Wegen der Zunahme psychischer Krankheiten gibt Grossbritannien enorme Summen an Fürsorgegeldern aus. Nun versucht die neue Regierung mit Präventivmassnahmen gegenzusteuern, aber angesichts der leeren Staatskasse ist die Zeit knapp.
Wegen der Zunahme psychischer Krankheiten gibt Grossbritannien enorme Summen an Fürsorgegeldern aus. Nun versucht die neue Regierung mit Präventivmassnahmen gegenzusteuern, aber angesichts der leeren Staatskasse ist die Zeit knapp.
19.10.2026, 05.31 Uhr
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Geography Photos / Universal Images Group / Getty
Die Entwicklung ist alarmierend. Rund ein Viertel der britischen Bevölkerung ist wirtschaftlich inaktiv. Damit sind Personen gemeint, die weder einer Arbeit nachgehen noch als Arbeitslose auf Jobsuche sind. Und die Zunahme ist so stark wie in keinem anderen westlichen Land. Das hat vor allem mit der wachsenden Verbreitung psychischer Krankheiten zu tun. Mehr als ein Drittel der Briten zwischen 18 und 24 Jahren haben eine entsprechende Diagnose. Vier Millionen, also etwa ein Zehntel aller Bürger zwischen 16 und 65 Jahren, erhalten Sozialleistungen, weil sie aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten können. Der Anteil der Jungen ist dabei auffallend hoch.
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Für einen Staat wie Grossbritannien ist das eine enorme finanzielle Belastung. Das Land hat Schulden von umgerechnet über 3 Billionen Franken angehäuft. Das entspricht 94 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Die Wirtschaft stagniert, die Produktivität ist gering, die Steuern steigen. Seit Jahren wird deshalb diskutiert, wie man bei den Sozialleistungen sparen könnte.
Zahlungen nach dem GiesskannenprinzipBesonders in der Kritik stehen die Personal Independence Payments (PIP). Das sind Zahlungen, die aufgrund von Behinderungen oder körperlichen beziehungsweise psychischen Krankheiten ausbezahlt werden, und zwar unabhängig davon, ob jemand arbeitet oder nicht. Es handelt sich um fixe Beträge, unabhängig vom Einkommen. Die Kosten nehmen rasant zu und betragen gegenwärtig umgerechnet etwa 40 Milliarden Franken pro Jahr. Auffällig ist, dass auch hier unter den Bezügern der Anteil der Personen mit Diagnosen wie ADHS oder Autismus sowie Angstzuständen stark ansteigt.
Das Problem wird in den britischen Medien heiss debattiert. Konservative und Wirtschaftsliberale weisen darauf hin, dass der Staat immer mehr Geld ausgebe, das er eigentlich gar nicht habe, ohne dass eine Verbesserung der Situation absehbar sei. Zudem erfolge die Hilfe nach Giesskannenprinzip, ohne Prüfung der individuellen Bedürftigkeit. Es fehle der Anreiz für eine Integration ins Arbeitsleben, heisst es.
Linke hingegen weisen darauf hin, dass die Zahl der Personen mit einer diagnostizierten, psychischen Erkrankung tatsächlich zunehme und dass die Zulassung für die Zahlungen erst nach langwierigen Abklärungen vorgenommen werde. Manche fordern sogar höhere Zahlungen, weil es den meisten Empfängern trotz der finanziellen Unterstützung schlecht gehe. Betroffene weisen auch darauf hin, dass Behinderungen oft mit Mehrkosten verbunden seien, unabhängig davon, ob jemand arbeite oder nicht. PIP mildere diese Zusatzbelastung ab.
Eine von der Regierung eingesetzte Kommission, die das gegenwärtige System einer umfassenden Überprüfung unterzog, kam in der sogenannten Timms Review zwar zu dem Schluss, es sei nicht mehr zweckmässig: Es sei bürokratisch und kompliziert und dabei einerseits teuer, trage aber andererseits den individuellen Bedürfnissen trotzdem nicht angemessen Rechnung. Doch wie es reformiert werden soll, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.
Ausweg aus der PattsituationDie Situation ist festgefahren: Die Rechten fordern Einsparungen, die angesichts der leeren Staatskasse notwendig, aber extrem unpopulär sind. Die Linken fordern mehr Geld für Kranke, Arbeitslose und aus dem Arbeitsprozess Ausgeschiedene – das schlichtweg nicht vorhanden ist.
Die neue Regierung unter Premierminister Andy Burnham versucht die Pattsituation mit einer Art drittem Weg aufzulösen, den sie «präventiven Wohlfahrtsstaat» nennt. Sie möchte die Sozialausgaben senken, indem die Ursachen der Misere behoben werden. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Prophylaxe und früherer Intervention. Menschen mit psychischen Problemen sollen rascher als bisher professionelle Hilfe erhalten, bevor sie ihre Stelle verlieren oder ganz aus dem Arbeitsprozess ausscheiden.
In der Tat lautet eine häufige Kritik am Nationalen Gesundheitsdienst (NHS), dass oft einfach finanzielle Hilfe anstelle von Therapie offeriert werde. Die Vermittlung von Hilfe dauert wegen der Überlastung der Dienste oft Monate oder sogar Jahre. Je länger jemand nicht mehr arbeitet, desto schwieriger wird es jedoch, wieder einzusteigen. So drohen Chronifizierung und Hospitalismus. Fürsorgeabhängigkeit wird an manchen Orten geradezu zu einem normalen Lebensstil. In der verarmten nordenglischen Stadt Grimsby oder in Walton, einem heruntergekommenen Vorort von Liverpool, wo jeder zweite Haushalt staatliche Hilfe bezieht, gibt es Familien, die schon in dritter Generation von der Fürsorge leben. Oft existieren zudem absurd hohe bürokratische Hürden, um überhaupt wieder aus dem Fürsorgesystem herauszukommen, selbst wenn jemand möchte. Die Strategie der Regierung sieht deshalb vor, dass die psychologische und medizinische Betreuung mit Arbeitsvermittlungs- und Rehabilitationsprogrammen verknüpft wird.
Nur indirekt mit der Sozialhilfe hängt die Reform des Bildungswesens zusammen, die Burnham zu einem Kernpunkt seines Regierungsprogramms erklärt hat. Er möchte die stark akademische Ausrichtung der Schule auffächern. Denn tatsächlich gibt es für britische Jugendliche, die es nicht an die Universität schaffen, nur beschränkte Möglichkeiten für eine professionelle Karriere. Deshalb soll die praxisorientierte, handwerkliche und insbesondere technische Bildung ausgebaut werden, analog zum dualen System in der Schweiz mit Lehrstellen, die Praxis und Theorie kombinieren.
Die Schaffung von beruflichen Perspektiven für Junge, die im heutigen System oft einfach unqualifiziert bleiben, könnte langfristig die wichtigste Massnahme sein, um die Abhängigkeit von Sozialhilfe zu verringern. In Gross-Manchester, wo Burnham von 2017 bis 2026 Bürgermeister war, hat man mit dem System auf jeden Fall gute Erfahrungen gemacht. Da es jedoch erst 2023 umgesetzt wurde, ist es noch zu früh, um den Einfluss auf die Zahl der Sozialhilfeempfänger zu messen.
Die Langfristigkeit ist generell der heikle Punkt dieser Reformen, mit denen die Ursachen der Misere behoben werden sollen. Ihre Wirkung wird nicht von heute auf morgen eintreten, im Gegenteil: Sie brauchen zusätzliche Vorabinvestitionen. Der finanzielle Druck auf das Budget infolge der enormen Sozialausgaben verlangt jedoch sofortige Einsparungen. Die Überholung des dysfunktionalen Systems ist angesichts der leeren Staatskasse ein Wettlauf gegen die Zeit.
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