Auf dem Hardplatz werden Einsatzkräfte von Vermummten stundenlang mit Feuerwerk, Pflastersteinen und Flaschen attackiert. In der Politik kündigt sich eine alte Debatte an: Braucht die Stadt mehr Polizisten für solche Einsätze?
Auf dem Hardplatz werden Einsatzkräfte von Vermummten stundenlang mit Feuerwerk, Pflastersteinen und Flaschen attackiert. In der Politik kündigt sich eine alte Debatte an: Braucht die Stadt mehr Polizisten für solche Einsätze?
12.10.2026, 19.51 Uhr
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Stadtpolizei Zürich
Es sind krasse Bilder, die seit der Nacht auf Sonntag in sozialen Netzwerken und in den Medien kursieren: Feuerwerksraketen fliegen beim Hardplatz in der Stadt Zürich waagrecht über den Asphalt und zerschellen an einer Hauswand. Immer wieder dröhnen kreischende Salven über den Platz. Die Aufnahmen von einem Balkon gegenüber deuten darauf hin, dass die Geschosse bewusst auf Kopfhöhe abgefeuert wurden. Auf einem Trottoir sind zwei schwarz gekleidete Personen zu erkennen. Sehr wahrscheinlich handelt es sich dabei um Einsatzkräfte der ausgerückten Stadtpolizei. Die Raketen verfehlen die beiden Figuren nur knapp.
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— Steffan Nethe (@steffan_nethe) October 11, 2026Großeinsatz in Zürich: In der größten Stadt der Schweiz griffen Jugendliche in der vergangenen Nacht Polizisten und Einsatzkräfte mit Böllern und Raketen an.
Eifern sie jetzt den gewalttätigen Ausschreitungen in Frankreich und Belgien nach? Ich finde diese Entwicklung im… pic.twitter.com/1g5ggFAEw5
In einer anderen Sequenz machen sich mehrere Vermummte an einem verlassenen Fahrzeug der Stadtpolizei zu schaffen: Reifen werden zerstochen, Frontscheinwerfer in aller Ruhe zertrümmert, die Karosserie mit einer Art Brechstange traktiert. Im hinteren Teil des Fahrzeugs fliegt ein Brandkörper durch ein eingeschlagenes Fenster. Sekunden später steht der Transporter in Flammen. Auf die Motorhaube haben die Chaoten die Buchstaben ACAB gesprayt: «All cops are bastards.»
Weitere Fahrzeuge der Stadtpolizei wurden ebenfalls beschädigt. Auf einem Bild der Einsatzkräfte ist ein Wagen mit zerschlagenem Blaulicht und angesprungener Frontscheibe zu sehen.
«Äusserst gefährlicher Einsatz»Die Krawallanten hatten es auch auf die ausgerückten Polizisten selbst abgesehen. Eintreffende Einsatzkräfte wurden mit Flaschen und Pflastersteinen beworfen. Strassenzüge wurden verbarrikadiert, mehrere Dutzend Container wurden angesteckt. Nach Polizeiangaben wurden auch Anwohner belästigt. Die Gewaltbereitschaft der Vermummten und weiterer Chaoten war derart ausgeprägt, dass sich die Einsatzkräfte zunächst zurückziehen mussten.
Danach sah sich die Truppe der Stadtpolizei dazu gezwungen, mit Reizstoffen, Wasserwerfern und Gummischrot gegen die wütende Masse vorzugehen. Zuvor sollen sich über hundert Personen in der Unterführung unter der Auffahrt zur Hardbrücke verschanzt und sich auch auf dem Platz der wiederholten Aufforderung der Ordnungshüter widersetzt haben, den Ort des Geschehens zu verlassen. Dabei wurden die Einsatzkräfte nach Angaben der Polizei erneut mit Flaschen und Pflastersteinen attackiert. Erst gegen 3 Uhr früh – vier Stunden nach der ersten Meldung – konnten die Sicherheitskräfte die Lage unter Kontrolle bringen.

Stadtpolizei Zürich
Die vorläufige Bilanz der Krawallnacht: ein verletzter Polizist, der das Spital in der Zwischenzeit wieder verlassen konnte. Mehrere beschädigte oder zerstörte Fahrzeuge. Eine Schadenssumme in unbekannter Höhe. Eine sichergestellte Musikanlage. Und eine Stadtpolizei, die von den Aggressionen gegen sie fast überrascht worden zu sein scheint. Man sei massiv beschossen worden, der Einsatz sei äusserst anspruchsvoll und gefährlich gewesen, teilte eine Sprecherin auf Anfrage der NZZ mit. Zuallererst hätten sich die Polizisten selber schützen müssen.
Und: Verhaftungen von Gewalttätern vor Ort wären nur mit einer viel grösseren Einsatzgruppe möglich gewesen. «Solche Zusatzaufgebote lassen sich aber nicht innert kürzester Zeit aufbieten.» Ermittlungen zur Identifizierung möglicher Straftäter seien nun unterwegs, teilte die Stadtpolizei weiter mit. Die städtische Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart (Grüne) liess ausrichten: «Diese Gewaltbereitschaft ist erschreckend. Ich bin froh, dass es keine schwer verletzten Polizistinnen und Polizisten gab.»
Sprayereien von FCZ-AnhängernÜber den Hergang der Eskalation auf dem Hardplatz kursierten am Montag verschiedene Versionen. Die FDP-Gemeinderätin Martina Zürcher zeigte sich bei «20 Minuten» entsetzt über die Brutalität der Krawallanten. Für sie scheint klar, wie es zu den verstörenden Szenen kommen konnte: «Wer eine illegale Party in einer Unterführung veranstaltet und Feuerwerk mitnimmt, gefährdet ganz bewusst Leib und Leben von anderen – nicht nur von Polizisten», sagte Zürcher.
Unbestritten ist, dass in jener Unterführung zunächst eine illegale Party stattfand. Wegen dieser Feier rückte die Polizei gegen 23 Uhr überhaupt erst zum Hardplatz aus. Der spätere Schauplatz der Gewalt ist bekannt in der Party-Szene: Hier finden immer wieder Raves statt – und zwar vorzugsweise an Tagen, an denen die Sicherheitskräfte mit anderen Aufgaben beschäftigt sind. Zum Beispiel mit einem Fussballmatch im Letzigrund.
Das zumindest berichtet Martin Busekros am Telefon. «In der Regel verlaufen diese Partys friedlich», sagt der junge Gemeinderat der Grünen. Er selbst war bei solchen Veranstaltungen am Hardplatz auch schon dabei. Busekros sagt: «Einen solchen Rave organisiert man nicht, um sich eine Strassenschlacht mit der Polizei zu liefern.» Hier gehe es vielmehr darum, Spass zu haben mit der Community.

Stadtpolizei Zürich
Wie wären die Ausschreitungen dann zu erklären?
Der grüne Gemeinderat hat eine These: Am Samstagabend empfing der FC Zürich den FC Thun. Die Partie begann um 18 Uhr, der FCZ siegte 4:2. Busekros sagt: «Einige gewaltbereite Personen dürften nach dem Fussballmatch im Letzigrund dazugestossen sein.» Die Stadtpolizei äussert sich zurückhaltend zu dieser Vermutung. Man könne lediglich bestätigen, dass in der Nacht auf Sonntag am Hardplatz diverse FCZ-Sprayereien verübt worden seien. Aber auch solche «mit politischem Inhalt», erklärte die Polizei auf Anfrage der NZZ. Es sei nicht auszuschliessen, dass FCZ-Fans auch bei der Party am Hardplatz mit dabei gewesen seien.
In einer Mitteilung am Sonntag hatte die Stadtpolizei geschrieben, dass davon auszugehen sei, dass der Mob im Vorfeld der illegalen Party gezielt Depots mit Feuerwerksraketen angelegt habe. Weitere Informationen zu den Tätern hinter dieser bedenklichen Pyro-Schiessaktion dürften erst die laufenden Ermittlungen liefern – wenn überhaupt.
Markige Worte der SVPSicher ist: Randale gegen Sicherheitskräfte in der Stadt Zürich wird die Politik weiter beschäftigen. Die SVP meldete sich am Montag mit gewohnt markigen Worten zu Wort. «Diese Täter müssen vor Gericht gestellt und hart bestraft werden. Der Rechtsstaat muss diesen Gewalttätern mit aller Konsequenz entgegentreten», verkündete der Kantonalparteipräsident Domenik Ledergerber in einem Communiqué. Den Druck auf gewaltbereite Kreise gelte es hoch zu halten. Dafür brauchten die Zürcher Polizeien «genügend Personal und wirksame Ausrüstung», so die Volkspartei weiter.
Martin Busekros von den Stadtzürcher Grünen sieht das anders. Polizisten der Stapo verfügten über die beste Ausrüstung, die für einen solchen Einsatz zu haben sei, betont der Co-Fraktionspräsident im Gemeinderat. Personen, die Pflastersteine würfen, wolle niemand. Busekros sagt aber auch: «Wir wollen keinen riesigen Polizeiapparat. Die Strassenschlacht vom Hardplatz hätte es mit mehr Polizisten vor Ort trotzdem gegeben.» Die Politik sei vor allem gefordert, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Etwa, indem man den Dialog zwischen allen beteiligten Gruppen weiter fördere.
Die grüne Sicherheitsvorsteherin teilt derweil mit, dass die Stadtpolizei zusätzliche Stellen für solche Einsätze auf der Strasse brauche. Für 2027 seien deshalb erneut siebzehn zusätzliche Stellen vorgesehen, schreibt Rykart. Es ist ein Vorhaben, das die vereinigte Ratslinke im Stadtparlament in den vergangenen Jahren immer wieder zurückgestutzt hatte. Fortsetzung folgt in der nächsten Budgetdebatte Ende Jahr.