Immer mehr Menschen nehmen an langen Märschen und Wanderungen teil. Experten warnen Untrainierte vor Überforderungen. Die medizinischen Daten sind eindeutig.
14.10.2026 · 17:00 Uhr
Der Jakobsweg gehört zu den beliebtesten Wanderwegen Europas und kann sehr herausfordernd sein.
Foto: dpa-tmn/Manuel MeyerDüsseldorf · Immer mehr Menschen nehmen an langen Märschen und Wanderungen teil. Experten warnen Untrainierte vor Überforderungen. Die medizinischen Daten sind eindeutig.
Das Wandern ist nicht nur die bevorzugte Fortbewegungsart aussterbender Berufsstände (wie des Müllers), sondern auch ein Volkssport, der sich durchaus als fitnessrelevante Konditionsübung werten lässt. Moment mal: Wandern? Sport? Passt das zusammen?
Ja, es passt. Selbst flottere und längere Spaziergänge sind sportliche Betätigung. Die aber reicht manchen nicht: Wie in vielen Bereichen längst üblich, kommt es auch beim Wandern zu Rekordversuchen. „Mammutmärsche“, „Marathonwanderungen“ oder „Einmal rund ums Stadtgebiet“ werden immer populärer. In Zeiten explodierender Spritpreise ist Mobilität durch Wandern ja keine abwegige Sache.
Alles eine Sache der Kondition und des Anspruchs. Wer 50 oder gar 100 Kilometer am Stück zurücklegen will, und das womöglich zügig, unter Zeitdruck oder mit Gepäck, bewegt sich in einem Belastungsbereich, der sich von der Alltagsbewegung grundlegend unterscheidet.
Forciertes Wandern über große Distanzen, sei es als Charity-Event, militärischer Marsch, Pilgerleistung oder sportlicher Wettkampf, bringt den Organismus über viele Stunden an seine Anpassungsgrenzen. Das berührt relevante medizinische Aspekte: den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt, die muskuläre und kardiovaskuläre Belastung, Verletzungen der Füße und Gelenke sowie die thermische Beanspruchung.
Eine Strecke von sehr vielen Kilometern am Stück oder innerhalb eines Tages erfordert je nach Körpergewicht, Gepäck und Gehtempo einen Energieumsatz, der leicht mehrere tausend Kilokalorien erreichen kann. Die Energiereserven aus Glykogen in Muskulatur und Leber reichen für eine solche Belastung in der Regel nicht aus, so dass die Versorgung mit Kohlenhydraten und Flüssigkeit während der Strecke entscheidend wird. Die Position des „American College of Sports Medicine“ zur Flüssigkeitszufuhr bei körperlicher Belastung betont, dass individuelle Anpassung wichtiger ist als starre Trinkmengen.
Gerade hier liegt eine häufig unterschätzte Gefahr. Die Belastung durch übermäßiges Trinken kann zur sogenannten belastungsassoziierten Hyponatriämie führen, einer möglicherweise lebensgefährlichen Verdünnung des Blutnatriumspiegels. Wissenschaftler untersuchten Teilnehmer des Boston-Marathons und fanden bei einem nennenswerten Anteil eine Hyponatriämie, wobei Läufer mit längerer Laufzeit ein höheres Risiko aufwiesen.
Fest steht, dass Übertrinken eine Hauptursache für eine Hyponatriämie ist und dass Symptome wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Verwirrtheit oder Krampfanfälle nicht vorschnell als Erschöpfung abgetan werden dürfen. Für Wanderer bedeutet dies: Dursten ist gefährlich, aber ebenso das reflexhafte Trinken nach festem Plan.
Anders als beim Marathonlauf steht beim Extremwandern nicht die Geschwindigkeit im Zentrum, sondern die Dauer. Das Gehen ist zwar gelenkschonender als das Laufen, aber die repetitive Belastung summiert sich über Stunden und Kilometer zu einer erheblichen mechanischen Herausforderung. Fußsohlen, Achillessehnen, Kniegelenke, Hüften und unterer Rücken tragen die Last. Hinzu kommen Blasen, Reibung, Wärme- oder Kälteverlust, Flüssigkeitsmangel und die psychische Erschöpfung, die typischerweise nicht linear, sondern in Wellen kommt.
Die Forschung zum Extremwandern ist noch jung – deutlich jünger als die umfangreiche Literatur zu Marathon und Ultramarathon. Doch eine Studie aus Berlin liefert nun präzise Einblicke in das, was ein 100-Kilometer-Marsch mit dem Körper macht. Forschern der Charité begleiteten gesunde Freizeitsportlerinnen und -sportler bei einem 100-Kilometer-Mammutmarsch innerhalb von 24 Stunden. Von 43 Teilnehmern gingen 32 mit verwertbaren Blutproben in die Auswertung ein; elf erreichten das Ziel, 21 brachen wegen Erschöpfung oder Beschwerden am Bewegungsapparat vorzeitig ab.
Die Ergebnisse sind aufschlussreich. Trotz der vergleichsweise niedrigen Intensität des Gehens zeigten sich deutliche Veränderungen in einer Reihe von Stress- und Entzündungsmarkern. Das C-reaktive Protein (CRP), ein klassischer Marker für Entzündungsprozesse, stieg im Verlauf des Marsches erheblich, teilweise um das 25-Fache des Ausgangswerts. Auch Kreatinkinase (CK), ein Marker für Muskelschäden, sowie Leber- und Herzstressparameter wie AST, ALT und NT-pro-BNP erhöhten sich signifikant.
Bemerkenswert ist jedoch: Trotz dieser deutlichen Erhöhung von Herzstressmarkern fanden die Forscher keine Hinweise auf eine tatsächliche Schädigung von Herzmuskelzellen. Die Belastung ist also real, aber sie scheint – bei gesunden Teilnehmern – eher eine extreme, aber umkehrbare physiologische Reaktion als eine pathologische Schädigung auszulösen. Die Dauer der Belastung, so die Schlussfolgerung der Studie, beeinflusst Stressmarker und Stoffwechsel offenbar stärker als die Intensität.
Parallel dazu zeigten sich interessante Verschiebungen im Fettstoffwechsel. Triglyceride sanken bereits nach 30 Kilometern deutlich ab. Auch Cholesterin und LDL sanken bei den Finishern signifikant. Das deutet auf eine kurzfristig günstige Verschiebung des Fettstoffwechsels hin – vergleichbar mit den Effekten deutlich intensiverer Ausdauerbelastungen.
Was niemanden verwundern dürfte: Nicht die Organe, sondern die Füße sind die sensibelste Schwachstelle bei langen Märschen. Reibung, Feuchtigkeit und Druck führen zu Blasen, die sich bei Fortsetzung der Belastung entzünden können. Studien zur Belastung von Soldaten durch Gewaltmärsche zeigen, dass Fußprobleme zu den häufigsten Gründen für Marschunfähigkeit zählen.
Vorbeugend wirken gut sitzende, eingelaufene Schuhe, atmungsaktive Socken, Hautschutz an Druckstellen sowie frühzeitiges Behandeln von Reibestellen. Knie, Hüften und Sprunggelenke können bei ungleichmäßigem Gelände oder schlechter Technik zusätzlich belastet werden. Eine konsequente Pausenplanung mit Dehnung und Fußpflege ist deshalb kein Komfort, sondern beugt Verletzungen vor.
Die Empfehlungen zur Vorbereitung auf eine sehr lange Wanderung sind also nüchtern: mindestens zwölf Wochen Training vor einem Event, bei 100 Kilometern eher mehr; drei bis vier Geh-Einheiten pro Woche, davon eine lange am Wochenende. Dazu kommen Schuhwerk, das zur eigenen Biomechanik passt, ein Verpflegungsplan, der Flüssigkeit und Elektrolyte berücksichtigt, und die Bereitschaft, bei Symptomen wie Schwindel, Brustschmerzen oder ungewöhnlicher Schwäche abzubrechen.
Bleibt die Frage, welchen höheren Sinn Mammutmärsche überhaupt haben. Nun, auch Abbrecher machen gesunde Erfahrungen, sofern sie nicht aus medizinischen Gründen aussteigen. Die Wissenschaft wird dieses Phänomen fraglos weiter erforschen. Ist es doch die Challenge, der Wettbewerb, der viele Teilnehmer umtreibt?
Die eigentliche Frage, die der Mammutmarsch stellt, lässt sich jedenfalls nicht im Labor beantworten: Warum gehen wir, obwohl wir es nicht müssen? Vielleicht, weil das Gehen eine der letzten ehrlichen Formen ist, sich selbst zu begegnen. Keine Stoppuhr. Kein Pokal. Wer es freilich übertreibt und sich nicht vorbereitet, wird schnell merken, dass das Wandern nicht nur des Müllers Frust sein kann.
Meistgelesen
Aktuell wichtig
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Gefahren durch Sommerhitze: Gesundheitsrisiko: Hitze-Notfälle erkennen - und handeln | 0 | 10.32 | 30-07-2026 |
| 2 | «Sehr ungünstige Konstellation»: Warum Bergtouren in den Alpen derzeit besonders riskant sind | 0 | 6.6 | 02-08-2026 |
| 3 | Mehr Halt bergauf und bergab - so bringen Wanderstöcke Sicherheit ins Gelände | 0 | 8.26 | 29-04-2026 |
| 4 | Raumfahrtmedizin: Was Mondstaub für Menschen gefährlich macht | 0 | 10 | 13-07-2026 |
| 5 | Эксперт Ольмезов: быстрое восхождение на Эверест может стать угрозой для здоровья | 0 | 0 | 23-05-2025 |
| 6 | Причиной гибели туриста из Москвы на Камчатке стало ухудшение самочувствия | 0 | 7.43 | 03-08-2026 |
| 7 | "Загрыз бегунью и прикопал тело": медведи уже нападают на спортсменов | 0 | 8.48 | 23-09-2026 |
| 8 | Умерший во время забега участник Московского полумарафона не проходил медосмотр | 0 | 0 | 30-05-2019 |
| 9 | В КЧР во время соревнований по горному бегу погибли два человека | 0 | 0 | 26-09-2022 |