Verschwörungstheorien statt historischer Tatsachen? Der Romanautor Volker Kutscher kritisiert das Finale der Serie „Babylon Berlin“, die auf seinen Werken basiert. Hat er recht?
Meinung · Verschwörungstheorien statt historischer Tatsachen? Der Romanautor Volker Kutscher kritisiert das Finale der Serie „Babylon Berlin“, die auf seinen Werken basiert. Hat er recht?
16.10.2026 , 15:00 Uhr
Gereon Rath ermittelt, und im Hintergrund warten schon die Nazis: Szene aus „Babylon Berlin“, hier der vierten Staffel.
Foto: picture alliance/dpa/X Filme/ARD/SKY/Frederic BatierMit der fünften Staffel endete im September die Serie „Babylon Berlin“. Nur wurde dieses Finale auch von einem Missklang begleitet: Zwar war Volker Kutscher, der Autor der Kriminalromane um den Kölner Kommissar Gereon Rath, gewöhnt an den freien Umgang der drei Drehbuchautoren und Regisseure Tom Tykwer, Hendrik Handloegten und Achim von Borries mit seinem „Grundstoff“. Doch das, was in diesen letzten acht Folgen erzählt werde, gehe zu weit, wie er in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kritisierte.
Im Mittelpunkt der teils fiktiven Handlung stehen die Krankenakte Adolf Hitlers aus dem Reservelazarett Pasewalk im Jahr 1918, ein Attentatsversuch am 27. Februar 1933 und der von den Nationalsozialisten auf diesen Abend „vorverlegte“ Reichstagsbrand. Dabei setze die Serie Behauptungen auf Basis von Verschwörungstheorien anstelle historischer Tatsachen, sagt Kutscher.
Hätte die Veröffentlichung einer solchen Krankenakte – wie dort suggeriert – tatsächlich die politische Sprengkraft gehabt, das Ruder noch einmal zugunsten der Demokratie herumzureißen? Dazu seien die Ereignisse und Hintergründe, die seinerzeit in diesen Abgrund geführt hätten, viel zu komplex: „Das waren eben nicht nur ein paar böse Großindustrielle und rechtsradikale Verschwörer, die alles so gedeichselt haben, dass das ganze Volk mit reingerutscht ist.“
Hat er mit seiner Kritik recht? Zunächst einmal Ja. Die Existenz einer solchen Hitler’schen Krankenakte ist mehr als fraglich, die Schuldfrage beim Reichstagsbrand bis heute umstritten, und besagtes Attentat in der Industriellenvilla wurde von den Machern der Serie mal eben frei erfunden.
Was aus Sicht Kutschers umso problematischer sei, da am Ende der Bogen in die Realität geschlagen und das verbürgte Schicksal historischer Serienfiguren kurz skizziert werde. Das suggeriere dem Zuschauer: Genau so war es. „Das finde ich unredlich“, erklärte Kutscher.
Aber tut die Serie das wirklich? Wer mit den historischen Hintergründen der Machtergreifung zumindest in Grundzügen vertraut ist, wird die zugegeben recht gewagten Variationen schnell als solche erkennen. Reizvoll, aber auch problematisch, denn diese Geschichtskenntnisse lassen sich eben nicht allgemein voraussetzen. Die ARD mag diese Lücke erkannt haben, weshalb sie der 5. Staffel eine ergänzende Dokumentation hinzugefügt hat.
Dennoch ist und bleibt „Babylon Berlin“ eine seit fast zehn Jahren auch international zu Recht gefeierte Ausnahmeerscheinung im deutschen Fernsehen. Nicht unbedingt, weil die Serie zu den bislang teuersten Produktionen zählt – wobei sich dieser Aufwand in der Tat sehen lässt.
Sondern, weil sie von der ersten Folge an das Lebensgefühl ihrer Zeit transportiert und dabei jedes Milieu der Millionenmetropole einbezieht. Dazu kommen ein guter Schuss Kriminalgeschichte und film noir, faszinierend ambivalente Charaktere, die stimmige Ausstattung sowie hinreißende Musik.
Die dritte Hauptrolle neben Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) spielt aber zweifelsohne das Wissen, dass es die Welt, in der die Protagonisten sich bewegen, schon bald nicht mehr geben wird – dass die Demokratie, die Fortschritte in Technik, Wissenschaft, Kunst und die freie Lebensart – in nur wenigen Jahren um Jahrzehnte zurückgeworfen werden. Das ist die latente Bedrohung, die sich zusehends verdichtet und von der die handelnden Personen nichts wissen (können), allenfalls etwas ahnen oder fürchten.
Die Radio-Ansprache des Psychiaters Dr. Schmidt (Jens Harzer) aus dem Reichstag in der letzten Folge mag ein wenig pathetisch klingen. Aber sie fasst – adressiert in die Gegenwart – noch einmal in Worte, was fünf Staffeln zuvor ausgedrückt haben: Die Weimarer Republik lässt sich mitnichten auf einen Prolog zur Nazi-Herrschaft reduzieren.
Das eindimensionale glitzernde Abziehbild hat ausgedient. Das leistet diese Serie – ohne die Ära der eigenwilligen Faszination berauben zu wollen, die bis heute anhält. In der Hoffnung, dass fast acht Jahrzehnte Demokratie auf bundesdeutschem Boden eine andere Grundlage sind als die damals 14 Jahre von 1919 bis 1933.
| # | Наименование новости | Тональность | Информативность | Дата публикации |
|---|---|---|---|---|
| 1 | Рай, переживший войну. О книге Ксении Букши «Маленький рай» | 5 | 7 | 22-06-2026 |
| 2 | From 2001: Five questions the mainstream media don’t want you to ask about the war against terrorism | 0 | 21.09 | 11-09-2026 |
| 3 | Фантастика и кинокомиксы последних лет глубже, чем кажутся. Сегодня мы ... | 0 | 6.78 | 25-08-2026 |
| 4 | Настоящее Время на Радио Свобода: политолог Александр Баунов | 0 | 7.44 | 23-06-2026 |
| 5 | Neuer Roman: Frankfurt ist schlimmer als Chicago | 0 | 12.57 | 29-07-2026 |
| 6 | 1. Интервью Бориса Вайля, Вена, 1977. 2. Химик и математик Дина Бейлина. Интервью в Нью-Йорке. Роман Марио Пьюзо «Глупцы умирают» (1978). | 0 | 18.32 | 18-06-2026 |
| 7 | 1. «Утопия у власти». Беседа с А. Некричем и М. Геллером (1984). 2. Худ. Вас. Львов о соврем. живописи. А. Бахрах о Довиде Кнуте (1976). | 0 | 15.77 | 17-06-2026 |
| 8 | Основано на реальных событиях — вот только на насколько реальных, ... | 0 | 6.71 | 24-09-2026 |
| 9 | Очень показательный факт, ярко иллюстрирующий, что искусство НЕ существует вне ... | -8 | 6 | 01-07-2026 |