Während Unternehmen im harten globalen Wettbewerb eine Rückkehr zur unbezahlten Mehrarbeit fordern, pocht die IG Metall mitten in der Tarifrunde auf deutliche Reallohnzuwächse.
Stand: 15.10.2026, 19:25 Uhr

Während Unternehmen im harten globalen Wettbewerb eine Rückkehr zur unbezahlten Mehrarbeit fordern, pocht die IG Metall mitten in der Tarifrunde auf deutliche Reallohnzuwächse.
Berlin – Inmitten einer tiefen Debatte um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands gewinnt die Diskussion über eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit massiv an Fahrt. Spitzenvertreter der deutschen Schlüsselindustrien warnen vor einem schleichenden Verlust der Wettbewerbsfähigkeit auf dem globalen Markt. Jüngster Treiber dieser Entwicklung sind die klaren Worte aus der Führungsebene des baden-württembergischen Maschinenbauers Trumpf, wie dpa berichtet, die sich nahtlos in die aktuellen und harten Tarifauseinandersetzungen der Metall- und Elektroindustrie einfügen.
Trumpf-Chefin plädiert für mehr ArbeitsstundenAuf der Bilanzpressekonferenz des Ditzinger Familienunternehmens Trumpf positionierte sich Geschäftsführerin Nicola Leibinger-Kammüller klar zu den strukturellen Problemen des Wirtschaftsstandorts. Aus ihrer Sicht sei eine Erhöhung der Arbeitszeiten für die Beschäftigten zumutbar, um die Produktivität im Land wieder anzukurbeln. Ein pauschales Diktat lehnt sie jedoch ab; vielmehr müsse eine solche Mehrarbeit je nach individueller Kraft und der spezifischen Lage des Einzelnen organisiert werden.
Die Unternehmerin betonte, dass Deutschland produktiver werden müsse, um international nicht den Anschluss zu verlieren. Höhere Arbeitszeiten bedeuten für sie jedoch keineswegs, dass die Arbeitnehmer finanzielle Einbußen hinnehmen sollen. Sie stellte unmissverständlich klar, dass die Menschen ihr Geld im aktuellen wirtschaftlichen Umfeld dringend benötigen und ein geringerer Verdienst nicht zur Debatte stehen dürfe. Dennoch schätzt sie die derzeitige Lage als kritisch ein und sieht den Schlüssel zur Erholung in einer gesteigerten Gesamtleistung der Belegschaften.
Automobilindustrie bricht ebenfalls das Arbeitszeit-TabuMit ihren Forderungen steht die Trumpf-Chefin in der Industrielandschaft keineswegs allein. Zuletzt hatte der Stuttgarter Automobilkonzern Mercedes-Benz die Debatte mit einem noch weitreichenderen Vorstoß angeheizt. Wie die WELT berichtet, forderte das Management eine Rückkehr zur klassischen 40-Stunden-Woche für die rund 90.000 Tarifbeschäftigten in Deutschland – und zwar explizit ohne einen finanziellen Lohnausgleich. Berichte des Fachmagazins Personalwirtschaft verdeutlichen die Tragweite des Vorstoßes. Das Management knüpft die unbezahlte Mehrarbeit demnach an eine tiefgreifende Produktivitätsoffensive, um die hiesigen Produktionskosten an internationale Standorte anzugleichen. Andernfalls drohen laut Medienberichten im schlimmsten Fall sogar Werksschließungen in Deutschland.
Die Diskussion spiegelt ein tieferes, strukturelles Problem wider, das auch überregionale Analysen beschäftigt. Während Arbeitgeberverbände längere Arbeitszeiten fordern, verweisen Ökonomen in Berichten des Portals Makronom darauf, dass eine bloße Erhöhung der Arbeitszeit die stagnierende Produktivität pro geleisteter Arbeitsstunde oft nicht nachhaltig löst, solange technologische Investitionen und Bürokratieabbau ausbleiben.
Massives Konfliktpotenzial in der laufenden TarifrundeDie Diskussionen um Mehrarbeit treffen auf die ohnehin aufgeheizte Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie. Die Gewerkschaft IG Metall geht mit der Kernforderung nach fünf Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von zwölf Monaten in die Verhandlungen, um die Kaufkraft der Beschäftigten zu sichern. Das erste offizielle Gespräch zwischen den Tarifparteien endete jedoch ohne ein konkretes Angebot der Arbeitgeberseite. Die Verhandlungen werden nun fortgesetzt, wobei ab November bereits erste Warnstreiks drohen, sollte keine Einigung erzielt werden.
Trumpf-Chefin Leibinger-Kammüller kritisierte die gewerkschaftlichen Forderungen angesichts der angespannten Gesamtlage im Land als vollkommen überzogen. Die Forderungen würden die Unternehmen in der jetzigen wirtschaftlichen Phase in einem hohen Maße belasten. Sie äußerte die Hoffnung, dass die Tarifparteien zur Vernunft kommen und einen tragfähigen Kompromiss in der Mitte finden werden. Die Fronten zwischen der Forderung nach mehr Lohn bei bestehenden Arbeitszeitmodellen und dem Ruf der Wirtschaft nach unbezahlter Mehrarbeit zur Standortsicherung bleiben jedoch verhärtet. (Quellen: dpa, WELT, Personalwirtschaft, Makronom) (sts)