Der letzte Sommer hat gezeigt: BW muss mehr in Klimaanpassung investieren. Sollte man im Gegenzug beim Klimaschutz etwas langsamer machen? Oder lässt sich beides gut verbinden?
Baden-Württemberg wird das Ziel, bis zum Jahr 2040 klimaneutral zu werden, kaum mehr erreichen können. So lautete das Fazit des Klimasachverständigenrates des Landes letzte Woche. Für Jan Kohlmeyer, Leiter der Abteilung Klimaschutz der Stadt Stuttgart, kein Anlass zu Pessimismus: "Beim Klimaziel bin ich sehr optimistisch", sagt er. "Wir sehen einen sehr steilen Hochlauf, sowohl bei den Cleantech-Innovationen wie Photovoltaik, Wärmepumpen, Batterien, elektrischen Antrieben als auch bei den Klimaanpassungsmaßnahmen."
CDU Stuttgart stellt Klimaziele in FrageDie Stadt Stuttgart will sogar schon 2035 klimaneutral sein. Das halten viele für unrealistisch, auch weil das Geld immer knapper wird. Wohl auch deshalb sagen einige Mitglieder der CDU in Stuttgart: Lasst uns mehr in die Klimaanpassung als in den Klimaschutz investieren - denn das ist gerade dringlicher. Man müsse, meint etwa der CDU-Fraktionsvorsitzende im Stuttgarter Gemeinderat Alexander Kotz, "eher stärker investieren in das Thema Verschattung in Stuttgart, in kühle Räume, in Klimaanlagen, in mehr Bäume".
Überwiegend auf Klimaanpassung zu setzen, ist keine StrategieAlso ist es gerade wichtiger, Geld in Bäume, kühle Gebäude und Abkühlung an Flüssen zu stecken? "Das kommt zunächst sicher erst mal gut an", meint Jörn Birkmann, Professor für Raumentwicklung und Umweltplanung an der Uni Stuttgart. Denn kühle Räume, schattige Plätze oder auch klimatisierte Krankenhäuser - das merken die Menschen unmittelbar. Aber trotzdem sei das keine erfolgversprechende Strategie. Man müsse "beides mitdenken, denn auch die Klimaanpassung wird scheitern, wenn wir den Klimaschutz nicht gleichzeitig voranbringen."
Ohne Klimaschutz wird es immer heißerDenn die Sommer würden ohne mehr Klimaschutz noch deutlich heißer werden und irgendwann seien die Grenzen, in denen wir uns überhaupt noch anpassen können, erreicht, so Birkmann. Dann kann es passieren, dass wir in 20 Jahren den Sommer 2026 im Rückblick sogar noch als gemäßigt empfinden werden. Deshalb wäre es fatal, Klimaschutzziele noch weiter abzuschwächen und das Tempo rauszunehmen. Aber man könne beides kombinieren, zum Beispiel durch Bäume. "Dann hätte man die CO2-Einsparung oder zumindest Reduktion, wenn man neue Bäume pflanzt", sagt der Professor von der Uni Stuttgart. "Auf der anderen Seite hätte man dann wirklich auch natürlichere Verschattungen in Städten".
Fassadenbegrünung und Schwammstädte sorgen für KühlungAuch Fassadenbegrünung und sogenannte Schwammstädte dienen beiden Zielen - sie speichern CO2 und kühlen. In Schwammstädten wie im Stuttgarter Neckarpark in Bad Cannstatt gibt es auch grüne Oasen: kleine Parkanlagen, die sich nicht so aufheizen wie Asphaltplätze und wo das Wasser im Boden versickern und wieder zu Grundwasser werden kann. Auch Plätze, die mit Sickerpflaster belegt sind, das Wasser durchfließen lässt, heizen nicht so auf wie Asphaltplätze. In anderen Wohnquartieren, wie etwa in Mannheim-Feudenheim, wird das Regenwasser, auch von den Dächern, in einem kleinen See zwischen den Häusern gespeichert. Das kühlt an heißen Sommertagen und außerdem kann es in langen Trockenphasen zur Bewässerung der Fassadenbegrünung und der Bäume genutzt werden.
Baden-Württemberg
Das Beispiel Stuttgart zeigt, wie sich eine Stadt bereit für die Hitze macht. Doch Hitzeschutz gibt es nicht zum Nulltarif. Auch auf Landesebene gibt es Ideen - und Fördergelder.
Dämmung und Wärmepumpen können auch kühlenWärmegedämmte Häuser, meint der Leiter der Abteilung Klimaschutz in Stuttgart, Jan Kohlmeyer, kühlen im Winter nicht nur weniger aus, sie heizen im Sommer auch deutlich langsamer auf als ungedämmte Häuser, "und auch im Bereich Wärmepumpen ist es so: Die können im Winter heizen und im Sommer die Räume angenehm temperieren".
Wir brauchen kluge Lösungen, so Experten, um uns an den Klimawandel anzupassen und gleichzeitig die Erderwärmung aufzuhalten. Wir müssen sie dann aber auch anwenden. Das eine für das andere zurückzufahren oder gar aufzugeben, ist keine Option.
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