Winfred Gaul war ein Farbvirtuose, ein deutscher Kosmopolit – und zu Lebzeiten berühmter als heutzutage. Wie gut, dass das Werk des Düsseldorfer Künstlers nun im Kunstpalast anregend ausgebreitet wird.
15.10.2026 · 10:32 Uhr
Spielt mit der Ästhetik von Verkehrsschildern: Winfred Gaul, Autobahn II, 1965
Foto: Kunstpalast / LVB-ZMB, Anette Hiller, ARTOTHEKDüsseldorf · Winfred Gaul war ein Farbvirtuose, ein deutscher Kosmopolit – und zu Lebzeiten berühmter als heutzutage. Wie gut, dass das Werk des Düsseldorfer Künstlers nun im Kunstpalast anregend ausgebreitet wird.
Wer neugierig oder vielleicht versessen auf Malerei ist, sollte beim bildnerischen Kammerspiel im Kunstpalast auf seine Kosten kommen. In einer anregenden Schau gilt es Winfred Gaul wieder- oder neu zu entdecken, den Düsseldorfer Maler (1928-2003), der Zeit seines Lebens berühmter war als heutzutage und der immer nur malen wollte. Da sein Leben in der Jugend maßgeblich durch die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und die kunstfeindlichen Umtriebe der Nationalsozialisten geprägt war, verwundert es nicht, dass er 1953, mit nicht einmal 30 Jahren, beschloss, nie wieder gegenständlich zu malen. Er wollte weder ideologische noch akademische Vorgaben auf seinem künstlerischen Weg akzeptieren.
So berichten die rund 90 thematisch sortierten Werke von einem ernüchterten, wenn nicht durch das Weltgeschehen erschütterten Abstrakten, dem es im Konzert der gerade in Düsseldorf aufbrechenden Nachkriegsgeneration gelang, stets neue und unverwechselbare Bildlösungen zu entwickeln. Das Abwandeln und Wiederholen seiner eigenen Motive bestimmten seine Arbeit über 50 Jahre hinweg, er war international viel unterwegs, pflegte Künstlerfreundschaften. Er war ein deutscher Kosmopolit.
Dem 2020 gestorbenen Sammler Willi Kemp und der Freundschaft zwischen den beiden fast gleichalten Männern verdankt das Museum dank Kemps Schenkung die reiche Sammlung von Gauls Werk, die alle Phasen eines wahren Farbvirtuosen umfasst, der sehr früh schon auf der Documenta II gefeiert wurde: Da war er noch ein Informeller, der kaum später als Signalschildermaler im öffentlichen Raum auffiel, der außerdem zart malender Bilderdichter oder experimentierfreudiger Wischbilderproduzent war.
Auf jeden Fall kompromisslos – das war Winfred Gaul, konstatiert Kuratorin Therés Lubinetzki. Dank seiner hohen Wandlungsfähigkeit habe er stilistische Grenzen überwinden können. Farbe, Linie und Form waren ihm grundsätzlich der Untersuchungsgegenstand – in seinen farbig beredten Versuchsfeldern zog er die Linie als Spur von Bewegung und Zeit.
Sehr kleine wie riesengroße Formate erzählen Geschichten seiner Generation. Sie können zart sein oder eruptiv, monochrom oder grell bunt. Gauls Bilder sind Zeitzeichen. Rot-Blau-Grün in knalliger Substanz hat er auf seinen Signalbildern aufgebracht, mit Lack auf Spanplatte. Anfang der 1960er-Jahre war er offenbar beeinflusst von den Strömungen der Pop Art. Und in den Straßen mit dem Auto unterwegs, fielen ihm die Autoschilder jener Zeit mit Geschwindigkeitsbeschränkungen und Überholverboten auf.
Die Alltagswelt trat damals international in die Kunst ein, so auch bei Gaul, dessen Signalserien in den Straßenraum gelangten. Sie ähnelten von der Struktur her Straßenschildern, waren indes frei von jeglichen Anweisungen. Anstatt real existierende Schilder zu kopieren, so die Kuratorin, entwickelte er aus ihren formalen Elementen und ihrer universellen Ikonografie ein eigenständiges Zeichensystem, das er in immer neuen Variationen ausmalte. Der Humor und das Konzeptverliebtsein jener Jahre fanden darin zaghaft Ausformung.
Winfred Gaul, Ohne Titel, 1968
Foto: Kunstpalast / bildarbeit, Henning Krause/bildarbeit, Henning KrauseIm Jahr 1962 war erstmals ein drei mal drei Meter großes „Verkehrszeichen“ an der Autobahn zwischen Mailand und Monza installiert worden, in Deutschland erlebte man das auf Straßen von Berlin bis zum Eifelstädtchen Monschau.
In der Ausstellung hat man die Werkreihe der Verkehrszeichen und Signale vor ein raumhoch hochgezogenes Foto einer Aktion im Straßenraum gestellt.
Überhaupt hat sich das Kuratorenteam Mühe gegeben, Winfreds Gauls Bilderwelten anschaulich aufzubereiten. Im neuen Ausstellungssaal auf dem zweiten Stock des Kunstpalasts helfen fein formulierte Texte ins Thema, die Durchgänge sind farbig markiert. In jedem Raum wird ein Erlebnis möglich, Gefühle nicht ausgeschlossen. So kann man mit viel Fantasie durch des Malers Augen auf den Seerosenmaler Claude Monet schauen, wenn man das Bild „C. Monet in Arizona“, 1988, betrachtet. Es ist fast das Schönste der ganzen Ausstellung.
Winfred Gauls Bilder sind, obwohl er es sicher nicht drauf angelegt hatte, Botschaften eines Malervirtuosen, der Haltung wichtiger nahm als Stil.
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