Der Immobilienentwickler und Unternehmer Klauspeter Nüesch will die Schweiz davon überzeugen, dass sie sich auf eine Verkehrsrevolution vorbereiten muss. Die Frage ist: Wer hört auf ihn?
Der Immobilienentwickler und Unternehmer Klauspeter Nüesch will die Schweiz davon überzeugen, dass sie sich auf eine Verkehrsrevolution vorbereiten muss. Die Frage ist: Wer hört auf ihn?
05.10.2026, 05.30 Uhr
7 Leseminuten

Allison Dinner / EPA
In der Schweiz gibt es heute rund 4,8 Millionen Autos. Gerade einmal eine Handvoll davon können ohne Chauffeur fahren. Für Klauspeter Nüesch ist klar, dass sich das in wenigen Jahren ändern wird. «Spätestens ab 2035 werden wir es mit einer massiven Welle von autonomen Fahrzeugen zu tun haben. Darauf müssen wir vorbereitet sein.»
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Nüesch ist Architekt und Stadtplaner, er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Verkehrs- und Mobilitätskonzepten. Der Ostschweizer lebt seit sechzehn Jahren in China, er ist mit einer Chinesin verheiratet, die Kinder gehen dort zur Schule. Sein Unternehmen Nüesch Development entwickelt Immobilienprojekte in Europa, Asien und Amerika, vom Einkaufszentrum bis zu ganzen Stadtteilen. In der Schweiz hat Nüesch Development unter anderem das Westside Bern und das Projekt Greencity auf dem Gelände der ehemaligen Sihlpapierfabrik in Zürich entwickelt.

Nicolas Delaroche
Seinen grössten Auftrag hat er sich aber selbst gegeben: Er will die Schweiz davon überzeugen, dass sie sich auf eine fundamentale Umwälzung gefasst machen muss. Nüesch sagt: «Dieses Jahr wird es bereits mehrere tausend vollautonome Robotaxis in den USA und China geben, in London sind die grossen Player auch schon am Üben.» 2030 würden es weltweit Hunderttausende sein. Diese Fahrzeuge würden zuerst Taxis ersetzen, dann aber bald unrentable ÖV-Strecken. «Das wird schnell gehen. Und es wird das Land verändern.»
Nüesch vergleicht die gegenwärtige Entwicklung mit der Verbreitung des Mobiltelefons. «Vom ersten iPhone 2007 bis zur kompletten Integration des Smartphones in den Alltag dauerte es nur zehn Jahre», sagt er. Mit den selbstfahrenden Autos werde sich das wiederholen. «Das heutige Auto wird ersetzt, wie einmal das Pferd durch das Auto ersetzt wurde.»
Seit Monaten bearbeitet er deshalb Exponenten der Schweizer Verkehrspolitik, um ihnen seine Vision zu verdeutlichen. Auch bei Verkehrsminister Albert Rösti war er schon im Büro. Allen erzählt er das Gleiche: Die Schweiz müsse sich auf die Robotaxi-Revolution vorbereiten – nicht morgen, sondern heute. «Verkehrs- und Städtebauprojekte dauern fünfzehn bis zwanzig Jahre bis zur Umsetzung. Es ist also höchste Zeit, dass wir damit beginnen.»
Nüeschs Szenario lässt sich in fünf Punkten zusammenfassen:
1. Warum Robotaxis kommen werdenAusgangspunkt ist der globale Automobilmarkt. Dieser Markt stehe mitten in einer fundamentalen Umwälzung. «Die führenden Firmen im autonomen Fahren sind keine Automobilkonzerne. Es sind Google mit Waymo und das chinesische Baidu mit Apollo Go, dahinter folgen Tesla und Uber.» Sie kämpften um Marktanteile – und gegen die traditionellen Autofirmen.
Alle Player seien sich bewusst, dass es jetzt um die Geschwindigkeit gehe. «Wer sich Marktanteile sichern will, muss bei der Einführung vorne dabei sein», sagt Nüesch. «Google, Baidu und Co. werden deshalb schnell und aggressiv den Markt besetzen wollen.» Das Tempo führe dann zu Überkapazitäten, was die Markteinführung zusätzlich beschleunige und die Preise sinken lasse.
Der hohe Wettbewerbsdruck werde sicherstellen, dass die Unternehmen zuerst jene Länder auswählten, die einen grossen Markt böten und eine gute Marge versprächen. Die Schweiz sei zwar wegen ihrer Grösse und des föderalistischen Systems nicht vorne dabei, meint Nüesch. «Ihr hohes Lohnniveau macht sie aber interessant für die Robotaxi-Anbieter.»
2. Warum Busse und Regionalzüge unter Druck geraten könntenNüesch ist überzeugt, dass Robotaxis zuerst die heutigen Taxis ersetzen werden. Danach geraten Buslinien und Regionalzüge unter Druck – jedenfalls dort, wo sie schlecht ausgelastet und teuer sind. «Niemand wird mehr den Bus nehmen, wenn das Robotaxi günstiger ist.»
Für den öffentlichen Verkehr wäre das nach Nüeschs Vorstellung kein Niedergang, sondern eine Konzentration auf die starken Linien. «Wenn die gut frequentierten Linien profitabel geführt werden, sparen Bund, Kantone und Gemeinden damit nahezu die gesamten Subventionen für den öffentlichen Verkehr.» SBB, Regionalbahnen und Busbetriebe könnten sich im Gegenzug auf jene Angebote konzentrieren, die sich wirtschaftlich betreiben lassen.
Eine kleine Verkehrsrevolution erlebte die Schweiz am 1. März 2025 zumindest auf dem Papier. Seit diesem Datum dürfen Lenker auf Schweizer Autobahnen das Lenkrad loslassen, wenn das Auto über einen Autopiloten verfügt. Der Fahrer muss dann zwar den Verkehr nicht mehr dauernd überwachen, aber jederzeit bereit sein, das Steuer selbst wieder zu übernehmen.
Echte Robotaxis, also komplett führerlose, KI-gestützte Fahrzeuge, sind auf den Schweizer Strassen noch nicht generell zugelassen. Bis heute dürfen sie nur auf bestimmten Strecken fahren, die vom Bundesamt für Strassen (Astra) und von den Kantonen dafür freigegeben wurden. Seit einigen Monaten laufen nun die ersten Versuchsbetriebe. Seit Juni fahren in der Ostschweiz autonome Postautos. Noch sitzt allerdings ein Sicherheitsfahrer an Bord, der reguläre Betrieb ohne menschliche Überwachung soll 2027 starten.
Weiter ist ein Pilotprojekt im Zürcher Furttal. Seit Ende September fahren dort drei Robotaxis zwischen der Zürcher Gemeinde Regensdorf und der Aargauer Gemeinde Würenlos. Hinter dem Projekt stehen die Kantone Zürich und Aargau, die SBB und der Verein Swiss Transit Lab.
Die Robotaxi-Anbieter wollen aber mehr. Im Juni haben Uber und WeRide bekanntgegeben, dass sie schon in den nächsten Monaten Robotaxis nach Zürich bringen wollen. Das dürfte auch die Konkurrenz anlocken und die Verbreitung beschleunigen, wie Nüesch prophezeit.
3. Warum Robotaxis das Verkehrsproblem nicht lösenDie Robotaxi-Revolution bedeute für die Schweiz nicht weniger Gesamtverkehr, sagt Nüesch. «Im schlechteren Fall nimmt er sogar noch zu.» Weil die autonomen Taxis so komfortabel und günstig seien, würden Personen vom öffentlichen Verkehr oder vom Velo auf das Robotaxi umsteigen. Zudem entstünden zusätzliche Leerfahrten, wenn die Taxis zum nächsten Fahrgast steuerten.
Der Modalsplit, also das Verhältnis von Strasse zu Schiene, werde sich dadurch verschlechtern. «Wir müssen deshalb sicherstellen, dass die Robotaxi-Nutzer für lange Strecken die Bahn nutzen und nicht die Autobahn verstopfen», sagt Nüesch. «Es muss gelingen, vom Auto auf den Zug so locker umzusteigen wie heute vom Zug aufs Flugzeug.»
In der Schweiz sei die Ost-West-Achse entscheidend für die Volkswirtschaft. Im neuesten Gesamtplan des Bundes, «Verkehr ’45», seien aber wenige Mittel vorgesehen, um diese Achse konsequent aufzuwerten. Für Nüesch ist das eine verpasste Chance. «Man traut sich einfach nicht, die eingefahrenen Wege zu verlassen. Das ist gefährlich für die Zukunft unseres ÖV-Systems, das heute immer noch das weltbeste ist.»
4. Warum die Bahnhöfe umgebaut werden müsstenDie autonomen Taxis werden laut Nüesch nicht nur für die Autobahnen zu einem Problem, sondern auch für die Bahnhöfe. «Wenn sich in meiner Heimatstadt St. Gallen im Jahr 2045 der IC mit 600 Passagieren füllt, dann werden 200 Robotaxis in den letzten zehn Minuten vorfahren wollen. Da reichen die drei Kiss-and-Ride-Parkplätze in der Tiefgarage nicht.» An den grossen Bahnhöfen brauche es deshalb eine Vorfahrt mit einem Autobahnanschluss wie im Flughafen Zürich. Der Bahnhof würde zum Mobility-Hub, zum Knotenpunkt zwischen Nah- und Fernverkehr.
Viele Hauptbahnhöfe seien dafür aber nicht geeignet, weil sie am falschen Ort stünden, zu wenig Platz böten oder ohnehin schon überlastet seien. «Es wird also neue Mobility-Hubs brauchen.» Für die ganze Schweiz rechnet Nüesch mit mindestens zwanzig solchen Standorten. Die Investitionskosten schätzt er auf mehrere hundert Millionen Franken pro Hub. «Solche Anlagen lösen eine massive Aufwertung der Gebiete aus. Deshalb kann man sie privat finanzieren, es braucht keine Subventionen.»
Nüesch illustriert seine Idee am Beispiel des ehemaligen Güterbahnhofs St. Gallen St. Fiden. Die Stadt kaufte diese Brache vor ein paar Jahren den SBB als Baulandreserve ab. Eine Machbarkeitsstudie, an der auch Nüesch beteiligt war, kam 2019 zu dem Schluss, dass durch die Überdeckung des Gebiets von knapp zehn Fussballfeldern ein völlig neuer Stadtteil entstehen könnte.
Die Überdeckung des Areals veranschlagte Nüesch auf 250 bis 300 Millionen Franken. Die Kosten würden nicht die Steuerzahler tragen, sondern private Investoren. Da Bauland in Stadtzentren extrem knapp sei, rentiere sich das Modell, sobald der Wert der Immobilien auf dem künstlich gewonnenen Bauland höher sei als die Summe aus den Baukosten für die Überdeckung und die Gebäude darauf. «In St. Fiden müssten wir Häuser mit durchschnittlich sechs bis acht Stockwerken bauen, damit es sich rechnet.»
Die SBB entzogen dem Projekt später die Unterstützung, die Pläne wurden zu Nüeschs Bedauern nicht umgesetzt. «St. Fiden ist der erste fertig durchdachte Mobility-Hub der Schweiz. Es wäre ein ausgezeichnetes Beispiel für eine machbare, zukunftsfähige Verkehrsdrehscheibe.»
5. Wie Robotaxis unseren Alltag verändern könntenFür Nüesch ist klar, dass der autonome Verkehr zwar neue Probleme bringt, aber mindestens ebenso viele Vorteile. «Senioren und Behinderte würden wieder mobil, Kinder könnten auch auf gefährlichen Wegen ohne Eltern in die Schule geschickt werden, Betrunkene würden aufs Auto verzichten», sagt er. Die Selbstfahrer würden erkennen, dass Fahren Zeit koste, die man besser mit Lesen, Entspannen oder Schlafen verbringe.
Auch wenn der Verkehr zunehme, werde die Zahl der Autos dennoch deutlich zurückgehen, sagt Nüesch. Er verweist auf eine ETH-Simulation von 2016: Diese zeigte, dass eine gemeinsame autonome Flotte mit nur rund einem Zehntel des heutigen Fahrzeugbestands ausreichen könnte, um 95 Prozent der heutigen Fahrten abzudecken.
Privatautos stehen heute im Schnitt über 23 Stunden am Tag ungenutzt auf Parkplätzen. Autonome Robotaxis können rund um die Uhr Personen befördern und nach der Fahrt selbständig zum nächsten Gast weiterfahren.
Weniger Autos bedeutet weniger Parkplätze, was vor allem in den Städten enorme Flächen frei werden lässt. Was das heisst, lässt sich wiederum am Beispiel Zürich veranschaulichen: Dort gibt es allein an den öffentlichen Strassen und Plätzen rund 42 000 Parkplätze, was einer Fläche von siebzig Fussballfeldern entspricht.
Nüesch wird noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, um seinen Thesen zum Durchbruch zu verhelfen. «Ich freue mich, wenn ich eines nicht zu fernen Tages mit meinem Generalabonnement auch ein Robotaxi rufen kann, das mich dann vom IC bei Regen bis vor meine Haustür bringt», sagt er. Doch dafür müsse die Schweiz heute mit der Planung beginnen.
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