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Der Zürichsee hat einen historischen Tiefstand erreicht. Die Folgen würden noch lange anhalten, sagt ein Experte

Дата публикации: 12-10-2026 07:32:37

Selbst beständiger Niederschlag hilft nur bedingt, damit wieder mehr Wasser in den Zürichsee gelangt. Denn der Regen hat seine Eigenheiten.

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Selbst beständiger Niederschlag hilft nur bedingt, damit wieder mehr Wasser in den Zürichsee gelangt. Denn der Regen hat seine Eigenheiten.

Vincenzo Togni (Text) und Annick Ramp (Bilder)12.10.2026, 09.32 Uhr

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Ein Oktoberabend in Küsnacht, die Badesaison ist eigentlich vorbei. Doch das Wasser des Zürichsees ist noch 21 Grad warm, die Leute gehen schwimmen. Eine ältere Frau hat allerdings Mühe beim Einstieg: Die Leiter am verbauten Ufer liegt komplett im Trockenen. Auf den Steinen, die sonst den Seegrund bilden, versucht sie die Balance zu halten. Dann gleitet sie langsam ins Wasser, einige Meter weiter draussen als sonst.

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Wegen des heissen und trockenen Sommers ist der Wasserpegel so tief wie noch nie seit Messbeginn. Er liegt momentan mehr als fünfzig Zentimeter unter dem bisherigen Tiefstand von 2014, den der Kanton Zürich gemessen hat.

Das hat Folgen. Die Fähre Horgen–Meilen kann seit Wochen keine Lastwagen, Cars und tiefergelegten Fahrzeuge mehr transportieren, weil die Zufahrtsrampe zu steil ist. Die Zürichsee-Schifffahrtgesellschaft musste ihre Fahrten einschränken und stieg früher als üblich auf den Winterfahrplan um. In Meilen musste eine Hafenmole vor dem Bersten gerettet werden. Beim Stäfner Stein, der normalerweise von Wasser umgeben ist, hat sich eine kleine Insel gebildet. Das Eiland lockt Badegäste auf Stand-up-Paddles an.

In Küsnacht liegen die Seeleitern im Trockenen. An den Metallstrukturen faulen die Muscheln.

In Küsnacht liegen die Seeleitern im Trockenen. An den Metallstrukturen faulen die Muscheln.

An der Goldküste verlängert sich die Badesaison: Der Zürichsee ist Anfang Oktober noch über 20 Grad warm.

An der Goldküste verlängert sich die Badesaison: Der Zürichsee ist Anfang Oktober noch über 20 Grad warm.

Die geringen Niederschläge in der ganzen Schweiz haben zu dieser historischen Trockenheit geführt. Thomas Posch ist Professor für Limnologie, die Wissenschaft von Binnengewässern, an der Universität Zürich. Er sagt: «Wenn man nachschaut, was bei der letzten Trockenheit von diesem Ausmass passiert ist, kann einem schon angst und bange werden.»

Thomas Posch ist Professor für Limnologie an der Universität Zürich.

Thomas Posch ist Professor für Limnologie an der Universität Zürich.

PD

Zuletzt seien die Niederschlagsmengen 1920 und 1921 ähnlich tief gewesen. Damals, nach dem Ersten Weltkrieg, hatten viele Gemeinden kein Trinkwasser mehr. «Und weil alles vertrocknet war, kam es zu einer Nahrungsmittelnot.»

Die Niederschlagsmessungen von Meteo Schweiz reichen bis 1864 zurück. Im Mittel fallen in Zürich 1050 Millimeter Niederschlag pro Jahr. Derzeit liege man nicht einmal bei der Hälfte. Immerhin: Heute muss niemand hungern, Lebensmittel gibt es genügend. Der Kanton bestätigt zudem, dass die Wasserversorgung grundsätzlich gesichert sei.

Doch der tiefe Seepegel belastet die Natur. Selbst beständiger Niederschlag in den nächsten Wochen dürfte die Lage laut Posch nur bedingt entspannen.

Mit der Zeit leert sich der See schneller

Für den Pegel des Zürichsees ist entscheidend, wie viel Wasser aus den Alpen kommt. Über 90 Prozent des zufliessenden Wassers gelangen über den Obersee in den Zürichsee. Der Obersee wird vom Walensee über die Linth gespeist. Der Zürichsee selbst hat ein relativ kleines Einzugsgebiet.

Aus den Alpen und dem Walensee ist in letzter Zeit jedoch nur wenig Wasser in den Obersee gelangt. In der ganzen Schweiz hat es in den Sommermonaten kaum geregnet. Die Hitze und die geringen Niederschläge haben den Wassermangel im Zürichsee zusätzlich verschärft.

In den letzten Wochen schien der Wasserpegel immer schneller zu sinken. Posch veranschaulicht das Phänomen mit einem Vergleich: «Der Zürichsee ist kein Kochtopf, der von oben bis unten denselben Querschnitt hat, sondern eher ein spitzer Kegel.» Je tiefer der Pegel sinkt, desto kleiner wird die Wasserfläche. Bei gleichbleibendem Wasserverlust sinkt der Pegel deshalb schneller.

In den obersten zehn Metern liegen laut Posch etwa 20 Prozent des gesamten Seevolumens. Bei Stäfa gibt es einen sehr flachen Bereich in Ufernähe. Dort ragen jetzt einzelne Steine aus dem Wasser. Sie gefährden die Schifffahrt.

Das natürliche Seeufer wie die Schilfgebiete beim Seedamm, der Trennlinie zwischen dem Ober- und dem Zürichsee, leiden besonders unter dem niedrigen Wasserstand.

Das natürliche Seeufer wie die Schilfgebiete beim Seedamm, der Trennlinie zwischen dem Ober- und dem Zürichsee, leiden besonders unter dem niedrigen Wasserstand.

Stellenweise ist das Seewasser dunkelgrün: Im warmen Wasser vermehren sich die Algen rasch.

Stellenweise ist das Seewasser dunkelgrün: Im warmen Wasser vermehren sich die Algen rasch.

Der tiefe Bereich zwischen Thalwil und Zürich ist dagegen relativ klein. Maximal ist der Zürichsee 136 Meter tief. «Wenn der Seespiegel wie jetzt um einen Meter gesunken ist, sind 2,5 bis 3 Prozent des gesamten Seevolumens verlorengegangen.»

Seit dem 19. Jahrhundert reguliert der Kanton den Wasserstand des Zürichsees. Über das Wehr in der Limmat lässt sich der Abfluss drosseln. In den letzten Wochen wurde bereits weniger Wasser abgelassen: Der Zufluss vom Obersee liegt mit 20 Kubikmetern pro Sekunde nur noch bei etwa einem Viertel des normalen Werts. Ohne diese Anpassung hätte der See noch schneller Wasser verloren.

Die Regulierung hält den Pegel normalerweise relativ stabil. Ein See mit natürlichem Zu- und Abfluss dagegen habe jedes Jahr Wasserstandsschwankungen, sagt Posch. Im Frühjahr könne Schmelzwasser zu Hochwasser führen, auch im Sommer gebe es Hochwasserphasen. Flora und Fauna seien an moderate Schwankungen angepasst. «Doch diese Dynamik hat man mit der Regulierung des Zürichsees vor fast 160 Jahren verändert.»

Wegen des rekordtiefen Wasserstands musste der Sprungturm im Strandbad Stäfa gesperrt werden.

Wegen des rekordtiefen Wasserstands musste der Sprungturm im Strandbad Stäfa gesperrt werden.

Ob sich die Organismen noch an so niedrige Wasserstände wie jetzt anpassen können, ist deshalb für die Forscherinnen und Forscher des Limnologischen Instituts der Universität Zürich schwer vorherzusagen. Laut Posch könnten sich Flora und Fauna in den letzten 160 Jahren so verändert haben, dass sie diese Fähigkeit verloren haben.

Die Feuchtgebiete am Seeufer leiden

Das Naturschutzgebiet Frauenwinkel bei Pfäffikon ist das grösste seiner Art am Ufer des Zürichsees. Seit Jahrzehnten werden dort natürliche Laichgebiete für Fische und Brutgebiete für Seevögel gepflegt. Urs Fuchs, Geschäftsführer der Stiftung Frauenwinkel, sagt: «Der Wassermangel ist für uns grundsätzlich problematisch.»

Den Tieren und Pflanzen fehlt es an Wasser. Neben Fischen und Vögeln leiden auch Amphibien. Bei anhaltender Austrocknung könnten seltene Pflanzen- und Tierarten zurückgehen oder in Zukunft ganz verschwinden, sagt Fuchs.

Die Baudirektion des Kantons Zürich bestätigt, dass der tiefe Pegel die Feuchtgebiete am Ufer schädige. Die Situation sei «gravierend».

Die Enten machen es sich auf dem freigelegten Grund des Zürichsees gemütlich: Wo sie heute stehen, schwimmen sie normalerweise.

Die Enten machen es sich auf dem freigelegten Grund des Zürichsees gemütlich: Wo sie heute stehen, schwimmen sie normalerweise.

Gerade natürliche Ufergebiete sind laut dem Hydrologieexperten Posch wichtig für die Regeneration des Sees. Doch am Zürichsee sind sie selten: Schätzungsweise 90 Prozent des Ufers sind verbaut. Die Ufergestaltung sei auf einen relativ gleichbleibenden Wasserstand ausgerichtet. Es fehlten ökologische Zonen, die in Trockenperioden als Puffer wirken und Wasser halten könnten. «Für solche grossen Wasserstandsschwankungen hat der Zürichsee eigentlich keine Pufferkapazität.»

Für die Fischbestände im See insgesamt schätzt der Kanton die Lage weniger problematisch ein. Posch ist sich da nicht so sicher. So wenig Wasser im regulierten Zürichsee kenne man bis heute nicht. Wie sich Flora und Fauna davon erholen würden, lasse sich wissenschaftlich kaum prognostizieren.

Bei den Fischen könnten die Folgen laut Posch erst Jahre später in den Fischerträgen sichtbar werden. Die Fische würden jetzt nicht unmittelbar sterben, doch ganze Nachfolgegenerationen könnten ausbleiben.

Die Böden saugen den Regen wie Schwämme auf

Damit sich der Wasserstand in den nächsten Wochen und Monaten wieder normalisieren kann, braucht es laut der Baudirektion Niederschläge über längere Zeit.

Posch betont dabei die Art des Regens: «Wie es regnet, ist entscheidend dafür, ob sich die Situation beim Seepegel und bei den Wassermengen entspannen kann.»

Langsamen Regen, wie er in den nächsten Wochen wahrscheinlich sei, nähmen zunächst die Böden auf. Sie wirkten wie ein Schwamm und hielten das Wasser zurück. Das helfe den Wäldern und den Böden, werde sich aber kaum im Pegel des Zürichsees widerspiegeln.

Rund um den See sind die Einstiegsleitern gesperrt.

Rund um den See sind die Einstiegsleitern gesperrt.

Schneller, intensiver Regen könnte dem Seepegel dagegen guttun. Die Böden wären dann nicht in der Lage, so viel Wasser aufzunehmen. Dadurch flösse mehr in den See ab. Posch sagt: «Wenn keine schnellen und intensiven Regenfälle kommen, wird der Pegel bis ins kommende Jahr hinein weiter sinken.» Mit den Folgen für die Seenutzung sollte man sich deshalb auseinandersetzen, findet er.

Mit dem sinkenden Wasserspiegel liegt der Seegrund teilweise frei. Abfall kommt ans Tageslicht, stellenweise riechen absterbende Algen intensiv nach Fisch. Viele Grundstücke am See stossen nicht mehr direkt ans Wasser. Über den Sommer hat sich vor den Wiesen und Stegen eine grössere Brachfläche gebildet. Posch sagt: «Ich glaube, dass Grundstücke, die direkt am See liegen, in den kommenden Jahren etwas an Wert verlieren könnten.»

Vor Rapperswil ist Brachland entstanden: Die neue Uferlinie erinnert an einen Strand.

Vor Rapperswil ist Brachland entstanden: Die neue Uferlinie erinnert an einen Strand.

Die Messwerte des Limnologischen Instituts und des Kantons Zürich aus den letzten Wochen wichen deutlich vom Erwartbaren ab. Solche Situationen könnten in den nächsten Jahren häufiger vorkommen. Genutzt werde der See jedoch seit zweihundert Jahren so, als wäre der Wasserstand immer gleich. «Die Diskussion darüber, was die nächsten, pragmatischen Lösungsansätze sind, ist mir wichtig.»

So müsse diskutiert werden, ob sich die Stege für die Schiffe an unterschiedliche Wasserstände anpassen liessen oder ob sie weiter in den See hinaus gebaut werden sollten. Damit könnte der Betrieb der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft gesichert werden.

Aus ökologischer Sicht ist laut Posch die Renaturierung der Ufer sinnvoll. Viele Uferbereiche seien bei den Seen völlig vergessengegangen, dabei lebe der See gerade von ihnen. Doch am Zürichsee seien die Möglichkeiten begrenzt: Der Grossteil des Ufers sei verbaut, bei privaten Grundstücken habe man meist keinen Zugang zum Ufer. Das Problem lasse sich wohl kaum vollständig lösen. Etwas mehr natürlicher Lebensraum wäre für den See dennoch wichtig, sagt Posch.

Weitere Hitzesommer könnten das Bild am Ufer erneut verändern. Für die Badegäste in Küsnacht könnte der Weg ins Wasser dann noch ein paar Meter länger werden.

Auch am Seedamm ist der Wasserstand niedrig. Den eigentlichen Wasserspiegel erkennt man an den hellen Steinen.

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Noch nie war es so trocken am grössten See des Kantons Zürich. Der historische Tiefstand des Pegels hat einschneidende Folgen. Szenen eines aussergewöhnlichen Hitzesommers.

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