Nicht immer ist der Wunsch nach Freizeit der Grund dafür, die täglichen Herausforderungen an der Arbeit als weniger wichtig zu betrachten als das private Leben.
16.10.2026 · 13:00 Uhr
Kolumne | Düsseldorf · Nicht immer ist der Wunsch nach Freizeit der Grund dafür, die täglichen Herausforderungen an der Arbeit als weniger wichtig zu betrachten als das private Leben.
Viele, vor allem jüngere Menschen fordern heutzutage ein, das Verhältnis zwischen der Zeit zum Arbeiten und der Zeit zum Leben angemessen zu gestalten. Die Lebenszeit ist kostbar – ein begrenztes Gut, das viele nicht mehr mit zu viel Arbeit belasten wollen. Umgekehrt arbeitet in der Regel engagierter, wer mehr Lebensfreude hat. Die Erfahrung lehrt: Wenn die Balance nicht mehr gegeben ist, drohen Krankheiten an Leib und Seele.
Wer von uns befolgt den vielfach wiederholten Rat, sich nicht zu viel an Arbeit aufzulasten? Ich leider nicht – trotz aller bekannten Konsequenzen. Und unter diesen möglicherweise eine Verkürzung der Lebenszeit.
Nicht immer ist der Wunsch nach Freizeit der Grund dafür, die täglichen Herausforderungen an der Arbeit als weniger wichtig zu betrachten als das private Leben. Es gibt Zeiten der Trauer, die lähmend wirken. Nur noch das Nötigste kann dann – in mühsam konzentrierter Aufmerksamkeit – geschehen. Man wünscht sich Sensibilität für die eingetretene Situation.
Sie ahnen es. Ich nehme Bezug auf die aus der Sicht von Bärbel Bas recht geringe Rücksichtnahme auf die Trauer um ihre Stieftochter im Kontext des zunehmend kontrovers ausgetragenen politischen Alltagsgeschehens. Äußerungen zu ihrer Person haben sie sehr verletzt. Hat Bärbel Bas die Achtung ihrer Lebenssituation bei der Bewertung ihrer Politik nicht mit Recht eingefordert? Hätte die Kritik verstummen oder leiser formuliert werden können – oder zumindest erst später geäußert werden müssen?
Leider ist es auch hier so wie so oft: Bei der Antwort auf diese Fragen bleibt es nicht bei einem engen Sachbezug. Eine verletzliche Person wird besprochen.
Zu erfüllende Anforderungen im Beruf werden in der Regel ohne eine Rücksichtnahme auf die persönliche Lebenssituation gestellt. Dieses Verfahren hat auch Vorteile: Leistung bleibt objektiv messbar. Zugleich aber gilt: Wir sind und bleiben Menschen – mit Gefühlen und mit dem Wunsch nach sorgsamer Achtsamkeit im Blick auf unser Leben als Ganzes.
Unsere Autorin ist Professorin an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Sie wechselt sich hier mit der evangelischen Religionslehrerin Anne Schneider, Rabbi Alexander Grodensky und dem Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide ab.
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