Jörn Clausen aus Hofheim hat seinen gesamten Jahresurlaub für eine Radreise vom Oslo ans Nordkap geopfert. 27 Tage war er netto unterwegs – und erlebte dabei mehr als nur Mitternachtssonne.
Stand: 14.10.2026, 06:00 Uhr

Jörn Clausen aus Hofheim hat seinen gesamten Jahresurlaub für eine Radreise vom Oslo ans Nordkap geopfert. 27 Tage war er netto unterwegs – und erlebte dabei mehr als nur Mitternachtssonne.
Hofheim – Ein nebelverhangener Tag auf Senja – der zweitgrößten Insel Norwegens. Der Dunst hängt oberhalb der Straße, über den Fahrradlenker hinweg sieht Jörn Clausen kaum etwas. Es ist Abend, als er durch einen Tunnel radelt. Und er macht große Augen, als ihm am anderen Ende des Tunnels trotz später Stunde die Sonne entgegenstrahlt.

Das Phänomen der Mitternachtssonne kommt nördlich des Polarkreises vor. Dort war der Hofheimer Jörn Clausen im Sommer mit dem Rad unterwegs, mit dem Ziel, das Nordkap zu erreichen. Dies gilt als der nördlichste über Straßen zu erreichende Punkt Europas. In der Region geht die Sonne zu dieser Zeit nicht unter: „Nachts war es taghell und ich habe eine Schlafmaske getragen“, sagt der 58‑Jährige, der von Mitte Juni bis Mitte Juli unterwegs war.
Radeln für den guten ZweckEin nächstes Projekt hat Jörn Clausen bereits im Auge: Er nimmt an einem größer angelegten Charity-Projekt teil, der „Tour Rynkeby 2027“. Dabei radeln mehr als 2500 Radfahrer, europaweit organisiert in mehr als 60 Teams aus acht Ländern – für den guten Zweck. Aktuell gründet sich ein Team in Frankfurt mit 36 Fahrern, die im Juli 2027 in sieben Etappen 1000 Kilometer nach Paris radeln. Ziel der Initiative: Spenden sammeln für schwer kranke Kinder. Und Sponsoren für das Team Frankfurt werden aktuell dringend gesucht. Kontakt: www.team-rynkeby.com.
Strecke von 2.500 KilometernMit dem Flieger ging es nach Oslo. Sein Gravelbike – ein geländetaugliches Rad mit breiteren Reifen – flog auseinandergebaut in einer Kiste mit. In der Landeshauptstadt begann die Reise auf dem Sattel, jeden Tag nahm sich Clausen 100 Kilometer vor. Die Strecke, vorher geplant in der Smartphone-App „Komoot“, führte ihn zunächst über Trondheim und dann im Westen entlang der Küste in Richtung Norden.
„Während meine Familie in Deutschland bei 42 Grad geschwitzt hat, habe ich bei gepflegten sieben Grad im Regen gesessen“, sagt Clausen lächelnd. Gemütlich war die Reise dabei nicht immer: „Die Natur wird rauer hin zum Norden“, weiß er nun. Wege und Wetter werden herausfordernder.
Aber er ist sich sicher: „Es ist Teil der Natur, dass es unkomfortabel wird.“ Teils seien die Strecken „sägezahnartig“ hoch und runter gegangen: Insgesamt rund 23.000 Höhenmeter passierte Clausen auf der gesamten Strecke von 2.500 Kilometern. Hügelig wurde es bereits nach Trondheim: Dort radelte Clausen nach Bodø und weiter über die Inselgruppe der Lofoten.
Das Fahren mit zwei Rädern begleitet den Altstadtbewohner seit jungen Jahren – mit 15 ging die erste größere Tour durch Norddeutschland, wo seine Wurzeln liegen, wie er sagt. Mit Anfang 20 fuhr er von Kassel nach Lissabon, später durchquerte er die USA, 6.500 Kilometer von der Ost- zur Westküste. Nach dem Studium und drei Kindern später, sei es dann nicht mehr so leicht, einfach mal sechs Wochen auszusteigen, sagt der Familienvater. Die Idee, ans Nordkap zu radeln, habe er drei Jahre mit sich herumgetragen. Der Sommer in diesem Jahr lag dann genau richtig: Die Kinder, auch die jüngste Tochter mit 18 Jahren, stünden nun auf eigenen Beinen. Auch der Wunsch, mal wieder rauszukommen, habe ihn dazu gebracht – auch wenn die Reise für ihn mehr ein „hin zu“ als ein „weg von“ bedeutete, sagt Clausen.
Ein Techno-Rave am FjordFür die Reise hat der Vertriebsleiter bei einer Lufthansa-Tochter seinen gesamten Jahresurlaub genommen. In 35 Tagen wollte Clausen das Nordkap erreichen – „aber ich war einen Tick früher“, sagt er. 27 Tage ist er „netto“ mit dem Rad gefahren, im Schnitt 100 Kilometer am Tag.

Meist war er von halb neun bis abends, 20 Uhr unterwegs, bis er sein Zelt aufschlug. Durch das in Norwegen gesetzlich verankerte „Jedermannsrecht“ konnte er den Platz für sein Nachtlager frei wählen. Ein besonderes Erlebnis sei für ihn die Übernachtung auf der Insel Sommarøy gewesen: „Blaues Lagunenwasser, weiße Strände – das hätte die Südsee sein können“, schwärmt Clausen von dem kleinen Ort, der nicht umsonst die „Karibik der Arktis“ genannt wird.
Ein „Zufallsgriff in den Eimer“ sei hingegen mal die Schlafstätte in der Nähe eines Fjordes gewesen. Wo gerade am späten Abend eigentlich klamme Stille herrscht, trafen allmählich feiernde Jugendliche ein, erzählt Clausen. So kam es, dass 50 Meter von seinem Zelt entfernt ein Techno-Rave stattfand. Klar, immerhin schien die Mitternachtssonne. „Der Lebenstakt ist anders dort“, stellte er schnell fest: „Jungs gehen um elf Uhr raus zum Fußballspielen. Und um Mitternacht sind mir mal Paddler entgegengekommen.“
Je näher er dem Nordkap kam, desto weniger Menschen traf er jedoch an. Das birgt auch Risiken, deren sei er sich bewusst gewesen. Er sei „gut durchgekommen“, sagt Clausen, habe keinen Unfall gehabt, nicht einmal einen platten Reifen. Ein gesundes Vertrauen in sich selbst habe geholfen. „Und ständig zu essen“, fügt Clausen hinzu. Mit Bananen, Nüssen, Energieriegeln sei nie ein Hungergefühl aufgekommen – bei 4.000 Kalorien, die er am Tag verbrannte, war es wichtig, bei Kräften zu bleiben. Jeden Morgen habe er seiner Familie ein „Lebenszeichen“ geschickt.
Eingepackt hatte er, angesichts des Klimas in Norwegen, Kleidung für drei Jahreszeiten. Gut 20 Kilo saßen mit ihm auf dem Rad: mit dabei auch Schlafsack und Zelt, Campingkocher, Wasserfilter, Elektrolyte und Medizin. Für das Fahrrad hatte er auch das Wichtigste an Werkzeug und Ersatzteilen dabei, nur brauchte er es nicht.
Gemeinschaft in einsamer NaturSein persönlicher Höhepunkt der Reise: natürlich das Ankommen am Ziel. Von Tromsø aus waren es noch 500 Kilometer bis zum Nordkap. Am vorletzten Tag zog ein Sturm auf: Einige Radfahrer, die ebenfalls in der Region unterwegs waren, seien die Böschung hinuntergeweht worden. Mit mehreren Schichten Kleidung radelte Clausen durch die Böen wie auf hoher See. „Da pfeift’s wie Sau“, sagt er grinsend, „das ist ein Erlebnis“. Am nächsten Tag dann der große Moment: Ankunft am Nordkap – stürmisch, aber wenigstens trocken. „Ein cooles Gefühl“, erinnert sich Clausen. Zurück in die Heimat ging es dann aber ab Tromsø mit dem Flugzeug. Auf die Frage hin, was er von der Reise an Eindrücken und Erkenntnissen mitnimmt, muss Clausen nicht lange nachdenken. „Extrem erlebnisdicht“ sei sie gewesen. Faszinierend waren für ihn die Ursprünglichkeit und Stille der Natur.
„Der Fokus liegt einfach woanders“, sagt Jörn Clausen. Nämlich nicht auf dem vertrauten Alltag, sondern auf der Strecke und der Natur. Andererseits habe er aber auch Begegnungen mit anderen Menschen bereichernd gefunden. Manche Wege kreuzten sich: „Ein Ehepaar habe ich am Nordkap getroffen, das ich zuvor 1.000 Kilometer weiter südlich kennengelernt hatte“, sagt Clausen. Teils sei er im losen Verbund mit anderen Radlern gefahren.
Einsam habe er sich dadurch selbst in der kargen Landschaft nie gefühlt. „Man begegnet sich unter Radreisenden auf einer sehr ehrlichen Ebene“, findet der Hofheimer, „man teilt eine besondere Verbundenheit mit der Einfachheit der Natur.“
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