Der kommissarische Künstlerische Leiter der Rheinoper spricht über schmerzliche Verluste am Haus, problematische Stahlträger, die aufregenden Tage vor der „Meistersinger“-Premiere und wichtige Zeichen der Hoffnung.
13.10.2026 · 13:31 Uhr
Szene aus einer Probe zu Wagners „Meistersingern" in der Rheinoper Düsseldorf.
Foto: SANDRA THEN/DORInterview | Düsseldorf · Der kommissarische Künstlerische Leiter der Rheinoper spricht über schmerzliche Verluste am Haus, problematische Stahlträger, die aufregenden Tage vor der „Meistersinger“-Premiere und wichtige Zeichen der Hoffnung.
Düsseldorf Die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg befindet sich in bewegten Zeiten. Das Düsseldorfer Nein zum Opernneubau, die plötzlich aufgetauchten statischen Probleme im Bühnenturm, schmerzliche Todesfälle – das Haus musste einige Rückschläge verkraften. Gleichwohl ist die (verschobene) Premiere der „Meistersinger von Nürnberg“ am Samstag, 17. Oktober, 17 Uhr, ungefährdet. Marwin Wendt, kommissarischer Künstlerischer Leiter des Hauses, spricht über die Lage.
Mir kam in den letzten Wochen häufig eine Zeile aus dem „Preislied“ von Walther von Stolzing in den Kopf: „Abendlich dämmernd umschloss mich die Nacht“. Ist das so ungefähr ein bisschen der Zustand, in dem sich die Rheinoper in den letzten Wochen befand, Herr Wendt?
WENDT Ja, aber wir haben uns immer dran festgehalten, dass nach dem Abend und der Nacht auch wieder die Sonne aufgeht. Aber tatsächlich ist in kurzer Zeit viel auf uns eingestürzt. Auf der menschlichen Seite mussten wir schmerzliche Verluste beklagen, etwa den sehr traurigen Tod des Dirigenten Antonino Fogliani. Aber auch das, was mit dem Haus passiert – sowohl vor dem Sommer als jetzt zu Beginn der Saison – hat mächtig an uns gerüttelt. Da ist immer noch vieles unklar, vieles ist auch haften geblieben. Aber immer haben wir gesagt: Wir müssen dorthin gucken, wo das Licht ist.
Wie spürt ein großes Haus wie die Rheinoper solche Schmerzen?
WENDT Die Oper ist immer ganz stark mit den Personen verbunden hier, mit einem starken Ensemble, mit den starken Gewerken und allen, die daran mitarbeiten. Da sind solche Verluste schon extrem schmerzhaft.
Wann ging denn wieder das Licht an?
WENDT Buchstäblich als wir nach der Wiederaufnahme von „Madama Butterfly“ und der Verschiebung der „Meistersinger“-Premiere wieder auf die Portalbrücke und in die Bühnentürme konnten, um das Bühnenlicht zu installieren. Wir müssen ja spielen und sichtbar sein. Das war sehr schnell die Reaktion bei uns allen im Haus. Bei aller Enttäuschung und Frustration war sofort der Impuls da, dass es weitergehen muss.
Liegt auch ein Schatten über der Rheinoper, weil alle wissen, dass einer gewissen Zahl von Sängerinnen und Sängern zum Sommer 2027 gekündigt wurde?
WENDT Das sorgt sicherlich für Unruhe und Verunsicherung, wie es bei jedem Intendanzwechsel üblich ist. Aber es war auch immer klar, dass nach der Ära Christoph Meyer ein gewisser Umbruch stattfinden wird. Es war eine sehr kontinuierliche Zeit, auch künstlerisch gesehen, was das Ensemble betraf. Auch wenn es im Persönlichen schwierig ist, tun einem Haus ein gewisser Wandel und gewisse Veränderungen auch gut. Ich glaube, es ist wichtig, dass alle bald wieder sagen können: Jetzt wird mit der neuen Leitung an der Zukunft geplant, damit alles klarer, fassbarer ist.
Zurück zur „Meistersinger“-Verschiebung: Was war genau das statische Problem beim Bühnenturm? Und warum merkte man das so spät und nicht bereits im Sommer?
WENDT Bei den turnusmäßigen Überprüfungen im Sommer kann man nicht immer so tief in die Substanz des Hauses hineingehen. Nun waren bereits Probleme im Bühnenturm bei den Schweißnähten aufgetaucht und im Zuge dessen wurden wir Mitte August darüber informiert, dass bestimmte Stahlträger aus der Form zu gehen beginnen und sich zu verbiegen drohen. Art und Umfang der nötigen Reparaturen konnten anfangs noch gar nicht abgeschätzt werden. Wir wussten zuerst gar nicht, was das für uns bedeutet: Verschieben wir um zwei Tage, fünf Wochen oder drei Monate?
Was wurde gemacht?
WENDT Es wurden neue Stahlträger eingebracht, auch ein 20 Meter langer Querträger, der die Lasten anders verteilt und dadurch wieder eine Stabilität für die nächsten ein bis zwei Jahre gibt. Es ist erst mal eine Interimslösung.
Hat sich die originale Vision des Regisseurs und des Bühnenbildners für die „Meistersinger“ dadurch verändert?
WENDT Wir hatten das Glück, dass es nicht wie in Köln ausgegangen ist, sondern wir mitten im Prozess zu den „Meistersingern“ waren und sich an der Produktion nichts ändern musste. Wir können einige Scheinwerfer an der Position, wie wir sie früher vorgesehen hatten, nicht nutzen. Das können wir aber ausgleichen. Schwieriger ist für uns, die geplanten Wiederaufnahmen einzurichten. Bei denen steht ja ein Beleuchtungskonzept. Und wenn wir das nicht in dem vorgesehenen Zeitrahmen umsetzen können – nämlich in wenigen Stunden –, dann haben wir ein Problem, das im laufenden Betrieb einzutakten. Wir wissen also nicht, ob das noch Auswirkungen auf den Spielplan haben wird. Ich hoffe, dass wir Lösungen finden, aber ganz ausschließen kann ich's im Moment noch nicht.
Aber letztlich ist es doch so, dass die Verschiebung der „Meistersinger“-Premiere um nur eine Woche fast doch wieder ein Glücksfall ist, weil es dann doch relativ schnell ging, oder?
WENDT Dass wir die Wiederaufnahme von „Madama Butterfly“ absagen mussten – mit all den Folgen etwa für Sänger, die Rollen einstudiert haben oder Debüts geben wollten –, war natürlich wahnsinnig schmerzhaft. Das betrifft auch den Verlust von Vorstellungen und Einnahmen, betrifft Zusatz- oder Ausfallkosten. Aber letztendlich haben wir bei den „Meistersingern“ Riesenglück gehabt. Wir hatten das Glück, dass das Team verfügbar war, dass wir die Solisten zusammenbekommen haben und dass uns das Orchester noch zur Verfügung stand. Eine Woche später ist es nämlich auf Tournee. Dann hätten wir die Premiere nicht mehr stemmen können.
Wie läuft es gerade bei den „Meistersingern“?
WENDT Wir sind mitten in den Bühnenorchesterproben und wissen: Das wird gut über die Bühne gehen. Und die Produktion ist auch deshalb wichtig, weil wir doch das Gefühl haben, dass nicht alle verstanden haben, wie wichtig Oper und Kultur in der aktuellen Zeit sind.
Es gibt nicht viele Häuser, die ein Stück wie die „Meistersinger“ derartig personaldeckend aus dem eigenen Ensemble besetzen können.
WENDT Absolut. Durch die Theaterehe mit Duisburg sind wir ein unglaublich potentes Haus. Der langjährige Generalintendant Christoph Meyer, der aus gesundheitlichen Gründen leider nicht wie ursprünglich vorgesehen bis 2027 bleiben konnte, hat stets vehement für diese Ehe gekämpft. Wir sind sehr froh, dass wir durch ihre Verlängerung jetzt eine Zukunftsperspektive haben, auch wenn es an vielen anderen Punkten eng wird, finanziell wie auch bautechnisch.
Können Sie uns schon verraten, was die Besucher der „Meistersinger“ rein optisch erwarten wird? In welcher Zeit, in welchem Nürnberg befinden wir uns?
WENDT Es gibt verschiedene Zeiten, in denen das Stück spielt. Sicherlich nicht in der Zeit, in der Wagner das Stück angesiedelt hat, aber es umfasst alles. Es umfasst die deutsche Geschichte. Es umfasst das Heute, und es umfasst die Zukunft. Daniel Kramer, der Regisseur, hat als Amerikaner auch eine spezielle Sicht. Er sagt: Was er in dem Stück liest, ist ganz grundsätzlich die Kunst, die in Gefahr ist. Und für die Kunst steht Hans Sachs ein. Doch ob sie heute noch so wertgeschätzt wird, da brauchen wir ja gar nicht ins Stück zu gehen, da können wir einfach vor die Tür gucken. Es wird auf jeden Fall sehr kurzweilig und unterhaltsam, das kann ich jetzt schon sagen. Die Komödie darf und soll bei den „Meistersingern“ auch nicht zu kurz kommen.
Es wird offenbar eine politische Komponente der Produktion geben?
WENDT Kunst ist in einer gewissen Form immer politisch. Natürlich wird das auch in dieser Inszenierung sichtbar werden, aber nicht mit dem Holzhammer. Es geht um die Fragen, wo wir als Gesellschaft stehen und wie wir uns durch die verschiedenen Zeitperioden bewegen.
Ursprünglich sollte der langjährige GMD Axel Kober dirigieren, der aber aus familiären Gründen absagen musste.
WENDT Ja, das haben wir alle sehr bedauert. Christoph Gedschold, der jetzt dirigiert, ist hier nicht ganz unbekannt. Er hat vor knapp zwei Jahren eine Aufführung des „Fliegenden Holländers“ gerettet, und er kam sowohl beim Ensemble als auch beim Orchester sehr gut an. Er hat dann an der Rheinoper noch „Hänsel und Gretel“ dirigiert, ein Werk, das sehr gerne unterschätzt wird. Gedschold war unter anderem von 2022 bis 2024 Musikdirektor in Leipzig und hat an vielen großen Häusern in Europa dirigiert, auch die „Meistersinger“. Wir wissen: Wagner macht er ganz großartig.
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