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Das Milliarden-Raumschiff ist gelandet – George Lucas baut sich ein Museum

Дата публикации: 10-10-2026 03:00:00

Eine Architektur-Ikone, Star-Wars-Memorabilien und ein mäzenatischer Filmproduzent zeigen, dass ein Museum auch ganz anders funktioniert.

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Das Raumschiff ist gelandet: Seit Ende September gehört das «Lucas Museum of Narrative Art» in Los Angeles der Öffentlichkeit.Das Raumschiff ist gelandet: Seit Ende September gehört das «Lucas Museum of Narrative Art» in Los Angeles der Öffentlichkeit.

Bild: Pedro Ramirez/LMNA

Raus mit Michelangelo und rein mit Asterix und Obelix. Aus dem Weg mit Jeff Koons,und an die Wand mit Tim und Struppi, Garfield und Snoopy, Manga-Zeichnungen und Graphic-Novels. Und natürlich mit Luke Skywalker & Co.

Dieses Museum sieht nicht nur anders aus, es funktioniert auch gänzlich anders als jene bürgerlich-klassischen Pilgerstätten, die wir pflichtschuldig abarbeiten, wenn wir auf Städtereisen sind: Das Louvre in Paris, das Pergamonmuseum in Berlin, die Uffizien in Florenz. Hermetisch wirkende Elitebauten, die den Anspruch insinuieren nur Auserwählten sei der Eintritt zugestanden. Schwellenangst ist hier auch noch heute ein bekanntes Phänomen.

Das Museum des chinesischen Star-Architekten Ma Yangsong will Teil der Landschaft sein.Das Museum des chinesischen Star-Architekten Ma Yangsong will Teil der Landschaft sein.

Bild: Lucas Museum of Narrative Art

In der Zeit zurück in die Zukunft

Was aber, wenn es gar keine Schwellen mehr gibt? Kein rechter Winkel überdies und keine gerade Wand. Wenn ein utopischer Ort, verwirrend, doch ästhetisch wie ein unbekanntes Gewächs aus einem fernen Universum, einlädt, es zu erkunden? Mit dem Versprechen, dass man sich in ihm sowohl zurück in die Vergangenheit der Menschheit wie auch in unsere Zukunft beamen kann. Wenn das Vertraute Kopf steht – und so ist es in diesem Fall –, muss sich die Besucherin, der Besucher neu orientieren und alte Denkmuster aufgeben.

Blick in die Austellung. Den Kapitel «Star Wars» nimmt nicht einmal zehn Prozent der Fläche ein.Blick in die Austellung. Den Kapitel «Star Wars» nimmt nicht einmal zehn Prozent der Fläche ein.

Bild: Iwan Baan/LMN

Diese Chance bietet das «George Lucas Museum of Narrativ Art» in Los Angeles. Eine Museumserfahrung als Neubewertung von Bekanntem und Konfrontation mit sich selbst, so ist das hier gemeint. Aber stimmt das denn auch?

George Lucas an der Eröffnung am 22. September.  Seine Frau, die Unternehmerin Mellody Hobson als Mit-Initiantin.George Lucas an der Eröffnung am 22. September.  Seine Frau, die Unternehmerin Mellody Hobson als Mit-Initiantin.

Bild: Caroline Brehman/EPA

George Lucas (82), Filmemacher, Produzent, Unternehmer und Philanthrop lädt ein in sein Museum, und das ist – sein eigener Kopf: Sämtliche der 40 000 Werke stammen aus seiner persönlichen Sammlung. Und diese sprengt sein Interesse für den Weltraumkrieg bei weitem

Lucas sammelt von Fresken der Renaissance über die Historienmalerei des 19. Jahrhunderts bis zur modernen Comickultur und filmischen Artefakten weitschweifig vieles. Er gilt seit fünf Jahrzehnten als manischer Horter und soll sich noch nie von einem seiner Kunstwerke getrennt haben. Bilder, die Mythen erzählen, sind der kleinste gemeinsame Nenner dessen, was er nun ausstellen lässt.

Dabei präsentiert er seine Werke nun nicht klassisch, chronologisch oder entlang kunstgeschichtlicher Gattungsbegriffe oder Stilepochen. Er lässt sie in emotionale und soziale Erfahrungsräume eingliedern: Liebe, Familie, Gemeinschaft, Spiel, Arbeit und andere heissen die verschiedenen Abteilungen seines Museums. Ein Besuch bei Lucas soll jenseits von akademischer Bildung oder kunstgeschichtlichem Wissen möglich sein.

Hier schlägt das neue Herz von Hollywood

Im Herzen von Los Angeles bricht mit der Architekturikone eine neue Zeitrechnung an. Das gilt in Bezug auf die Ästhetik der Museumsbaus  genauso wie für die Definition dessen, was eine derart bewahrende und kanonische Institution sein soll  - und wer sie wofür benutzt.

Das Ergebnis ist eine Win-Win-Situation sowohl für Lucas als auch für Hollywood und die gesamte Westküste. Los Angeles, die Stadt der Mythen und globalen Bildproduktion erhält mit dem Gebäude einen der  spektakulärsten, futuristischsten Träume, den die Statik wahrscheinlich ermöglicht.

Selbstverständlich verfügt das Museum auch über ein grosszügiges Kinos. Dieses steht der Öffentlichkeit zur Verfügung.Selbstverständlich verfügt das Museum auch über ein grosszügiges Kinos. Dieses steht der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Bild: Hufton Crow/LMNA

Das «George Lucas Museum of Narrative Art» ist der Ort, der sich den Bildfantasien gewidmet, die die grossen Mythen der Menschen erzählen. Der Erfindung des amerikanischen Westens zum Beispiel, oder Science Fiction und Fantasy.

An diesem Kapitel kommt auch «Star Wars» vor. Noch nie gezeigte Produktionsmaterialien, Requisiten, Filmfahrzeuge werden hier die eigentliche Attraktion sein. Doch Lucas macht kein Aufheben um sein eigenes filmisches Werk. Kaum zehn Prozent der Ausstellungsfläche sind seiner Schöpfung gewidmet.

Während der Eröffnung empfing eine Kopie des Roboters «R2-D2» aus der «Star Wars»-Saga die ersten Besucher.Während der Eröffnung empfing eine Kopie des Roboters «R2-D2» aus der «Star Wars»-Saga die ersten Besucher.

Bild: Caroline Brehman/EPA

Ein architektonischer Science-Ficiton

Nach 17 Jahren Arbeit und mit Kosten von über einer Milliarde Dollar, hingeblättert aus Lucas' Tasche, entstand Science-Fiction innen wie aussen. Das Gebäude des chinesische Star-Architekten Ma Yangsong vom Büro MAD Architects schwebt teilweise über dem Boden und geht fliessend in einen neu angelegten Park und Wege über. Eine biomorphe Form ohne einzige gerade Aussen- und Innenlinie; eine Fassade aus über 1200 individuell geformten, gebogenen Paneelen aus glasfaserverstärktem Kunststoff. Auf dem Dach befinden sich Gärten und Solaranlagen.

Ma Yangsong versteht Architektur als Landschaft. Seine Gebäude werden in China mit Begriffen wie «Shanshui», chinesischer Landschaftsmalerei in Verbindung gebracht: Bauten sollen nicht wie isolierte Objekte aussehen, sondern wie künstliche Landschaften, in denen sich Menschen bewegen. Fast 10 000 Quadratmeter stehen hier den Besuchern zur Verfügung

Philanthropisches Bemühen

Bewegung und emotionale Erfahrung ist auch das Motto von George Lucas. «Der beste Weg, Geschichten wirklich zu verstehen, ist, sie zu erleben.» Das will er mit seiner Institution allen Menschen ermöglichen.

Das neue Museum des durch den Verkauf seiner Rechte an Disney sehr, sehr reichen Mannes erzählt Kunstgeschichte aus der Mitte der Gesellschaft. Es ist, sagt sein Gründer, der Kunst des Volkes gewidmet. Sein Museum blickt in die Zukunft, in der Kunst demokratisch verstanden wird: Einwohnern von Los Angeles mit Wohnsitz im Postleitzahlgebiet 90037 gewährt es freien Eintritt. Nach Angaben des Magazins «The Hollywood Reporter» umfasst das Gebiet mehr als 17 000 Haushalte, rund ein Viertel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.

Das «Lucas Museum of Narrative Art» wurde ohne rechten Winkel gebaut.Das «Lucas Museum of Narrative Art» wurde ohne rechten Winkel gebaut.

Bild: Lucas Museum of Narrative Art

Dass allerdings ausgerechnet einer, der mit «Star Wars» und «Indiana Jones» selbst moderne Mythen geschaffen hat, die Institution initiierte, ist mehr als eine biografische Fussnote.

Mit seinem Milliarden-Raumschiff beweist George Lucas, was er schon als Filmemacher gezeigt hat. Er ist ein «Contrarian», ein Querdenker, der ein Zeichen gegen eine allgemeine Überzeugung setzt. Er rehabilitiert den Comic und das Kino als zentrale Formen moderner Mythologie. Das ist vielleicht nur ein kleiner Schritt für einen Multimillionär, doch ein grosser für die Kunst- und für die Vorstellung davon, was würdig sei, in einem Museum ausgestellt zu werden.

An Subversion erhält Lucas jedenfalls Unterstützung. Von ersten, hellauf begeisterten Besuchern hört man: Da und dort soll sich in seinem Raumschiff auch ein Banksy verbergen. Heimlich nachts an eine Wand gesprayt.

Dèr ultimnative zweibändige Katalog zum Museum: Mit einem Vorwort von George Lucas und von Regiekollege Guliermo del Toro. Verlag Taschen, 2026Dèr ultimnative zweibändige Katalog zum Museum: Mit einem Vorwort von George Lucas und von Regiekollege Guliermo del Toro. Verlag Taschen, 2026

Bild: Taschen Verlag

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