Kontakte zu vermeintlichen Clan-Angehörigen werden der Linken angelastet. Aber auch die Berliner CDU zeigte sich im Wahlkampf mit umstrittenen Personen.
Wahlplakat von Stefan Evers – Eigentlich will die CDU »kriminelle Clans« enteignen.
Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur
»Skandal auf der Sonnenallee!« oder »Süßigkeiten mit Kriminellen und Extremisten« wären wohl die Schlagzeilen in der Boulevardpresse, wenn sich Linke oder Grüne an jenem Donnerstag Anfang September auf der berühmtesten Neuköllner Straße beim gemeinsamen Essen mit Personen ablichten lassen hätten, denen Terrorunterstützung, Clan-Verbindungen oder sogar die Fabrizierung eines Mordversuchs vorgeworfen werden. Welche Debatte würde in einem solchen Fall geführt, welche Distanzierungen würden gefordert werden?
Passiert ist diese Begegnung aber nicht bei der Linken, sondern bei einer Veranstaltung mit den wichtigsten Köpfen der Berliner CDU: Dabei waren Finanzsenator und CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers, CDU-Sprecher Michael Ginsburg und der Neuköllner Bezirksbürgermeisterkandidat Gerrit Kringel. Bilder und Videos online zeigen die Politiker in Begleitung von einem Dutzend Männern, zum Teil in beduinischer Tracht, bei einem Spaziergang durch Nord-Neukölln und einem abschließenden Essen von Kunafa, einer warmen Käsesüßigkeit mit Engelshaar-Teig, auf der Sonnenallee. Eine Woche vorher war die fast gleich zusammengesetzte Gruppe auf einem ähnlichen Spaziergang mit dem Kandidaten Kringel unterwegs.
Das Netzwerk von Hudhaifa Al-MashhadaniBeide Treffen habe die Deutsch-Arabische Schule organisiert, teilt die CDU Neukölln auf Anfrage mit. Geleitet wird diese Privatschule im Bezirk von Hudhaifa Al-Mashhadani. In den vergangenen Jahren präsentierte sich der Mittvierziger immer wieder als Kämpfer gegen Islamismus und Antisemitismus und bekam dafür große institutionelle Unterstützung, auch finanziell. In einer E-Mail aus dem Jahr 2025, die »nd« dank einer Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz von »Frag den Staat« vorliegt, setzte sich der Neuköllner CDU-Politiker Falko Liecke für die Förderung von Al-Mashhadanis Schule ein. Liecke, Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, beschrieb die Bildungseinrichtung als einen »Fels in der (radikalen) arabischen Community«. Einer breiten Öffentlichkeit wurde Al-Mashhadani bekannt, als er Ende 2025 behauptete, er sei in einer U-Bahn-Station Opfer eines Mordversuchs geworden.
Doch im März 2026 zeigten »Taz«-Recherchen, dass es diesen Mordversuch nicht gegeben hatte. Im Juli 2026 wurde deswegen ein Strafbefehl gegen Al-Mashhadani wegen falscher Verdächtigung erlassen. Dieser ist allerdings nicht rechtskräftig, da der Beschuldigte Einspruch eingelegt hat. Eine Gerichtsverhandlung steht noch aus. Weitere Recherchen brachten ans Licht, dass viele Angaben Al-Mashhadanis in seinem Lebenslauf falsch waren. Vermeintliche akademische Titel etwa, mit denen er sich schmückte, stammen von Institutionen, die gar keine vergeben. Das führte genauso wenig zu Konsequenzen wie in der Folge der Recherche aufgetauchte Texte unter seinem Namen mit antijüdischen und antischiitischen Passagen.
Al-Mashhadani, der von sich behauptet, einen Deutsch-Arabischen Rat zu leiten, in dem zahlreiche Vereine organisiert sein sollen, war nicht die einzige Person auf den Bildern, deren Anwesenheit stutzig macht. Zumindest drei Teilnehmer dieser Pro-CDU-Events, unter anderem ein Mitarbeiter von Al-Mashhadanis Schule, sollen mit Issa Remmo eng befreundet sein. Remmo ist der vermeintliche »Clan-Chef«, der mit einem Besuch bei einer linken Wahlparty am 20. September für großen Aufruhr gesorgt hatte. Gegen Remmo selbst ist nie ein rechtskräftiges Urteil ausgesprochen worden.
Beduinenstämme für CDUUnter den Teilnehmern ist der in beduinischer Tracht auftretende Autohändler Khaled Al-Jarba. Am Wahltag veröffentlichte der Mann auf seinem Tiktok-Kanal ein Video, in dem er auf einem Sofa in einem Garten vor den Fahnen Syriens und Saudi-Arabiens sitzt und im Namen der »Versammlung der Stämme« zur Unterstützung der CDU aufruft. Wie er im nd-Gespräch erklärt, seien sein Wahlaufruf und seine Teilnahme an Events mit der CDU auf Empfehlung seines »Bruders, des Doktors Al-Mashhadani« erfolgt. Später schickte er noch eine schriftliche Erklärung, in der er mitteilte, dass die Unterstützung der CDU in Berlin durch die von ihm vertretenen arabischen Stämme deren eigenen Überzeugungen entspringe.
Die Spaziergänge über die Sonnenallee waren nicht die ersten Treffen mit CDU-Politikern von Al-Jarba. Im Januar 2025 war er auf Einladung des Lichtenrader CDU-Abgeordneten Christian Zander im Abgeordnetenhaus. Damals wurde der Besuch medial skandalisiert, weil auch Issa Remmo teilnahm. Mehrere Fotos und Videos in den sozialen Medien deuten auf eine nahe Freundschaft zwischen Al-Jarba und Remmo hin.
Gegenüber »nd« erklärte Al-Jarba, er führe einen Diwan, einen traditionellen Treffpunkt, an dem eine große Zahl von Menschen, darunter Remmo und Al-Mashhadani, mit Gastfreundschaft empfangen werden. »Jeden, der zu mir kommt, betrachte ich als Bruder und Freund.« Mit Remmo, den er für seine Rolle als Vermittler und Unterstützer lobt – sogar als eine Person, die zahlreiche Frauen vor sogenannten Ehrenmorden bewahrt habe –, sei er zuletzt bei einem Dialogtreffen mit jüdischen Organisationen in einem Hotel in Berlin-Mitte gewesen.
Eine weitere Person, die damals mit Remmo im Abgeordnetenhaus war und an den Spaziergängen mit der CDU teilnahm, ist Jamal Soulayman, Vorsitzender der 2009 in Essen gegründeten »Familien-Union«. Der Verein kümmert sich um die Belange von in den 1970er und 1980er Jahren nach Deutschland eingewanderten arabischen Familien, die überwiegend kurdisch-libanesischer Abstammung sind. Es handelt sich genau um jene Familien, die in der Boulevardpresse als »Clan-Milieu« tituliert werden und stark von behördlicher Diskriminierung betroffen sind.
Als Zusammenschluss der Älteren schlichtet der Verein die Konflikte zwischen den Großfamilien, einschließlich der Remmos, wie Online-Videos belegen, die »nd« vorliegen. Soulayman selbst appelliert dabei auch immer wieder, die Gesetze zu achten, und macht sich Sorgen um »unsere jungen Männer«, die er »auf den richtigen Weg bringen« möchte. Bildung und Integration durch Arbeit ist seine Botschaft.
Migrantischer PragmatismusEin weiteres Anliegen von Soulayman in den vergangenen drei Jahren war der Krieg im Libanon und in Gaza. In einem Video vom Dezember 2023 wünscht er sich Frieden und Stabilität auf der ganzen Welt und fordert, dass sich Deutschland international dafür einsetzt, den Frieden in Gaza wiederherzustellen. Soulayman tritt auch häufiger bei propalästinensischen Veranstaltungen auf.
Als der Hamas-Chef Yahya al-Sinwar 2024 in Gaza getötet wurde, veröffentlichte Soulayman einen Facebook-Beitrag. Darin drückt er im Namen des Vereins »sein tiefstes, aufrichtiges Beileid und sein Mitgefühl zum Tod des Feldkommandeurs im Gazastreifen« aus. Ein ähnliches Schreiben veröffentlichte er auch zum Tod des Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah. Eine eindeutige Einordnung solcher Nachrufe fällt schwer. Denn sie stehen neben Erklärungen desselben Vereins, die den ehemaligen Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan in Nordirak, Masud Barzani, loben und zuletzt sogar zur Wahl der äußerst pro-israelischen CDU in Berlin aufrufen. Das wirkt weniger wie eine kohärente Ideologie als wie der Pragmatismus einer marginalisierten Minderheit, die mit allen Machtfaktoren zurechtkommen muss – in den kurdischen Gebieten, im Libanon und in Deutschland. Soulayman reagierte nicht auf nd-Anfrage. Auf die Frage, wie die Arbeit des Vereins zu bewerten sei, antwortete die CDU nicht.
Auch über öffentlich bekannte Äußerungen eines weiteren Teilnehmers der Spaziergänge wollte die CDU nicht urteilen. Dabei geht es um den Kinderarzt jemenitischer Herkunft Najeeb Al-Saidi. Nachdem er in einem Video der Corona-Impfkampagne der Bundesregierung im Jahr 2021 zu sehen gewesen war, bezeichneten ihn »Bild« und zahlreiche weitere Medien als »Hamas-Anhänger«, weil er in seinem Facebook-Profil ein Propagandafoto der Al-Qassam-Brigaden der Hamas teilte. Gegenüber »Bild« zeigte sich damals der »Integrationsexperte« Ahmad Mansour »fassungslos, dass die Regierung mit islamistischen, antisemitischen Ärzten« kooperiere.
Al-Saidi, auf mehreren Fotos im Gespräch mit Stefan Evers zu sehen, postete auch kurz nach dem 7. Oktober Beiträge, die als Unterstützung des palästinensischen Widerstands zu deuten sind. Weitere Fotos zeigen ihn auch mehrmals mit dem Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD), etwa beim Anschneiden eines Geburtstagskuchens, den Al-Mashhadani für Hikel im Jahr 2022 serviert hatte.
Nicht gewusst?Erst am Mittwoch warnte Stefan Evers vor »Clan-Freunden« in der Linkspartei. Seit mehr als zwei Wochen beschäftigen sich große Medienhäuser mit Spekulationen über das Umfeld der Berliner Linken, da Issa Remmo die Wahlparty des Bezirksverbands der Linken Neukölln besuchte. Außerdem hatte Issa Remmos Sohn Firas einige Chat-Nachrichten zwischen ihm und dem Bundestagsabgeordneten Ferat Kocak (Linke) publik gemacht. Kocak hat mittlerweile die gesamte Kommunikation zwischen ihm und Firas Remmo öffentlich gemacht und erklärt, zuerst nicht gewusst zu haben, mit wem er es zu tun gehabt habe.
Könnte es sein, dass auch die CDU nicht genau wusste, mit wem sie zweimal durch Neukölln spazieren ging? Hudhaifa Al-Mashhadani ist stadtbekannt und gilt inzwischen vielerorts als Hochstapler. Warum die CDU trotzdem mehrere Veranstaltungen mit ihm organisierte, beantwortet sie nicht. Auf die Frage nach den übrigen Teilnehmenden der Spaziergänge antwortete der Neuköllner CDU-Politiker Falko Liecke, im Verlauf hätten sich »verschiedene Personen der Gruppe angeschlossen«. Wer genau dabei war und welchen Hintergrund diese Personen haben, sei »weder der CDU Neukölln noch der CDU Berlin bekannt«. Mit Personen, die »Antisemitismus verbreiten« oder »dem Clan-Milieu zuzuordnen sind«, würden keine Kontakte gepflegt, fügte Liecke hinzu.
Eine Anfrage an Al-Mashhadani, auch zu möglichen Kontakten zur Remmo-Familie, ließ der Schulleiter unbeantwortet. Stattdessen veröffentlichte er auf sozialen Medien eine nd-Anfrage, die an einen arabischen Parfum-Influencer gerichtet war, der zur Wahl der Berliner CDU aufgerufen hatte. Darauf bezogen erklärte Al-Mashhadani, für die von ihm verbreitete CDU-Wahlwerbung von niemandem angewiesen worden zu sein und keine Gegenleistung erhalten zu haben. Sie entspringe seiner eigenen politischen Überzeugung. Seinen Beitrag schloss er mit den Worten: »Menschen mit arabischer oder migrantischer Herkunft dürfen selbstverständlich genauso eine eigene politische Meinung haben wie jeder andere Bürger in Deutschland. Sie brauchen niemanden, der ihnen sagt, welche Partei sie unterstützen dürfen.« Eigentlich eine selbstverständliche Aussage.
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