Die Huthi in Jemen sind nicht nur ein bis an die Zähne bewaffneter kriegerischer Haufen, sie haben in den letzten zehn Jahren auch einen Staat gebaut, den sie mit eiserner Hand führen. Einblicke in eine dunkle Herrschaft.
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Die Huthi in Jemen sind nicht nur ein bis an die Zähne bewaffneter kriegerischer Haufen, sie haben in den letzten zehn Jahren auch einen Staat gebaut, den sie mit eiserner Hand führen. Einblicke in eine dunkle Herrschaft.
Petra Ramsauer18.10.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten

Amr Alfiky / Reuters
An den Huthi prallt alles ab. Die schiitische Miliz in Jemen, die sich «Gefährten Gottes» (Ansar Allah) nennt, scheint unzerstörbar. Weder Luftangriffe der amerikanischen Armee noch militärische Offensiven Saudiarabiens konnten den Huthi etwas anhaben. Weshalb scheinen diese Krieger aus den jemenitischen Bergen unbesiegbar?
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Ein Blick in das Land am Golf von Aden gibt da Aufschluss. Denn die Huthi sind nicht nur eine schiitische Miliz, die von Teheran aufgerüstet wird und in dessen Auftrag in den Krieg gegen die USA und Israel zieht. Sie sind eine fanatische religiöse Bewegung mit Grossmachtphantasien und, was oft übersehen wird, ein Staat.
Seit über einem Jahrzehnt kontrollieren sie ein Drittel Jemens. 80 Prozent der 42 Millionen Jemeniten leben unter ihrer Herrschaft, ihrer Repression, ihrem Terror. Mit der Eroberung der Hauptstadt Sanaa 2014 haben sie auch faktisch die Regierung und die Administration des Landes übernommen.
Staat im Staat«Dabei sind sie durchaus pragmatisch vorgegangen», sagt die aus Jemen stammende Schweizer Politikwissenschafterin Elham Manea: «Sie haben die Ministerien und die erfahrenen Mitarbeiter der Administration im Amt belassen, aber an die Seite von Entscheidungsträgern Supervisoren aus ihren Reihen gestellt.»
Gleichzeitig haben sie aber auch parallele Strukturen aufgebaut, einen Staat im Staat sozusagen, um die Macht abzusichern. Eine Propagandaabteilung gehört etwa dazu, die sich vor allem um die für die Bewegung äusserst wichtigen sozialen Netzwerke kümmert, ein Geheimdienst, ein Aussendepartement.

Yahya Arhab / EPA
Die offiziell höchste Kommandoebene im Huthi-Land ist der Jihad-Rat mit neun Mitgliedern. Doch die eigentliche Macht liegt in den Händen nur eines Mannes: des 47-jährigen Abdelmalik al-Huthi. Im Land hängen vielerorts grosse Plakate mit seinem Porträt.
Dabei hat er keine offizielle Rolle im Reich der Huthi, scheint keine formale Ausbildung genossen zu haben und dürfte in seinem Leben nie ins Ausland gereist sein. Den Grossteil seiner Zeit verbringt er in den Bergen der Provinz Saada im Nordwesten des Landes, der Hochburg der Huthi. Hier gibt es kein Mobilfunknetz, hier findet ihn niemand, auch keine Raketen aus Saudiarabien oder den USA.
Abdelmalik Huthi ist jedoch nicht nur Staatsoberhaupt, er ist auch der religiöse Führer der Bewegung. «Der Huthi-Clan behauptet, von der Familie des Propheten Mohammed abzustammen und deshalb ein göttliches Recht zu haben, das Land zu führen. Nicht bloss Jemen, sondern die gesamte islamische Welt. Das ist ihr Ziel», sagt Ali al-Bukhaiti. Er spielte lange eine zentrale Rolle in der Bewegung, 2013 war er gar ihr Sprecher. Ein Jahr später ging er ins Exil.
Den Gedanken, dass ein Huthi als Nachkomme des Propheten geradezu göttliche Befugnis zur Macht im Staat haben soll, leiten sie aus ihrer radikalisierten Lesart der schiitischen Strömung der Zaiditen ab.
In den von ihnen kontrollierten Gebieten sorgten die Huthi für ein gewisses Mass an Sicherheit und Ordnung. «Der Schutz der Menschen basiert aber nicht auf Institutionen oder gar Rechtsstaatlichkeit, sondern auf Einschüchterung, Angst und Terror. Das ist jene Form von Sicherheit, die Terroristen wie der Islamische Staat oder al-Kaida ausüben», sagt Ali al-Bukhaiti.

Khaled Abdullah / Reuters
Die Huthi haben einen Überwachungsstaat aufgebaut. Sie haben die Telekommunikationsnetze übernommen, einen eigenen Geheimdienst geschaffen und nutzen modernste Technologie zur Kontrolle und Repression der Bevölkerung.
«Die Menschen können nicht mehr atmen», schildert ein Mann, der aus dem Gebiet geflohen ist, Journalisten der Nachrichtenagentur Reuters die Stimmung. «Ich wurde ein Jahr lang in einer unterirdischen Zelle festgehalten, weil ich in einer Versammlung von ein paar Leuten etwas gegen die Huthi-Herrschaft gesagt habe.»
Wer nicht zum Huthi-Clan und ihren Verbündeten gehört, rückt an den Rand der Existenz. In dem völlig verarmten Land entwickelte sich so eine Zweiklassengesellschaft. Während Lehrer und medizinisches Personal seit Jahren nicht bezahlt werden, sind in Sanaa neue Stadtviertel entstanden, wo die Clique um die Machthaber alle Annehmlichkeiten des Lebens geniessen kann. Wer jedoch gegen sie ist, dem drohen Enteignung, Verhaftung oder vielleicht der Tod.
Hilfslieferungen aus dem Ausland gestatten die Huthi nur, wenn sie selbst die Verteilung übernehmen können. Die Hälfte der Bevölkerung gilt als bedrohlich unterernährt.
Gleichzeitig generierten die Huthi Einnahmen von umgerechnet 2,3 Milliarden Schweizerfranken pro Jahr: Jemenitische Unternehmen müssen einen Fünftel ihres Einkommens abgeben, ein Teil des Erlöses stammt auch vom Drogen- und Waffenschmuggel.
Die wohlhabende Führung propagiert indes Armut als Tugend. Die miserablen Verhältnisse werden umgedeutet, man sei im «Reich der Fleissigen, Frommen und Genügsamen» und setze sich so von dekadenten Mächten wie dem saudischen Königshaus ab, die man bekämpfen müsse. Dafür nutzen sie nicht nur Propagandaparolen, sondern setzen auch traditionelle Poesie ein, die dem Führer der Gruppe huldigt.

Eine wesentliche Charakteristik der Führungsschicht ist ausgeprägte Paranoia, vor allem dem Westen gegenüber. Jeder Hilfe von aussen wird Misstrauen entgegengebracht. So wird zum Beispiel die Impfung von Kindern als Versuch verurteilt, die Geburtenrate der Bevölkerung zu reduzieren. Mitarbeiter der Vereinten Nationen und von Menschenrechtsgruppen werden von den Huthi als Spione verhaftet, kürzlich wurden acht humanitäre Helfer im August angeklagt: Ihnen droht zum Teil sogar die Todesstrafe.
Der erste Anführer der Huthi war Hussein al-Huthi, er rebellierte in den 1990er Jahren mit seinen Männern gegen die Vernachlässigung der schiitischen Minderheit im Land. Seine Schriften sind mittlerweile Teil der Schulcurricula.
Hussein al-Huthi wurde 2004 getötet, damals übernahm sein Bruder Abdelmalik. Er begann einen jahrelangen Konflikt mit der jemenitischen Zentralregierung. Nach den Protesten des Arabischen Frühlings und dem Rücktritt des Langzeitpräsidenten Ali Saleh nutzten die Huthi das Chaos der Übergangszeit für einen Angriffskrieg. Sie konnten die Hauptstadt und Teile des Nordwestens einnehmen. Ein Bürgerkrieg gegen die Truppen der international anerkannten Regierung des Landes und mit ihnen verbündete Stammeskämpfer folgte. Auch die Saudi und die Emirate griffen damals schon in den Konflikt ein. Ohne Erfolge zu erzielen.
Eine leise HoffnungDurch diese Kriegsjahre wurden die Huthi noch radikaler. Ihre Gesinnung verdichten die Huthi zu Slogans, die bei Massenkundgebungen skandiert werden: «Gott ist gross», «Tod den USA und Tod Israels, Sieg für den Islam». «Diese Kundgebungen sind beeindruckend, aber es ist unklar, wie viel Druck auf die Menschen ausgeübt wird, teilzunehmen», sagt die Anthropologin Marieke Brandt, Jemen-Expertin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, die Jahre in dem Land verbracht hat.
In ihrer Ideologie ist der Antisemitismus tief verwurzelt. Dass sie seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel und dem Gaza-Krieg als Speerspitze des Regimes in Teheran auftreten, hat aber auch damit zu tun, dass die Huthi an internationalem Status gewinnen möchten. «Das Thema Palästina ist in Jemen tatsächlich populär», betont Brandt. Andererseits sei die Dauermobilisierung der Bevölkerung ermüdend und abschreckend.

Amr Alfiky / Reuters
350 000 Kämpfer hat die Gruppe unter Waffen, nach eigenen Angaben sollen es sogar mehr als eine Million sein. Auch Kindersoldaten sind im Einsatz. Bereits 7-Jährigen wird hier das Putzen von Waffen beigebracht und wie man bei Raketenangriffen Deckung sucht. Zwei Drittel aller jungen Burschen nehmen an Sommercamps teil, wo sie indoktriniert und für den Einsatz in der Miliz gedrillt werden.
Auch weibliche Einheiten sind im Einsatz. Die Zainabiyyat, benannt nach der Tochter des Propheten Mohammed, spionieren Treffen von Frauen aus, durchsuchen Privathäuser nach versteckten Söhnen, damit sie rekrutiert werden können, und sie überwachen die Verschleierung von Frauen im öffentlichen Raum. Im Huthi-Reich dürfen Frauen nur mit männlicher Begleitung in den öffentlichen Raum. Kaffeehäuser, die auch weibliche Gäste empfangen haben, wurden geschlossen.
Trotzdem wagen die Menschen Widerstand, wie Elham Manea erzählt: «Bei Hochzeiten in Sanaa singen die Gäste seit einiger Zeit zu Beginn die Hymne der Republik Jemen, als Zeichen, dass sie nicht aufgegeben haben, an sie zu glauben.»
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
7 Kommentare
Vinzenz Hohl
Heute
Der wichtigste Aspekt scheint mir nicht beleuchtet worden zu sein? Wer finanziert diesen Terrorstaat? Nur Iran?
Marc Anderson
Heute
Wie Jabba der Huthi, wie wurde der in Star Wars besiegt, Leia benutzte ihre Kette, gibt‘s keine Prinzessinnen im Jemen ?
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