Ein Grand-Slam-Sieg, ein überraschender EM-Start und ein besonderer Deutscher Meister: Drei NRW-Talente erzählen ihre Geschichte.
Stand: 16.10.2026 • 13:30 Uhr
Ein Grand-Slam-Sieg, ein überraschender EM-Start und ein besonderer Deutscher Meister: Drei NRW-Talente erzählen ihre Geschichte.
Von Lukas Thiele
Manuel Neuer, René Adler, Gina Lückenkemper, Konstanze Klosterhalfen und Sarah Voss haben etwas gemeinsam. Sie alle sind in der Vergangenheit als beste Newcomer mit dem Felix Award des Landes NRW und der Sportstiftung NRW ausgezeichnet worden.
Bald wird sich ein neuer Name in diese Liste eintragen. Noch bis zum 3. November läuft das Voting für die diesjährigen Awards. Nominiert als Newcomer des Jahres sind in diesem Jahr Schwimmer Jarno Bäschnitt, Handballer Tjorven Knackstedt, Joduka Mathilda Sophie Niemeyer, Luisa Puttkammer aus dem Wildwasser-Rennsport und Hockey-Spieler Justus Warweg.
Sie alle haben es in der Endauswahl auf die Shortlist geschafft. Die Sache bei so einer Shortlist: Sie ist, wie der Name schon sagt, sehr kurz. Denn es gibt noch mehr junge Sportlerinnen und Sportler aus NRW, die mit ihren Leistungen im vergangenen Jahr besonders auf sich aufmerksam gemacht haben. Wir stellen drei davon vor.
Jamie Mackenzie: der Traum, Tennis-Profi zu werdenDer Court Simonne-Mathieu im Stade Roland Garros in Paris ist einer der schöneren Tennis-Courts. Als drittgrößter Court liegt er am Rand der Anlage, ist umringt von viel Grün und an allen Seiten von botanischen Gewächshäusern umschlossen.
Hier stehen der Düsseldorfer Jamie Mackenzie und sein Doppel-Partner und guter Freund Vincent Reisach (Straubing) am 6. Juni im Junioren-Finale der French Open gegen die französischen Lokalmatadore Mathys Domenc und Daniel Jade. Den ersten Satz haben sie mit 6:1 gewonnen und führen im zweiten mit 5:2 und 40:15.
"Ich stehe da am Netz und denke: Ok, Matchball bei einem Grand Slam. Da hat die Hand auf jeden Fall ein bisschen gezittert", erinnert sich der 18-Jährige im WDR-Gespräch. "Ich wollte definitiv keinen Ball spielen, aber musste ich auch nicht. Es war mega", beschreibt er den entscheidenden Ball. Der Return der Franzosen landet im Aus und die deutschen Junioren gewinnen die French Open. "In so einer coolen Arena zu spielen, gegen Franzosen vor 3.000 Zuschauern, die alle gegen uns sind. Es war eine der coolsten Erfahrungen."
Neben dem Doppel-Titel in Roland Garros hat Mackenzie in diesem Jahr auch noch zwei Einzeltitel auf der Juniorentour gewonnen. Aktuell bereitet er sich in China auf die Junioren-Weltmeisterschaft vor. Läuft es gut für ihn, könnte er das Jahr auf Rang eins der Junioren-Weltrangliste beenden.
Tennisspieler Jamie Mackenzie aus Düsseldorf hat die Chance, das Jahr als Nummer eins der Junioren-Weltrangliste zu beenden.
Mit zwölf Jahren kam Mackenzie mit seinem Vater aus Neuseeland nach Deutschland. Und das mit nur einem Ziel: Tennisprofi zu werden. "Kein anderer Grund, nur Tennis", sagt er. "Neuseeland ist einfach zu klein. Ich wollte die besten Chancen haben, meinen Traum zu erfüllen." Über Verbindungen seines Vaters ist er in Düsseldorf gelandet und tritt dort für den prestigeträchtigen Rochusclub in der 2. Bundesliga an.
Dieses Jahr wird Mackenzies letztes Jahr im Junioren-Bereich sein. Dann will er auf der Herren-Tour Fuß fassen. "Mein langfristiges Ziel ist, dass ich von Tennis leben kann und ein gutes Leben haben kann. Dass ich in die Top 50, Top 20 komme und das Beste raushole. Ich habe so viel gegeben, so viel geopfert für Tennis. Ich gebe in jeder Situation mein Bestes."
Anna-Elisabeth Ehlers: als Mehrkämpferin bei der Hochsprung-EMErstmals in ihrer Karriere hat sich Anna-Elisabeth Ehlers in diesem Jahr für eine Leichtathletik-EM im Erwachsenen-Bereich qualifiziert. Allein das ist schon ein großer Erfolg. Doch es wird noch außergewöhnlicher: Ehlers ist in Birmingham im Hochsprung angetreten, dabei ist sie eigentlich Mehrkämpferin.
"Ich war unglaublich glücklich. Ich hab am Anfang der Saison gar nicht erwartet, dass ich schon so weit kommen würde. Ich habe mich einfach unglaublich gefreut", sagt Ehlers dem WDR. "Ich wollte auf jeden Fall Erfahrungen sammeln, auch für die nächsten Male."
Anna-Elisabeth Ehlers von Bayer Leverkusen hat in diesem Jahr gleich mehrere persönliche Bestleistungen aufgestellt.
Für das Finale hat es in Birmingham nicht gereicht. Dafür wären 1,91 Meter nötig gewesen. Dass Ehlers das aber kann, hat sie etwas später beim Mehrkampf-Meeting im französischen Talence gezeigt. Dort stellte sie mit 1,91 Meter nicht nur eine neue persönliche Bestleistung im Hochsprung auf, sondern in gleich sechs von sieben Disziplinen. Mit 6.374 Punkten - ebenfalls persönliche Bestleistung - musste sie sich lediglich der mehrfachen Olympiasiegerin Nafissatou Thiam aus Belgien geschlagen geben.
"In der Hallensaison lief es auch schon echt gut, aber ich hätte nicht gedacht, dass es draußen noch einmal so unglaublich gut funkt", sagt die 20-Jährige. Als Grund für ihre Leistungsexplosion nennt sie eine Trainingsumstellung bei ihrem Verein Bayer Leverkusen: "Ich bin vom Jugendtrainer zum Erwachsenentrainer gewechselt, habe statt sechsmal neunmal die Woche trainiert und mit anderen Trainingsinhalten. Die waren unglaublich gut auf mich abgestimmt. Ich habe hart gearbeitet und das hat alles sehr, sehr gut gefruchtet."
Mit den Erfolgen seien aber auch die Erwartungen gestiegen, sagt sie. "Ich versuche, das alles sehr gelassen zu sehen und mir einfach auch vorzuhalten, dass ich noch sehr jung bin. Ich möchte mich natürlich weiterhin steigern und meinen Leistungssprung fortsetzen. Ich versuche aber auch, mich von den gestiegenen Erwartungen nicht zu sehr unter Druck setzen zu lassen"
Halt findet Ehlers vor allem bei ihrer Mutter, die ebenfalls Leichtathletin war: "Einfach ganz viel darüber reden, was im Kopf so los ist. Das hilft eigentlich schon sehr viel."
Im kommenden Jahr geht es für Ehlers wieder zu einer EM - zur U23-EM in Polen (22.07. bis 25.07.). Dort ein gutes Ergebnis zu erzielen ist eines ihrer kurzfristigen Ziele. Langfristig wolle sie ihre Leistung weiter steigern: "Das ist mir sehr wichtig, dass ich jetzt einfach immer nach vorne schaue, dass ich gut trainiere, dass mir der Sport auch weiterhin so unglaublich viel Spaß macht, wie er mir jetzt macht und dass ich einfach das Allerbeste aus mir rausholen kann und immer so weitermache."
Mio Lukas Wagner: Tischtennisspieler zwischen zwei WeltenMio Lukas Wagner hat ein bisschen gebraucht, um zu realisieren, was er da eigentlich geschafft hat. Bei den Deutschen Tischtennis-Meisterschaften in Erfurt gewann der 18-Jährige sowohl im Doppel als auch im Einzel den Titel. "Ich hab mich gefreut, aber ich hatte trotzdem immer noch dieses Adrenalin, dieses Kribbeln in der Hand", sagt Wagner im WDR-Gespräch.
Erst als er drei Wochen später nach Hause nach Schleswig-Holstein gefahren ist, habe er realisiert, was er da geschafft hat. "Da hatte ich das Gefühl, ich habe nicht nur für mich gewonnen, sondern auch für all die anderen, die sich auch für mich gefreut haben."
Dabei sind Titelgewinne für Wagner nichts neues. Er ist schon vorher vier Mal deutscher Meister geworden - im Para-Tischtennis. Wagner hat am rechten Arm eine seltene Fehlbildung, bei der Knochen im Unterarm fehlen. Die Titel in Erfurt waren nun seine ersten großen Titel im Regelsport. "Ich fand es ganz verrückt, wie viel Feedback ich auch aus der Beeinträchtigten-Welt bekommen hab. Weil die Leute im Regelsport sind vielleicht auch wachgerüttelt worden, dass es auch noch Leute mit einer Behinderung gibt."
Mio Lukas Wagner träumt von einer Medaille bei Paralympischen- und Olympischen Spielen.
Zum Tischtennis gekommen ist Mio Wagner durch seinen Vater und seine Brüder in einem Dorf in Schleswig-Holstein. "Ich wollte einfach besser werden als meine Brüder. Und ich glaube, das war dann so der Ansporn, wo ich gesagt habe: Ok, ich spiele jetzt halt gegen die nicht behinderten Leute."
Es folgen viele kleine Schritte: erst Landesmeister in Schleswig-Holstein, dann Norddeutscher Meister, dann die Einladung in die Para-Nationalmannschaft. "Dann war ich eine ganz lange Zeit erst einmal im Para-Sport. Aber für mich war immer klar, ich möchte mich auch im Regelsport beweisen", sagt er. "Ich möchte gerne in der normalen Welt ankommen. Ich möchte auf einem normalen, sehr, sehr hohen Niveau spielen und zeigen, was ich kann."
Im Para-Sport habe er die Chance, die Spitze zu erklimmen, sagt er. "Also ganz nach oben zu kommen, eine paralympische Medaille zu gewinnen, was natürlich ein Traum von jedem Sportler ist. Aber wo ich auch gedacht habe: Ok, ich träume davon auch im olympischen Bereich." Im Regelsport müsse er in der Spitze noch Fuß fassen, sagt Wagner, der seit 2022 im Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf trainiert und am Lessing-Gymnasium gerade sein Abitur macht.
Vom Spielniveau sieht sich Wagner auf einem guten Weg. Was er noch verbessern möchte, sind die mentalen Aspekte. "Wie bereit, wie konstant bist du? Wie oft schaffst Du es, dein Niveau dauerhaft halten zu können? Das möchte ich noch verbessern, weil ich gerne meine Leistung konstant dauerhaft halten möchte." Dafür arbeitet er mit verschiedenen Mentalcoaches.
Priorität habe für Wagner jetzt aber erst einmal das Abitur. Dann steht die Qualifikation für die Paralympischen Spiele an. Die möchte er erreichen, "und dann auch um eine Medaille spielen. Das wäre ein Traum." Perspektivisch sollen es dann auch die Olympischen Spiele sein. "Es gibt so gut wie keinen, der es geschafft hat, zu Paralympischen und Olympischen Spielen zu fahren. Und ich glaube, wenn man sowas schafft, steht man nicht nur in den Sportgeschichtsbüchern, sondern lässt einfach seine persönliche Note da und das ist einfach nochmal besonders."
Unsere Quellen:
Sendung: "Drei Newcomer aus NRW, die man kennen sollte", WDR.de, 16.10.2026, 11:07 Uhr
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