Am 4. Oktober wählt Bosnien und Herzegowina erstmals mit biometrischen Lesegeräten und Stimmzettelscannern. Sie sollen einen Betrug beenden, den viele Bürger seit Jahren erleben.
AUDIO: Wahlen in Bosnien und Herzegowina: Elektronische Lesegeräte sollen Wahlmanipulationen verhindern (4 Min)
Wahlen Bosnien-Herzegowina
Betrugssicher wählen mit ausgeklügelter TechnikStand: 02.10.2026 11:05 Uhr
Am 4. Oktober wählt Bosnien und Herzegowina erstmals mit biometrischen Lesegeräten und Stimmzettelscannern. Sie sollen einen Betrug beenden, den viele Bürger seit Jahren erleben. Am hochkomplexen politischen System ändert das aber nichts.
von Mirella Sidro, Sarajewo
Genau 518 Amtsträger werden am kommenden Sonntag in Bosnien-Herzegowina gewählt – bei rund 3,4 Millionen Wahlberechtigten eine enorme Zahl. Das liegt an dem komplexen Staatssystem, das das kleine Land seit dem Ende des Bosnienkrieges 1995 hat. Der Staat besteht aus zwei weitgehend eigenständigen Teilen, der Föderation Bosnien und Herzegowina, in der vor allem muslimische Bosniaken und katholische bosnische Kroaten leben, und der überwiegend serbisch-orthodox geprägten Republika Srpska. Beide haben eigene Parlamente, dazu kommt die gemeinsame Ebene des Gesamtstaats.
Deshalb wird an einem Tag auf mehreren Ebenen gewählt. Eine Besonderheit ist die dreiköpfige Staatspräsidentschaft: Bosniaken, Kroaten und Serben stellen jeweils ein Mitglied. Gewählt wird am Sonntag aber nicht nur die Staatspräsidentschaft, sondern auch das Repräsentantenhaus des Gesamtstaats und das der Föderation, die Nationalversammlung der Republika Srpska, deren Präsident und Vizepräsidenten sowie zehn Kantonsversammlungen. In der Föderation wählt man entweder den bosniakischen oder den kroatischen Vertreter im Präsidium, das serbische Mitglied wird in der Republika Srpska gewählt.
Probewahl mit neuen GerätenDie Wahlen sind also auch diesmal hochkomplex. Aber: "Vieles ist anders als bei allen bisherigen Wahlen", sagt Vanja Milidrag, ehrenamtliches Mitglied der Gemeindewahlkommission des Sarajevo Stadtteils Ilidža. "Neben der Einführung spezifischer Wahltechnologien, die einen Missbrauch des Wählerwillens verhindern, ist auch die Art der Stimmabgabe selbst ein wichtiger Aspekt: Sie ist völlig neu, und alle müssen sich darauf einstellen." Denn diesmal läuft die Wahl elektronisch: Im Wahllokal zieht der Wähler zuerst seinen Ausweis, Reisepass oder Führerschein durch ein Lesegerät und legt zur Bestätigung seinen Finger auf einen Scanner. Ist er als Wähler bestätigt, unterschreibt er einen Beleg und erhält Stimmzettel und Kandidatenliste. In der Kabine füllt er die Zettel aus und wirft sie danach einzeln in den Scanner. Die Stimmzettel bleiben dabei aber erhalten und können bei Bedarf nochmal von Hand nachgezählt werden.
Wahlkomissar Vanja Milidrag vor dem Gymnasium in Ilidža, das am Sonntag "sein" Wahllokal beherbergen wird.
Auch der Stimmzettel sieht anders aus als sonst: So stehen die Namen der Kandidaten nicht mehr auf dem Stimmzettel selbst, sondern auf einer gesonderten Kandidatenliste. Weil man fürchtete, dass das die Wähler verwirren könnte, fanden am 11. September im gesamten Land Probewahlen statt, inklusive Fingerabdruckprüfung. Die Erfolgsquote lag bei rund 97 Prozent. Bislang wurde in Bosnien-Herzegowina ausschließlich auf Papier gewählt: Wähler wiesen sich im Wahllokal aus, markierten ihren Stimmzettel und warfen ihn in die Urne. Die Stimmen zählte der Wahlvorstand von Hand aus. Und weil dieser von den Parteien entsandt war, war diese Auszählung anfällig für mutmaßliche Manipulationen. OSZE-Beobachter stellten immer wieder Verstöße fest. So beobachteten sie sowohl bei den Wahlen 2022 als auch bei den Kommunalwahlen 2024 Verstöße gegen das Wahlgeheimnis wegen der Anordnung der Wahllokale. Zudem gab es eine uneinheitliche Anwendung der Sicherheitsvorkehrungen, vor allem bei der Auszählung.
Wahlbetrug vermindernDas wollten Menschen wie Hasan Kamenjaković schon vor den technischen Neuerungen nicht hinnehmen. Deshalb engagiert er sich bei der NGO Pod Lupom (Dt.: Unter der Lupe). Sie wurde 2014 als Zusammenschluss von 37 zivilgesellschaftlichen Organisationen gegründet, mit dem klaren Ziel, freie und faire Wahlen zu gewährleisten. "Unsere Beobachter sind am Wahltag von der Öffnung bis zur Schließung der Wahllokale vor Ort und überwachen den gesamten Ablauf", so Kamenjaković. "Dazu gehören die Öffnung der Wahllokale und deren Einrichtung, der Einsatz neuer Technologien, der Ablauf der Stimmabgabe, die Schließung der Wahllokale, die Verpackung des Wahlmaterials sowie die Auszählung der Stimmen."
In der Vergangenheit war es bei Abstimmungen immer wieder zu Unregelmäßigkeiten gekommen: So wurden etwa Stimmen im Namen von Verstorbenen oder in mehreren Wahllokalen abgegeben. Die neue Technik soll diese Art von Manipulation am Wahltag verhindern, so Kamenjaković: "Die Ergebnisse gehen direkt ins Wahlinformationssystem, ohne menschlichen Zugriff."
Wahlkommissar Milidrag weist dagegen darauf hin, dass man der häufigsten der illegalen Wahlmanipulationen so leider nicht ganz beikommen kann: "Die Technologie kann das Lobbying vor den Einrichtungen mit Wahllokalen sowie Lobbying aller Art an anderen Orten, die nicht in der Nähe von Wahllokalen liegen, weiterhin nicht verhindern." So hatte es in der Vergangenheit immer wieder Fälle gegeben, bei denen mehr oder weniger direkt vor den Wahllokalen versucht wurde, Einfluss auf die Wahlentscheidung der Bürger zu nehmen: Sei es durch Drohungen oder durch Stimmenkauf. Doch diese Taten zu beweisen sei schwierig, so Milidrag, weil Zeugen anonym bleiben wollen. Einer Untersuchung von Pod Lupom aus dem Jahr 2024 zufolge berichteten 40 Prozent der Befragten von politischem Druck, bis hin zu Kündigungsdrohungen oder Drohungen gegen die Familien.
Westbalkan
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Die neue Wahltechnologien haben nicht nur Fans: Einer der lautesten Kritiker ist der ehemalige Präsident der Republika Srbska, Milorad Dodik, der als engster Verbündeter Wladimir Putins auf dem Balkan gilt. Er darf nach einem Urteil sechs Jahre lang kein Amt bekleiden und nicht kandidieren, weil er als Präsident Gesetze unterzeichnet hatte, mit denen die Entscheidungen des Hohen Repräsentanten und des Verfassungsgerichts in der Republika Srpska außer Kraft gesetzt werden sollten. Die Zentrale Wahlkommission CIK BiH ordnete deshalb im August 2025 seine Absetzung als Präsident an, dennoch führt er seine Partei SNSD weiter. Die Liste "SNSD – Milorad Dodik" wurde registriert.
Ende August behauptete Dodik, die neueTechnik solle internationalen Vertretern Wahlfälschung ermöglichen. Pod Lupom beobachtet, dass politische Akteure gezielt Falschinformationen über die neuen Geräte verbreiten. So heißt es etwa, man könne damit herausfinden, wie jemand gewählt hat. "Das ist bei diesem neuen System nicht möglich. Niemand kann wissen, wie jemand gewählt hat", stellt Kamenjaković klar.
Der Ex-Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, gilt als enger Verbündeter des russischen Präsidenten Wladimir Putin. (Hier bei einem Besuch in Moskau Ende September 2026)
Genau deshalb hoffen die Befürworter der neuen Technologie, dass auch Stimmenkauf und Erpressungsversuche zurückgehen werden: Weil niemand von außen überprüfen kann, wie jemand tatsächlich abgestimmt hat. Dennoch bleibt die Situation schwierig: Pod Lupom wurden im Vorfeld der Wahl am Sonntag bereits über 700 Unregelmäßigkeiten gemeldet – meist verfrühten Wahlkampf und Missbrauch öffentlicher Mittel.
Bosnien und Herzegowina ist seit 2022 EU-Beitrittskandidat, doch bis Mitte 2026 war keine der 113 Reformzusagen erfüllt. Die Regierungsbildung dauert erfahrungsgemäß Monate. Aus Brüsseler Sicht sind freie und faire Wahlen einer der klarsten Tests der EU-Reife. Die neuen Wahlgeräte sind ein Schritt in diese Richtung. Vor allem aber sollen sie den Menschen in Bosnien-Herzegowina das Vertrauen in die Integrität ihrer Wahlen zurückgeben – zumindest ein Stück weit.
MDR (tvm)
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