Der Radsport kämpft um mehr Sicherheit. Doch neue Zahlen zeigen: Frauen tragen ein deutlich höheres Risiko als Männer.
Der Tod von Gino Mäder hat den Radsport erschüttert.Bild: AP
Gino Mäder starb 2023 nach seinem Sturz auf der Königsetape der Tour de Suisse auf der Abfahrt vom Albulapass. Ein Jahr später kam die Juniorin Muriel Furrer bei der Rad-WM in Zürich zu Fall, blieb anderthalb Stunden unbemerkt in einem Waldstück liegen und erlag später im Spital ihren schweren Verletzungen. Seither ringt der Radsport um mehr Sicherheit.
Neue Zahlen zeigen nun: Das Risiko ist nicht für alle gleich. Frauen stürzen im professionellen Radsport deutlich häufiger als Männer. Und wenn sie zu Fall kommen, sind nicht nur mehr Fahrerinnen davon betroffen, sondern auch die Verletzungen schwerwiegender. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Radsport-Weltverbands UCI. Die Studie läuft weiter.
Muriel Furrer verunfallte vor zwei Jahren tödlich.Bild: freshfocus
55 Prozent höhere VerletzungsrateDie Unterschiede sind alarmierend: Seit März wurden 21 Männerrennen und 14 Frauenrennen untersucht. Die Häufigkeit von Stürzen liegt bei den Frauen um 30 Prozent höher. Noch deutlicher ist ein anderer Unterschied: Kommt es zu einem Sturz, sind bei den Frauen im Durchschnitt 4,7 Fahrerinnen betroffen. Bei den Männern sind es lediglich 2,7.
Auch die Folgen sind bei Frauen schwerer. Nach einem Sturz benötigen sie 1,5 Mal häufiger medizinische Behandlung. Die Verletzungsrate liegt 55 Prozent höher als bei den Männern. Kopfverletzungen treten 4,3 Mal häufiger auf, Gehirnerschütterungen 2,3 Mal und Knochenbrüche 2,5 Mal. Im Durchschnitt dauert es nach einer Verletzung zudem doppelt so lange, bis Fahrerinnen wieder Rennen bestreiten können.
Die Frage lautet: Weshalb ist das so?
Auch Marlen Reusser hat ihre Erfahrungen mit Stürzen gemacht.Bild: EPA
Welche Rolle spielen die Hormone?Eine abschliessende Antwort gibt es noch nicht. Der medizinische Direktor der UCI, der Franzose Xavier Bigard, vermutet bei Frauen eine schlechtere Knochengesundheit. Mögliche Gründe sind hormonelle Störungen, etwa ein zu niedriger Östrogenspiegel, sowie eine zu geringe Energiezufuhr.
Hinzu kommt der Radsport selbst: Beim Velofahren werden die Knochen kaum durch Stösse belastet. Solche Belastungen, wie sie etwa beim Laufen entstehen, stärken jedoch die Knochen. Das betrifft Männer und Frauen gleichermassen. Das gilt zwar für beide Geschlechter, hormonelle Faktoren könnten Frauen jedoch zusätzlich anfälliger machen.
Stürze wie dieser beim Giro d'Italia gehören im Radsport zum Alltag.Bild: EPA
UCI tappt noch im DunkelnWarum Frauen häufiger stürzen, erklärt das nicht. Die UCI untersucht deshalb weitere Faktoren – etwa Unterschiede bei der Erfahrung und Fahrtechnik, aber auch bei Fahrrädern und Komponenten. Bigard betont: Bislang sind das mögliche Erklärungen, keine nachgewiesenen Ursachen.
Erst seit kurzer Zeit werden Verletzungen im Profiradsport international systematisch erfasst. Gemeinsam mit Forschenden baut die UCI eine zentrale Datenbank auf. Sie soll zeigen, warum Unfälle passieren und wie sie künftig verhindert werden können.
Inzwischen gehören unter dem Sattel befestigte GPS-Tracker bei vielen Rennen zur Grundausrüstung.Bild: Keystone
Weniger Stürze bei NässeErste Muster zeichnen sich bereits ab. Besonders folgenschwer sind Stürze in Abfahrten – bei Frauen wie bei Männern. Weniger erwartbar: Auf nasser Fahrbahn, wie bei Muriel Furrer, kommt es seltener zu Unfällen als im Trockenen. Eine mögliche Erklärung: Bei Regen wird vorsichtiger gefahren. Passiert trotzdem ein Sturz, sind die Folgen gravierender.
Nach den tödlichen Unfällen der vergangenen Jahre hat der Weltverband seine Massnahmen verstärkt. Im Projekt SafeR werden Strecken analysiert, Gefahrenstellen identifiziert und Vorgaben für Absperrungen und Rennorganisation entwickelt. Dabei setzt die UCI zunehmend auf Daten.
Doch die neuen Zahlen legen einen blinden Fleck offen: Sicherheit wurde im Radsport bisher weitgehend geschlechtsneutral gedacht. Warum Frauen häufiger stürzen und sich dabei schwerer verletzen, erklärt das allerdings nicht. Antworten darauf sind jedoch entscheidend, wenn aus den Tragödien der Vergangenheit mehr entstehen soll als Betroffenheit.
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