Pannenserie, Pensionswelle und Rekordbedrohung: Vor den Olympischen Spielen und der Wahl 2028 steht der US Secret Service vor der größten Bewährungsprobe seiner Geschichte.
Stand: 18.10.2026, 19:14 Uhr
Pannenserie, Pensionswelle und Rekordbedrohung: Vor den Olympischen Spielen und der Wahl 2028 steht der US Secret Service vor der größten Bewährungsprobe seiner Geschichte.
Washington, D.C. – Wenn man die vergangenen Jahre des US Secret Service betrachtet, sieht man eine einst weltweit hoch angesehene Behörde, die sich mittlerweile nur noch im Dauerkrisenmodus befindet. Sinnbildlich dafür steht der Anschlag auf Donald Trump in Butler, Pennsylvania: Ein strategisch wichtiges Dach wurde nicht gesichert, eine Aufklärungsdrohne konnte ungestört elf Minuten über dem Gelände kreisen und schließlich gelang es dem Attentäter tatsächlich, auf einen damaligen Ex-Präsidenten zu schießen.
Ein spektakuläres Sicherheitsversagen, dessen Ausmaß die Behörde massiv unter Druck setzte. Und dennoch konnten seitdem sogar noch zwei weitere Schützen in die Nähe des Präsidenten gelangen. Ausgerechnet in dieser Situation steht der Secret Service 2028 vor einer Kumulation gewaltiger Herausforderungen – intern hat man für das Schicksalsjahr daher bereits einen Namen gefunden: „Armageddon“.

Denn in jenem Jahr treffen gleich zwei Großereignisse aufeinander: Erstens eine Präsidentschaftswahl, in der – weil Donald Trump nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten darf – beide großen Parteien mit umkämpften Vorwahlen rechnen. Zweitens die Olympischen Sommerspiele in Los Angeles, die ersten Sommerspiele auf US-Boden seit Atlanta 1996. Traditionell werden zu einem solchen Event Besuche zahlreicher Staats- und Regierungschefs erwartet. Eine enorme Belastung für eine Behörde, die bereits unter regulären Bedingungen an ihren Kapazitätsgrenzen arbeitet.
Die größte Einstellungsoffensive der BehördengeschichteDieser Herausforderung will der Secret Service mit einer gewaltigen Einstellungsoffensive begegnen: 4000 neue Beschäftigte sollen bis 2028 rekrutiert werden – ein in der US-Strafverfolgung beispielloses Vorhaben. Es wäre ein Zuwachs von rund 20 Prozent der Angestellten und würde die Behörde erstmals in ihrer Geschichte über die Marke von 10.000 Beschäftigten heben.
Hinter dem Plan steht Vizedirektor Matthew Quinn, der im Mai nach einigen Jahren in der Privatwirtschaft zur Behörde zurückkehrte. Die Zahl der Special Agents soll laut seinem Plan von etwa 3500 auf rund 5000 wachsen, die Uniformed Division auf etwa 2000 Beamte aufgestockt werden, dazu zusätzliches Unterstützungspersonal.
Dass die Behörde derzeit chronisch unterbesetzt ist und ihre Leute an die Grenze der Belastbarkeit treibt, räumt Quinn offen ein: „Wir können nicht genug Anreize schaffen, um die Tatsache auszugleichen, dass wir unsere Leute sehr, sehr hart arbeiten lassen.“ Zahllose Agenten verbringen Monate des Jahres auf Reisen im Personenschutz. Die Behörde will daher die Arbeitszeiten verkürzen und die Zeit auf der Straße reduzieren – denn sie weiß, dass genau dieser erbarmungslose Takt immer mehr erfahrene Kräfte in die private Sicherheitsbranche treibt.
Ein Drittel kann in den Ruhestand gehen – ausgerechnet jetztDas zweite Problem ist womöglich das heiklere, denn es lässt sich nicht einfach mit Neueinstellungen ausgleichen. Eine ganze Generation von Agenten, die rund um die Terroranschläge vom 11. September 2001 angeheuert wurde, steht vor dem Abgang.
„Etwa ein Drittel der Belegschaft wird vor Beginn des Jahres 2028 pensionsberechtigt sein“, warnt Derek Mayer, ein ehemaliger stellvertretender Sonderermittlungsleiter des Chicagoer Außenbüros. „Das ist definitiv ein Grund zur Sorge. Es gab Zeiten während der Einstellungsstopps in den 2010er Jahren, in denen wir niemanden eingestellt haben. Wenn das passiert, tut es [...] fünf oder zehn Jahre später weh.“ Genau dieser Moment ist nun erreicht.
Der US Secret ServiceDer United States Secret Service wurde am 5. Juli 1865 als Abteilung des Finanzministeriums gegründet, um Falschgeld zu bekämpfen, und gehört seit 2003 zum Heimatschutzministerium (Department of Homeland Security). Der Hauptsitz liegt in Washington, D.C., und die Behörde unterhält über 150 Standorte im In- und Ausland mit mehr als 8.000 Beschäftigten.
Ihr Doppelauftrag umfasst den Schutz des Präsidenten, des Vizepräsidenten und ihrer Familien sowie ausländischer Staatsgäste und diplomatischer Vertretungen in Washington, außerdem die Ermittlung bei Finanzverbrechen wie Fälschung und Betrug. Seit Januar 2025 leitet Sean M. Curran die Behörde als 28. Direktor (Stand: Oktober 2026).
Die aktuelle Bedrohungslage: „Jenseits aller Skalen“Wie begründet die Nervosität in der Behörde ist, belegen die Zahlen. Mehr als 10.000 Ermittlungen wegen Drohungen gegen Schutzpersonen hat der Secret Service allein in diesem Jahr eingeleitet – ein Anstieg um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Direktor Sean Curran, der frühere Chef von Trumps persönlichem Personenschutz, nennt das politische Klima so aufgeheizt wie nie zuvor in seiner 24-jährigen Laufbahn. Die Bedrohungszahlen seien „jenseits aller Skalen“. Trump selbst war Ziel von mindestens drei Attentatsversuchen. Dazu kommen neue Gefahren aus der Luft: In einem vereitelten Komplott gegen UFC-Kämpfe am Weißen Haus kamen laut Gerichtsdokumenten Drohnen „als offensives Mittel“ zum Einsatz.
„Es ist eine ständige Jagd, um Schritt zu halten“, sagt Vizedirektor Quinn über die rasant wechselnde Technik. Und die Gefahr ist nicht abstrakt: „Der Iran hat öffentlich gesagt, dass er Präsident Trump töten will“, so Quinn. Im September 2025 deckte die Behörde zudem einen Plan auf, Mobilfunkmasten nahe dem UN-Hauptquartier lahmzulegen.
Das Versagen von Butler hallt bis heute nachDass der Secret Service überhaupt in diese Defensive geraten ist, hat einen Namen: Butler. Ein unabhängiges, überparteiliches Prüfgremium aus vier früheren hochrangigen Strafverfolgungs- und Regierungsvertretern identifizierte nach dem Attentatsversuch vom 13. Juli 2024 „zahlreiche Fehler“ und „konkrete Versäumnisse und Zusammenbrüche“.
Selbst ein unbegrenztes Budget würde viele der Versäumnisse nicht beheben.
Das Urteil des Gremiums fiel vernichtend aus. „Der Secret Service ist bürokratisch, selbstzufrieden und statisch geworden“, schrieb es in einem Brief an das Heimatschutzministerium. Und weiter, als unmissverständliche Warnung: „Der Secret Service als Behörde erfordert eine grundlegende Reform, um seine Mission zu erfüllen. Ohne diese Reform glaubt das Independent Review Panel, dass sich ein weiteres Butler ereignen kann und wird.“
Die Liste der Pannen ist lang: Niemand war ausdrücklich damit beauftragt, das Dach zu sichern, von dem aus der Schütze feuerte. Das System zur Drohnenabwehr hatte einen technischen Defekt und war über Stunden außer Betrieb. Der Attentäter wurde mehr als 90 Minuten vor den Schüssen als verdächtig erkannt – doch die Führung von Trumps Personenschutz wurde nie informiert. Bemerkenswert ist dabei insbesondere der zentrale Befund des Gremiums zu den Ursachen. Denn nicht fehlendes Geld sei das Grundproblem gewesen, sondern strukturelle Unzulänglichkeiten in der alltäglichen Arbeit des Secret Service. „Selbst ein unbegrenztes Budget würde für sich genommen viele der Versäumnisse vom 13. Juli nicht beheben“, heißt es im Bericht.
90 Millionen Dollar für einen unerfahrenen Dienstleister als letzte Rettung?Geld lässt die Regierung dennoch fließen – und zwar reichlich. Im vergangenen Jahr erhielt der Secret Service 1,2 Milliarden Dollar aus einem umfassenden Haushaltspaket, unter anderem für Anwerbung und Halteprämien. Diesen Juli vergab die Behörde zudem einen 90-Millionen-Dollar-Auftrag für eine landesweite Werbekampagne – der wohl größte Auftrag dieser Art in der Geschichte des Dienstes.

Der Zuschlag ging an Avvy LLC, eine kleine Firma aus Fairfax, Virginia, die zuvor noch nie einen Bundesauftrag gewonnen hat. Berichten zufolge wurde der Auftrag ohne vorherige öffentliche Ausschreibung vergeben. Avvy soll nun binnen eines Jahres mehr als 41.000 Bewerberinnen und Bewerber liefern – etwa die Hälfte des Gesamtziels von rund 80.000. So viele Bewerber brauche man ungefähr, um am Ende das Ziel von 4.000 hochqualifizierten Neueinstellungen zu erreichen. „Das ist eine gewaltige Kampagne für sie. Es ist beispiellos“, sagt ein ehemaliger ranghoher Heimatschutzbeamter.
Dass die Rechnung aufgeht, bezweifeln viele. Behördensprecher Anthony Guglielmi betont, die Kampagne solle die Behörde „richtig dimensionieren und angemessen besetzen, um den Anforderungen einer erheblich erhöhten Mission gerecht zu werden“. Doch Fachleute warnen vor Engpässen. „Die entscheidende Frage ist immer noch: Das Unternehmen liefert 41.000 Bewerber, und dann?“, sagt ein früherer Personalverantwortlicher der Behörde. „Man bekommt sie trotzdem nicht auf die Straße.“
Ein Nadelöhr aus Lügendetektor und AusbildungDenn der Weg in den Secret Service ist lang, zermürbend und bürokratisch. Mehrere Bewerbungsrunden, eine intensive Sicherheitsüberprüfung und ein berüchtigt harter Lügendetektortest sieben Kandidaten aus. Zuletzt haben außerdem Fragen zu Drogenkonsum und finanziellen Problemen manche junge Rekruten disqualifiziert, auch der Fitnesstest wird in der chronisch übergewichtigen Nation immer mehr zur unüberwindbaren Hürde.
Hinzu kommt ein Flaschenhals in der Ausbildung. Alle neuen Agenten müssen rund drei Monate am zentralen Ausbildungszentrum FLETC in Glynco (Georgia) durchlaufen – gemeinsam mit Rekruten anderer Behörden. Und dort herrscht Hochbetrieb: Die Einwanderungsbehörde ICE und die Grenzpolizei stellen im Zuge von Trumps Migrationskurs aggressiv ein. Die Sorge mancher früherer Beamter ist daher, dass die dringend benötigten Secret-Service-Rekruten hinter ICE und Border Patrol zurückstehen könnten.
Dass ein ähnliches Modell schon einmal scheiterte, dämpft die Hoffnung auf den Erfolg der Kampagne zudem deutlich. In Trumps erster Amtszeit schloss die Grenzbehörde CBP einen 300-Millionen-Dollar-Vertrag mit Accenture, um 7500 Kräfte zu gewinnen. Am Ende half der Konzern, ganze 15 Beschäftigte einzustellen. Der Vertrag wurde gekündigt.
Aber immerhin ein paar Lichtblicke gibt es. In den ersten rund fünf Monaten des Jahres 2025 gingen mehr als 22.000 Bewerbungen ein – ein Plus von über 200 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Für das Haushaltsjahr 2026 rechnet die Behörde mit mehr als 1000 neuen Special Agents und mehr als 400 Polizeibeamten.
Doch selbst bei maximalem Einstellungserfolg bleibt die Aufgabe gigantisch. Secret-Service-Vizedirektor Quinn prognostiziert daher: „Egal, was passiert, es ist mir egal, wie erfolgreich wir sind – es wird trotzdem ein rauer Sommer.“ (Quellen: Washington Post, NBC 1, NBC 2, The Washington Sun, The National Pulse) (cel)
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