Gesunde Ernährung? Nach 20 Jahren Forschung weiß ich: Die einzig wahre Antwort gibt es nicht – und genau das können viele Menschen nicht glauben.
Gesunde Ernährung? Nach 20 Jahren Forschung weiß ich: Die einzig wahre Antwort gibt es nicht – und genau das können viele Menschen nicht glauben.
Nach fast jedem meiner Auftritte passiert etwas Erstaunliches. Wenn die meisten schon ihre Jacken anziehen und zur Kaffeepause schlendern, bleibt fast immer jemand zurück. Wartet, bis der Raum sich leert. Und fragt dann, oft leiser als erwartet: „Herr Knop, darf ich Sie noch kurz etwas fragen? Das kann doch eigentlich nicht stimmen, das kann doch nicht wahr sein, oder?“
Auf der Bühne habe ich gerade hergeleitet, warum es aus wissenschaftlicher Sicht weder eine „gesunde Ernährung“ per se noch eine sinnvolle Einteilung in „gesunde“ und „ungesunde“ Lebensmittel gibt – eine Position, die sich auch in den Empfehlungen vieler ernährungswissenschaftlicher Fachgesellschaften widerspiegelt.
Uwe Knop ist evidenzbasierter Ernährungswissenschaftler, der fundierte Orientierung für selbstbestimmte Ernährungsentscheidungen bietet. Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.
Und jetzt kommt der Widerspruch. Meistens nach demselben Muster:
„Ja, aber Zucker ist doch ungesund.“
„Ja, aber Hamburger können doch nicht okay sein.“
„Ja, aber meine Kinder müssen doch Brokkoli essen.“
Erst ein Ja, dann sofort ein Aber – als würde die eigene Alltagsüberzeugung sich gegen das gerade Gehörte wehren, bevor sie es überhaupt zulassen kann.
Wenn Sie an dieser Stelle selbst innerlich „Ja, aber“ denken, helfen folgende Fragen:
Wenn ich ehrlich bin: Die eigentliche Überraschung in diesen Momenten ist gar nicht meine These selbst – die jeder unabhängige evidenzbasierte Wissenschaftler unterschreiben würde. Die eigentliche Überraschung ist, wie hartnäckig sich der Zweifel hält. Das ist nicht mehr eine Frage von Wissen. Das ist eine Frage von Überzeugung, die oft in Glaube übergeht – und Überzeugungen verhalten sich anders als Fakten.
ANZEIGE
ANZEIGE
Was viele nicht wissen: Diese Zurückhaltung gegenüber der Einteilung in „gesund“ und „ungesund“ ist keine steile These von mir persönlich. Die sieben großen ernährungswissenschaftlichen Institutionen in DACH betonen ausdrücklich, dass einzelne Lebensmittel nicht isoliert bewertet werden sollten, sondern das gesamte Ernährungsmuster über Zeit entscheidend ist.
Trotzdem erlebe ich diese Ungläubigkeit nicht nur bei Laienpublikum. Auch in Fachkreisen ernte ich gelegentlich dieses vorsichtige Kopfschütteln – als hätte ich gerade etwas behauptet, das zwar in der Literatur steht, aber irgendwie trotzdem nicht sein kann, weil es nicht sein darf.
Ich glaube, der eigentliche Grund für das Unglauben liegt nicht im fehlenden Verständnis der Fakten. Er liegt darin, dass die alte Kategorisierung – gesund versus ungesund – etwas sehr Praktisches bietet: klare Orientierung, ohne selbst nachdenken zu müssen. Wer weiß, dass Brokkoli „gesund“ und Chips „ungesund“ sind, muss keine Grauzonen aushalten.
Genau diese Grauzonen sind aber die Realität der Ernährungswissenschaft – und Grauzonen sind unbequemer als klare Regeln.