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Serbien: Übernehmen Studenten die Macht im Lande?

Дата публикации: 16-10-2026 16:06:23

In Serbien tritt in einer Woche eine Studentenbewegung zur Parlamentswahl an – mit einer Liste ohne Studenten, ohne Berufspolitiker und ohne Anführer. Sie will das Land erneuern und Vučićs Machtlager ablösen.

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Massenportest der Studentenbewegung in Serbien

AUDIO: Eine Studentenbewegung könnte die Parlamentswahlen in Serbien gewinnen (2 Min)

Serbien

Studentenliste gegen Vučić: Ein politisches Experiment

Stand: 16.10.2026 18:06 Uhr

Sie kamen vor zwei Jahren aus dem Nichts, rüttelten Serbien auf, forderten den bisher unantastbaren Staatspräsidenten Aleksandar Vučić heraus und könnten am 25. Oktober sogar die Parlamentswahl gewinnen.

von Andrej Ivanji, Belgrad

Nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad am 1. November 2024 mit 16 Todesopfern entstand aus Protesten gegen Korruption und staatliche Gewalt eine ungewöhnliche politische Bewegung, wie es sie bisher in der Geschichte der Politik nicht gegeben hat. Unter dem Slogan "Entweder Serbien oder die Maffia" versprechen die Studenten den Wählern nichts Geringeres als einen "Reset" des politischen und gesellschaftlichen Systems an.

Studentenliste ohne Studenten

"Studentenliste – Studenten siegen" steht auf den Wahlzetteln. Der Name ist aber etwas irreführend. Man könnte doch glatt meinen, dass da eine Gruppe von Studierenden ins Parlament einziehen möchte. Unter den 250 Kandidaten der Liste für die 250 Abgeordnetenplätze im serbischen Parlament befindet sich jedoch kein einziger Student! Vielmehr sind es Menschen, die die Studentinnen und Studenten in einem aufwendigen Verfahren ausgewählt haben: Professoren, Lehrer, Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure, Juristen, Landwirte und Arbeiter aus allen Teilen Serbiens.

Der Soziologe Jovo Bakić kandidiert auf der Studentenliste für das serbische Parlament. Die Studenten bestimmen, wer für sie ins Parlament einziehen soll. Auf ihrer Liste steht kein einziger Student – und kein einziger Berufspolitiker.

Sie alle haben eine erfolgreiche berufliche Laufbahn vorzuweisen, niemand ist Berufspolitiker. Die meisten von ihnen waren der landesweiten Öffentlichkeit bislang kaum bekannt, hatten sich jedoch vor Ort durch ihr zivilgesellschaftliches Engagement und ihren Einsatz gegen Missstände einen Namen gemacht.

Die Plenen aller Fakultäten der fünf serbischen Universitäten hatten bei der Kandidatenauswahl ein Vetorecht. Trotz des aufwendigen basisdemokratischen Verfahrens gelang eine Einigung – im Gegensatz zu serbischen Oppositionsparteien die, wie immer, uneinig blieben. Einige verzichteten darauf, eigene Kandidaten aufzustellen, und stellten ihre gesamte Wahlkampflogistik im "höheren Interesse" der Studentenliste zur Verfügung. Andere Oppositionaparteien entschieden sich, doch ihr Glück zu versuchen. Sollten sie nun an der Drei-Prozent-Hürde scheitern, könnten sie damit ausgerechnet Vučić in die Hände spielen: Ihre Stimmen würden bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt, wodurch andere Parteien, also auch das Regierungslager, mehr Mandate bekommen.

Keine Koalition mit Oppositionsparteien

Mit ihrem Einstieg in die Politik schloss die Studentenbewegung eine Koalition mit den etablierten Oppositionsparteien ausdrücklich aus. Offiziell begründete sie das nicht. Inoffiziell hieß es: Die zerstrittene Opposition habe sich seit 14 Jahren als machtlos gegen Vučić erwiesen.

"Studenten siegen": Mit diesem Transparent demonstrierten Unterstützer der Studentenbewegung im Juni 2026 in Belgrad. Bei der Wahl setzt die Bewegung auf eine eigene Liste und schließt ein Bündnis mit den etablierten Oppositionsparteien aus.

Zudem sei kaum noch zwischen "echter" und "falscher" Opposition zu unterscheiden – Parteien, die im Zweifel doch dem Regime zur Mehrheit verhelfen. Und nicht zuletzt wollte die Studentenbewegung ihre politische "Unschuld" nicht durch einen Pakt mit Oppositionspolitikern aufs Spiel setzen, die das Vertrauen der Wähler längst verspielt hatten.

Vom Protest zum Machtkampf mit Vučić

Es ist ungewöhnlich: Eine Generation, die noch vor zwei Jahren als unpolitisch galt und kaum wählen ging, erwachte eines Morgens und begann, die Politik des Landes aufzumischen. Ende 2024 blockierten serbische Studenten im Rekordtempo alle staatlichen Fakultäten, marschierten im darauf folgenden Jahr zu Fuß kreuz und quer durch Serbien, organisierten die größten Massenproteste in der Geschichte des Landes und forderten im Grunde genommen nur eines: Rechtstaatlichkeit.

Polizisten und Schlägertrupps des Regimes verprügelten und verhafteten Studenten. Ihnen wurden Staatsstreich und Terrorismus vorgeworfen. Vučić und regimetreue Medien beschimpften sie als Terroristen, Verräter und Auslandssöldner. Doch die jungen Menschen ließen sich nicht einschüchtern und machten so lange Druck auf der Straße, bis Vučić nachgab und vorgezogene Parlamentswahlen ausschrieb.
Vučić trat als Staatspräsident zurück, um den Wahlkampf seiner Serbischen Fortschrittspartei (SNS) anzuführen – das Amt des Regierungschefs fest im Blick.

Konfrontation zwischen Demonstranten und der Polizei bei den Massenprotesten am 28. Juni 2025 in Belgrad. Die Studentenbewegung forderte damals vorgezogene Parlamentswahlen, die nun stattfinden.

Prompt kam Unterstützung aus Moskau: Putin lobte Vučić. Mit seiner Medwedew-Rochade hatte Putin bereits 2008 vorgemacht, wie man vom Präsidenten zum Regierungschef wird und dennoch die Macht behält. Vučić befand sich nun in einer ähnlichen Lage: Seine zweite Amtszeit wäre bald ausgelaufen, ein drittes Mal hätte er nicht kandidieren dürfen.

Serbien-Wahl: Studenten gegen Vučić

Im Mai 2026 wurde die Studentenbewegung als Bürgergruppe registriert, im September reichte sie die erforderlichen Unterschriften für die Wahl ein. Der Wahlkampf konnte beginnen: Studenten gegen die Staatsmacht, David gegen Goliath. Meinungsumfragen sehen mal das eine, mal das andere Lager vorne. Einig sind sie sich aber in einem Punkt: Die Wahl wird zu einer Art Referendum über das herrschende Regime. Entscheidend wird damit der Zweikampf zwischen den beiden Blöcken "Aleksandar Vučić – Vereintes Serbien" und der Studentenliste. Alle anderen Parteien, mit Ausnahme einiger Minderheitsparteien, für die die Drei-Prozent-Hürde nicht gilt, müssen um den Einzug ins Parlament bangen.

Beide Seiten stellen einen Sieg des jeweils anderen Lagers als Untergang Serbiens dar. Das Land ist tief gespalten. Täglich kommt es zu teils gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern. Viele Analysten befürchten, dass die Gewalt außer Kontrolle geraten könnte.

Aleksandar Vučić bei einer Pressekonferenz am 27. September 2026 in Belgrad. An diesem Tag trat er als Staatspräsident zurück, um den Wahlkampf seiner Serbischen Fortschrittspartei (SNS) anzuführen.

Studentenliste will Serbien erneuern

Nach und nach stellen sich die Kandidaten der Studentenliste der Öffentlichkeit vor. Doch wer wann und wo auftritt, bestimmen die Studenten. Ihr Programm für einen grundlegenden Umbau des politischen und gesellschaftlichen Systems sieht vor allem die Bekämpfung der Korruption, die "Rückeroberung" staatlicher Institutionen und die Überprüfung von Amtsträgern auf Amtsmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen vor.

Die Studenten sollen auch nach einem eventuellen Wahlsieg das Sagen haben. "Ihre" Abgeordneten im Parlament und, gegebenenfalls, der Regierung, sollen die Vorstellungen der jungen Menschen umsetzen.

Eine Studentenbewegung ohne Anführer

Niemand auf der Studentenliste sticht hervor. Die Bewegung hat weder einen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten noch für einzelne Ministerposten benannt. Auf Platz 1 der Liste steht Ilija Srdanović, ein Kardiologe und Aktivist aus Novi Sad. Doch auch er betont, lediglich "Erster unter Gleichen" zu sein. Während Vučićs autoritärer politischer Führungsstil stark auf seine Person zugeschnitten ist, verzichtet die Studentenbewegung auf sichtbare Anführer. Stattdessen setzt sie auf kollektive Entscheidungen, bei denen nicht Einzelpersonen, sondern die Gemeinschaft der Studenten das Sagen hat.

Ilija Srdanović, Kardiologe und Nummer eins auf der Studentenliste, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Novi Sad. Er sieht sich nicht als Anführer der Bewegung, sondern lediglich als "Erster unter Gleichen". Die Bewegung verzichtet auf klassische Parteichefs und setzt auf kollektive Entscheidungen.

Eigentlich ist das für politisches Marketing ungünstig, doch bei vielen serbischen Wählern scheint es zu funktionieren – vielleicht, weil sie eine Vielzahl junger, zuversichtlicher Gesichter vor Augen haben. In der serbischen Realität, in der sich viele Menschen von der Politik keine Veränderungen mehr erhoffen, bietet ihnen die Bewegung neue Hoffnung.

Doch das Regierungslager zeigt nicht die geringste Bereitschaft, den Studenten, die von Vučićs Leuten als "Terroristen", "Vergewaltiger" und "Spione" beschimpft wurden, das Feld zu überlassen. Vučić verkündet schon jetzt seinen Sieg und stellt alle, die diesen infrage stellen, als Staatsfeinde dar.

Was die Studenten in Serbien vorhaben, ist ein gewagtes politisches Experiment. Selbst unter normalen Umständen – ohne einen Gegner wie Vučić – wäre sein Ausgang ungewiss. Beide Seiten bekräftigen, den Willen der Wähler verteidigen zu wollen. Die Studenten beteuern nicht zurückzuweichen, komme was wolle.

(baz)

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