Profigärtner der Botanischen Gärten Bonn zeigen, wie man Saatgut richtig erntet, reinigt und lagert – von der Ernte im Herbst bis zur mehrjährigen Lagerung.
Samenfestes Saatgut reinigen und lagern: ein Profi-Gärtner verrät seine Tricks für Ernte, regelrechte Reinigung und sichere Lagerung.
16.10.2026
5 Minuten

Wenn im Nutzpflanzengarten der Botanischen Gärten in Bonn die Tomaten rot leuchten und Hibiskuskapseln aufplatzen, beginnt die Hauptarbeit des Gartenjahres: die Saatguternte. Ende September führten Sarah Goldschmitt und Christian Kunath bei der „Botanischen Mittagspause“ durch die Beete. Beide Mitarbeitende der Botanischen Gärten sind für die Gewinnung, Ernte, Sortenreinheit sowie die Aufbereitung und Reinigung von Saatgut zuständig.
„Die meisten Samen, die man so kennt, werden im September, Oktober reif“, sagt Christian Kunath. Wer aus dem Garten etwas zurücklegen will, sollte jetzt handeln. Besucher wundern sich im Botanischen Garten oft über Früchte, die am Stängel faulen. Das ist Absicht: „Wir wollen nicht die frischen Früchte essen, wir wollen Ergebnisse haben.“

Im sonst nicht öffentlichen Saatgutreinigungsraum zeigt Christian Kunath, wie er die Samen einsammelt: Am geeignetsten findet er Zigarrenkisten und papierene Versandtaschen, die sich gut beschriften lassen. Für große Mengen kommen Obstkisten und alte Bettlaken zum Einsatz. Sein Tipp: Ist das Erntegut noch klamm, sind offene Kisten besser als Taschen. Viele Besucherïnnen verfolgen die weiteren Erklärungen durchs geöffnete Fenster des engen Raums gespannt.
Schneller als der WindOb ein Samen reif ist, zeigt ein einfacher Test: Die schon etwas angetrockneten Triebe aufbrechen, die Früchte zwischen den Fingern verreiben: Fallen Körner heraus, kann geerntet werden. Bei Hibiskus oder Tagetes gilt es, schneller zu sein als der Wind, der die Samen sonst verstreut.
Eine der drängendsten Fragen, die sich für die vielen Besuchenden stellen, ist: Darf man selbst im Botanischen Garten ein paar Samen abstreifen und mitnehmen?
Christian Kunath verpackt seine Antwort in einen diplomatisch formulierten Rundumschlag: Rechtlich sei das Sammeln im eigenen Garten unproblematisch. In Landschaftsschutzgebieten sei es streng verboten, selbst Gärtnerïnnen des Botanischen Gartens dürften dort nur mit Genehmigung sammeln. Im Ausland sei zudem Vorsicht geboten, etwa in Südafrika oder Mexiko, wo Saatgut im Reisegepäck am Zoll „richtig Ärger“ machen kann.
Seit dem Jahr 1975 regelt der Washingtoner Artenschutzübereinkommen den weltweiten Handel von Tier- und Pflanzenarten. Für bestimmte geschützte Pflanzarten wie beispielsweise mexikanische Kakteen ist die Ausfuhr von Samen gemäß dem Abkommen ausdrücklich untersagt.
Im Botanischen Garten schließlich dürften nur die dort angestellten Gärtnerïnnen die Samen, Körner, Kerne, Nüsse und was es sonst noch so an Vermehrensfähigem gibt, abernten. Die Besucherinnen seufzen hörbar auf.
Sammeln und sortenrein vermehrenWer sortenrein Pflanzen vermehren möchte, hat es nicht ganz leicht. Im Gartenhandel sind F1-Hybride üblich, also Nachkommen der ersten Generation (Filialgeneration 1) aus der Kreuzung zweier genetisch unterschiedlicher Elternlinien. Aus ihnen wachsen in der Folgegeneration Pflanzen mit aufgespaltenen Merkmalen. Sie sind also nicht mehr sortenrein. Dafür braucht es samenfeste Sorten, die es nur noch bei Liebhabern und auf speziellen Pflanzenmärkten gibt. Sie behalten die Eigenschaften der Mutterpflanze, wenn man ihre Samen wieder aussät. Der Botanische Garten gibt an andere Botanische Gärten nur samenfestes Saatgut ab.
Wer samenfestes Saatgut selbst ernten will, sollte bereits bei der Pflanzung darauf achten, dass sich die verschiedenen Sorten nicht bei der Blüte kreuzen. Kohl, Rittersporn und Kürbis kreuzen sich leicht; die Gärtnerïnnen lassen daher nur eine Sorte blühen. Wenig problematisch sind Tomaten, die sich weitgehend selbst bestäuben. Zeigt sich im nächsten Jahr doch eine unerwünschte Kreuzung, wird diese verworfen und die Gärtnerïnnen greifen im Folgejahr auf älteres Saatgut zurück.
Trockene und nasse SamenverarbeitungTrockenes Erntegut gehört offen und luftig an einen warmen Ort, etwa auf den Dachboden. Draußen klappt das im feuchten Herbst selten. Fleischige Früchte wie Gurken, Paprika und Tomaten müssen dagegen sofort verarbeitet werden, sonst locken sie Fruchtfliegen an und faulen. Zum Waschen eignen sich Kunststoffsiebe. Metallene Küchensiebe gehen auch. Doch sobald sie mit Wasser in Kontakt kommen, setzen sie Rost an und sollte für das Saatgut nicht mehr genutzt werden.
Bei der Nassreinigung von Tomaten wird die Frucht halbiert, die Gallerte mit den Samen herausgelöst und etwa eine Woche im Glas vergoren. Dann werden die Samen abgesiebt, gewaschen und auf einer Kunststofffolie getrocknet. Einmal getrocknet, können die Samen aus dem weichen, wolligen Gekräusel leicht einzeln ausgelöst werden. Von Krepppapier, das auf Social Media gerne beworben wird, raten die Profis ab: „Ein Stück Folie ist immer noch besser, “ betont Kunath.

Auch die Trockenreinigung braucht Handwerkszeug. Feine Samen von Lippenblütlern wie Oregano oder Rosmarin rubbeln die Gärtnerïnnen mit einem Korkstück durch das Sieb. Die Spreu trennen sie in Schlagschalen oder durch Pusten in leicht rauen Schälchen. Je nach Korngröße braucht es Siebe mit unterschiedlichen Maschungen - mitunter kommt es auf Zehntelmillimeter an. Die Mühe lohnt sich, findet Kunath, denn saubere Samen brauchen weniger Platz, sind leichter zu verschicken und halten besser. Sein Tipp: Feine Teesiebe immer sofort kaufen, wenn man sie sieht. Denn wenn man sie mal sucht, findet man sie nicht mehr.
Ist alles feinsäuberlich aufbereitet, lassen sich auch mögliche Schädlinge leichter erkennen. Der Bohnenkäfer legt seine Eier an grüne Hülsen, die Larven fressen sich durch die Samen und später durch ganze Tütenvorräte. Befallene Bohnen erkennt man an kleinen, kreisrunden, anders gefärbten Stellen. Verdächtige Chargen kommen daher am Besten ins Gefrierfach. „Minus 18 Grad hat bis jetzt noch keiner überlebt, “ sagt Kunath. Dabei seien giftige Pflanzen nicht unempfindlicher als essbare, dämpft er die Hoffnungen der Hobby-Gärtnerïnnen: „Für jede Pflanze gibt es, egal was sie an giftigen Schadstoffen enthält, immer den passenden Schädling.“
Mitunter ist die Samenreinigung auch nicht gerade gesundheitsförderlich. Kleestaub, Borretsch-Härchen und Flughaare von Korbblütlern können Haut und Atemwege reizen. Für die Hobby-Gärtnerïnnen ist daher die Arbeit im Freien oder am offenen Fenster ratsam. Im Saatgutreinigungsraum gibt es seit einigen Jahren drei Absauganlagen. Hier arbeiten über die Wintermonate fünf, sechs Kollegen, die pro Jahr mehrere hundert Saatgutportionen reinigen.
Gefährlich kann es beim Reinigen scharfer Sorten wie Chilis werden, deren Wirkstoff Capsaicin auch bei der Samenernte auf der Haut brennt. Christian Kunath trägt deswegen immer seine Schutzbrille. Schmerzhafter geht es bei Menschen aus, die keine tragen und sich das Gesicht gern anfassen. „Sie haben dann tiefrote Augen, die tränen und können sie nicht mehr öffnen“, warnt er. Das Reinigungswerkzeug für die Chilis ist extra abgepackt. Die Reinigung erfolgt in der Regel nass und nur bei wenigen Chili-Sorten trocken unter der Abzusgshaube.

Saatgut kann in Papierbeuteln oder in Schraubgläsern gelagert werden. Zuvor muss es vollständig trocken sein, sonst droht Schimmel. Plastiktüten taugen kaum, weil sich hier leichte Samen statisch aufladen und herausspringen können. Die Papierbeutel können in Plastiktütchen wiederum problemlos verpackt werden, um sie vor Feuchte zu schützen.
Wichtig ist die Beschriftung mit Art, Sorte und Charge. Die Haltbarkeit hängt von der Art ab: Doldenblütler wie Möhre und Pastinake keimen höchstens ein Jahr zuverlässig. Chili, Paprika, Tomate, Kürbis, Getreide und viele Hülsenfrüchte schaffen bis zu zehn Jahre. Je kühler die Lagerung, desto besser.
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