockung der Stückzahlen ist momentan politisch chancenlos – nicht zuletzt wegen des Fixpreis-Skandals.
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