Der KI-Boom hat die Prioritäten von AMD und NVIDIA innerhalb weniger Jahre grundlegend verschoben. Gaming-Grafikkarten, klassische Desktop-Prozessoren und andere Produkte für Endkunden sind zwar weiterhin Teil des Portfolios, doch in der öffentlichen Wahrnehmung spielen sie zunehmend nur noch eine Nebenrolle. Neue Architekturen, Fertigungskapazitäten und große Teile der Kommunikation drehen sich inzwischen um Rechenzentren, KI-Beschleuniger und lokale KI-Systeme. Gerade bei NVIDIA entsteht dadurch mitunter der Eindruck, dass der klassische GeForce-Käufer längst nicht mehr im Mittelpunkt steht. Auch AMD richtet einen immer größeren Teil seiner strategischen Aufmerksamkeit auf Instinct, EPYC und KI-Plattformen. Das bedeutet nicht, dass beide Unternehmen das Endkundengeschäft aufgegeben hätten – NVIDIA erzielte im vergangenen Geschäftsjahr sogar einen Rekordumsatz von 16 Milliarden US-Dollar im Gaming-Bereich. Gleichzeitig gilt aber, dass dessen Bedeutung gegenüber KI erheblich gesunken ist.
Aus wirtschaftlicher Sicht ist diese Entwicklung allerdings kaum überraschend. NVIDIA setzte im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027 insgesamt 96,2 Milliarden US-Dollar um, davon entfielen allein 89 Milliarden US-Dollar auf das Datacenter-Geschäft. Bei solchen Relationen wäre es aus Sicht eines börsennotierten Unternehmens kaum zu rechtfertigen, Investitionen und verfügbare Ressourcen nicht auf den derzeit mit Abstand lukrativsten Markt auszurichten. Ähnlich entwickelt sich AMD. Im zweiten Quartal 2026 erwirtschaftete das Unternehmen 6,7 Milliarden US-Dollar mit Datacenter-Produkten, während das gesamte Client- und Gaming-Segment auf 3,8 Milliarden US-Dollar kam. Das reine Gaming-Geschäft steuerte davon nur noch 779 Millionen US-Dollar bei und lag damit sogar deutlich unter dem Vorjahreswert von 1,12 Milliarden US-Dollar. Der finanzielle Anreiz, möglichst viel Entwicklungs- und Produktionskapazität in Richtung KI zu verschieben, ist damit offensichtlich.{nozuna nzimagefromgallery}82dd3de6-8642-11f0-8b63-000c2932240f 3{/nozuna nzimagefromgallery}
Wie stark inzwischen selbst ursprünglich klassische PC-Hardware auf diesen Markt zugeschnitten wird, zeigt AMD mit Gorgon Halo. Der Ryzen AI Max+ PRO 495 kombiniert 16 Zen-5-Kerne mit einer Radeon 8065S mit 40 Compute Units, einer NPU und bis zu 192 GB LPDDR5X als Unified Memory. AMD bewirbt die dazugehörige Ryzen-AI-Halo-Plattform ausdrücklich als System für lokale KI-Entwicklung und Inferenz und spricht von Modellen mit bis zu 300 Milliarden Parametern. Technisch ist Gorgon Halo damit zweifellos interessant – auch für Workstations und leistungsfähige kompakte PCs. Gleichzeitig zeigt die Positionierung aber sehr deutlich, wohin die Reise geht: Ein außergewöhnlich großes Speicherinterface und eine vergleichsweise leistungsfähige integrierte GPU werden nicht in erster Linie als Vorteil für Enthusiasten oder Spieler vermarktet, sondern als Werkzeug für KI-Entwickler.
Bei NVIDIA ist dieser Wandel noch deutlicher sichtbar. Der DGX Spark wurde von Beginn an als kompakter KI-Rechner mit GB10 Grace Blackwell Superchip positioniert und erhält inzwischen sogar eine 64-GB-Variante für 4.999 US-Dollar, nachdem das ursprüngliche Konzept auf 128 GB Unified Memory setzte. Gleichzeitig bringt NVIDIA mit RTX Spark ähnliche Ideen stärker in den klassischen PC-Markt: Bis zu 128 GB Unified Memory, rund ein Petaflop FP4-KI-Leistung sowie CUDA und RTX sollen künftig in kompakten Desktops und schlanken Notebooks zusammenkommen. NVIDIA nennt dabei zwar ausdrücklich auch Creator und Gamer als Zielgruppe, doch die zentralen Verkaufsargumente sind lokale Agenten, große Sprachmodelle, KI-Videoerzeugung und andere AI-Workloads. DGX Spark und RTX Spark verdeutlichen damit vielleicht besser als jedes andere Produkt, wie NVIDIA den PC derzeit neu interpretiert: nicht mehr primär als Gaming- oder Arbeitsrechner, sondern zunehmend als lokale KI-Plattform.
Hoffnungsschimmer RTX Spark?Die Möglichkeit, ein RTX-Spark-Notebook mit bis zu 128 GB Unified Memory auszustatten, führte zu offenkundigen Befürchtungen, dass auch diese Hardware nicht wirklich günstig werden könnte. In den großen Konfigurationen sprechen wir auch von Preisen von 4.300 bis 8.000 Euro.Aber darunter gibt es interessante Konfigurationen. In diesen ist ein RTX-Spark-Notebook, dessen GPU eine Leistung der GeForce RTX 5070 Laptop-GPU erreichen soll, eine Alternative für ein gut ausgestattetes Gaming-Notebook. Ab 2.899 Euro kostet das Surface Laptop Ultra mit 24 GB Unified Memory. Ein vergleichbares Gaming-Notebook mit GeForce RTX 5070 Laptop-GPU und aktueller Intel-CPU kostet ab 2.000 Euro. In der Speicherausstattung zwischen CPU und GPU gibt es einige Unterschiede, aber grundsätzlich sind die Systeme vergleichbar.Nun sprechen wir hier noch immer von einem Preisunterschied von fast 50 % und so wirklich "günstig" sind die RTX-Spark-Notbooks in dieser Hinsicht nicht, die extremen Befürchtungen bei den Preisen sind aber wohl nicht eingetreten.Dennoch droht NVIDIAs erster Notebook-Chip im aktuellen KI-Boom beinahe unterzugehen. Zu einem anderen Zeitpunkt wäre die Vorstellung einer solchen Plattform vermutlich deutlich stärker als technologischer Einschnitt im PC-Markt wahrgenommen worden. Der industrieweite Fokus auf künstliche Intelligenz überlagert jedoch viele der eigentlichen Qualitäten der neuen Hardware und rückt sie für einen Teil der Nutzer in ein verzerrtes Licht. Was durchaus das Potenzial für einen neuen Impuls bei ARM und Windows im Endkundenmarkt gehabt hätte, steht nun nahezu vollständig im Schatten der KI-Euphorie.Frühere Kundschaft abgehängt?Kurzfristig lässt sich AMD und NVIDIA diese Strategie kaum vorwerfen. Unternehmen investieren dort, wo Nachfrage, Wachstum und Margen am höchsten sind, und aktuell ist dies eindeutig der KI-Markt. Problematisch wird es jedoch, wenn aus einer nachvollziehbaren Priorisierung eine dauerhafte Vernachlässigung jener Kundschaft wird, die Radeon, Ryzen und GeForce über Jahrzehnte groß gemacht hat.Enthusiasten akzeptieren hohe Preise, lange Produktzyklen oder eine eingeschränkte Auswahl nicht zwangsläufig unbegrenzt – insbesondere dann nicht, wenn sie das Gefühl bekommen, nur noch Resteverwerter einer eigentlich für KI vorgesehenen Technologie zu sein. Sollte sich der KI-Boom irgendwann normalisieren, könnten AMD und NVIDIA deshalb feststellen, dass sich frühere Kunden längst nach Alternativen umgesehen und neue Gewohnheiten, Plattformen und Markenbindungen entwickelt haben. Marktanteile lassen sich mit überlegener Hardware vergleichsweise schnell gewinnen. Verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, dürfte erheblich schwieriger sein.
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