In Deutschland endet etwa jede zehnte Geburt mit einer Fehl- oder einer Totgeburt. In Stuttgart-Dürrlewang gibt es einen Rückbildungskurs für Sternenmamas.
Wenn Sarah Schmidt gefragt wird, wie viele Kinder sie hat, zögert sie nicht: "Ich habe definitiv zwei Kinder." Damit meint die 29-Jährige ihre beiden Töchter Marlena und Nora. Marlena ist mittlerweile zwei Jahre alt und ein aufgewecktes junges Mädchen. Von ihrer zweiten Tochter, Nora, musste sich Sarah Schmidt verabschieden, bevor das kleine Leben richtig begonnen hatte. Sie ist ihr Sternenkind.
Schwerer Verlust in der 37. SchwangerschaftswocheNach ihrer ersten Tochter Marlena war Sarah Schmidt im vergangenen Jahr noch einmal schwanger. Im Januar setzten in der 37. Schwangerschaftswoche die Wehen ein und sie fuhr gemeinsam mit ihrem Mann ins Krankenhaus. Dort stellten die Ärzte fest, dass das Herz des Mädchens nicht mehr schlägt. "Sie hätte einfach nur atmen müssen", sagt Sarah Schmidt. Denn nur wenige Wochen vor dem errechneten Geburtstermin war die Entwicklung von Nora bereits weit fortgeschritten.

Nachdem der Tod des Mädchens festgestellt wurde, brachte Sarah Schmidt ihre Tochter dennoch auf natürlichem Weg zur Welt, denn ihr Körper hatte die Geburt bereits eingeleitet. Diese sogenannte stille Geburt war für Sarah Schmidt ein großer Kraftakt. Zum einen, weil sie seelisch mit dem Verlust ihrer Tochter zu kämpfen hatte, zum anderen, weil ihr Körper von den Strapazen der Schwangerschaft geschwächt war.
Über Monate hatte ihr Bauch Raum für das Kind geschaffen, der Beckenboden wurde gedehnt, der Hormonspiegel durcheinandergewirbelt. Eigentlich hatte sie sich bereits für einen Rückbildungskurs mit ihrer neugeborenen Tochter angemeldet, aber dieser Kurs war für sie keine Option mehr.
Rückbildungskurs als spezielles Angebot für SternenmamasFür mich war gleich klar, ich kann da nicht hin. Ich kann nicht zu einem Kurs gehen, wo alle ihr Baby mitbringen und ich komme ohne Baby.
Dann stößt Sarah Schmidt auf ein Angebot, das genau zu ihren Bedürfnissen nach der stillen Geburt passt. In Stuttgart-Dürrlewang gibt es einen Rückbildungskurs für sogenannte Sternenmamas. Das Besondere: Zum Programm gehört neben der körperlichen Regeneration auch das Verarbeiten des großen Verlusts. Entspannungsübungen und Gespräche über die Trauer sind genauso Teil des Kurses wie Beckenbodentraining zur Rückbildung der körperlichen Veränderungen.
"Das wird besonders gut angenommen, weil die Frauen eben viel Gesprächsbedarf haben, weil es so viele unterschiedliche Themen gibt, die durch diese Situation, durch das Erleben hochkommen, die eben alle angeschaut werden wollen und wir darüber wirklich viel im Austausch sind", sagt die Trauerbegleiterin und Seelsorgerin Claudia Landenberger, die die Mütter bei dem Kurs begleitet.
Tabuthema: Sternenmamas müssen nach Hilfe suchenDer spezielle Rückbildungskurs wird von der Krankenkasse übernommen. Das Problem: In der ganzen Region gibt es bisher nur ein vergleichbares Angebot. Sarah Schmidt wohnt selbst in Althengstet und ist trotzdem jede Woche rund eine Stunde zu dem Rückbildungskurs gefahren: "Für mich war das einfach so wertvoll. Das war tatsächlich auch mein erster Kontakt mit anderen Sternenmamas. Und man hat nach der stillen Geburt so viel zum Organisieren und Planen, dass mir diese zwei Stunden hier auch wirklich gutgetan haben, weil das einfach die Zeit für mich war und auch für Nora."
Mehr Sichtbarkeit für die Sternenfamilien"Den betroffenen Familien würde es wahrscheinlich guttun, wenn sie einfach offen darüber sprechen könnten oder wenn‘s da mehr Anlaufstellen gibt", sagt die 29-Jährige. Denn der Verlust eines Sternenkindes wird immer noch meistens nur in der engen Familie und dem engen Freundeskreis besprochen.
Die kleinen Fortschritte in der Unterstützung der Sternenfamilien sind nur ein kleiner Trost: Seit vergangenem Jahr bekommen Frauen Mutterschutz, wenn ihr Kind mindestens zwölf Schwangerschaftswochen überlebt hat. Trotzdem wünscht sich Sarah Schmidt, dass sich die Gesellschaft weiter mit der Thematik auseinandersetzt: "Ich habe im Nachhinein von so vielen Menschen erfahren, die davon betroffen sind, wo man es gar nicht wusste." Ihr sei wichtig, dass das Thema mehr Sichtbarkeit bekomme.
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