Seit Wochen häufen sich Überfälle von offenbar migrantisch geprägten Jugendgangs in Potsdam. Sie versuchen, Partys in Villenvierteln aufzumischen. Die Gewalt eskaliert, der bekannteste Jugendclub schloss nach Zwischenfällen seine Pforten.
Seit Wochen häufen sich Überfälle von offenbar migrantisch geprägten Jugendgangs in Potsdam. Sie versuchen, Partys in Villenvierteln aufzumischen. Die Gewalt eskaliert, der bekannteste Jugendclub schloss nach Zwischenfällen seine Pforten.
Vor dem „Club 18“ in der Pietschkerstraße 50 sinken gelbe Blätter auf den Boden. Die Sonne lässt den Asphalt glänzen. Es ist ein warmer Herbstnachmittag im Potsdamer Stadtteil Am Stern. Doch der Schein trügt.
Der „Club 18“ ist nicht nur heute geschlossen, wie auf einem Schild an der Eingangstür steht. Sondern seit vielen Monaten. Der Grund: Mitarbeiter sollen wegen wiederholter massiver Bedrohungen und Einschüchterungsversuche einer offenbar migrantisch geprägten Jugendbande „um ihr Leben gefürchtet“ haben.
Das erzählte ihm ein Mitglied des Jugendhilfeausschusses, sagt Maximilian Adams, kurze, braune Haare, Bart, gestreiftes Hemd, im Gespräch mit FOCUS online. Adams ist Vorsitzender des Sicherheitsausschusses der Stadtverordnetenversammlung und CDU-Fraktionsgeschäftsführer.
Der 35-Jährige sitzt mit finsterem Blick in seinem lichten Büro in der Edisonallee. Er ist ratlos. Und sauer, dass eine oder mehrere Jugendgangs in Potsdam „Unsicherheit und Angst“ verbreiten. Adams sagt, er habe so etwas in seiner Geburtsstadt „noch nie erlebt“.
„Seit Monaten häufen sich Zwischenfälle. Die Gewalttäter, die überwiegend aus einem migrantischen Umfeld stammen sollen, wie mir immer mehr Betroffene berichten, bedrohen, erpressen und verprügeln Jugendliche in der Schule, auf der Straße, in Jugendclubs oder bei privaten Festen “, so Adams.
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Zwar hat die Stadt Ende August im Rahmen der „Kommunalen Kriminalitätsprävention“ – einer strategischen Partnerschaft mit Polizei und Bürgern – eine Arbeitsgruppe mit dem Titel „Jugendgewalt und Jugendkriminalität“ ins Leben gerufen.
„Doch das reicht nicht mehr“, sagt der 35-Jährige. Seine Kritik ist weitreichend. „Auch die Polizei tut viel zu wenig, ebenso das Ordnungsamt der Stadt. Es gibt bisher nicht mal ein Lagebild zu dieser bedenklichen Entwicklung.“
Einer der krassesten Vorfälle ereignete sich am letzten Septemberwochenende in einer Villengegend in Berlin-Wannsee. Konkret: in Kohlhasenbrück, direkt an der Grenze zu Potsdam. Eine Gruppe aus bis zu 20 Jugendlichen versuchte, sich Zutritt zu zwei Privatpartys zu verschaffen.
Im Anschluss wurden nach Polizeiangaben zwei 17-Jährige und ein 18-jähriger Gymnasiast aus Potsdam brutal angegriffen. Dabei schlugen die Angreifer den Kopf des 18-Jährigen gegen die Ecke eines Scheinwerfers und verletzten ihn schwer.
Adams hat inzwischen zwei Dutzend Zuschriften von Eltern bekommen, die sich besorgt über die Geschehnisse äußern. Einer von ihnen, der selbst mehrere Kinder im Jugendalter hat, erklärte sich bereit, dem Reporter über ein laut gestelltes Handy in Adams Büro Rede und Antwort zu stehen.
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Der Mann, der aus Angst um seine Kinder anonym bleiben möchte, zeigt sich erschüttert. „Meinen Kindern ist zwar bislang nichts passiert. Aber sie berichten von einer zunehmenden Anzahl von Plätzen in Potsdam, die sie und ihre Freunde aus Angst nicht mehr betreten.“
Der Familienvater hat Kontakt zu den Feiernden und den drei Gymnasiasten, die am 26. September Opfer des Überfalls wurden. „Die Brutalität, mit der die Angreifer auf die drei eingedroschen und -getreten haben sollen, macht uns fassungslos. Ich lache mich kaputt, wenn ich dann von 'Deeskalationskursen' an unseren Schulen höre.“
Bei so massiven Gewaltausbrüchen würden derartige Kurse nichts bringen, findet er. „Diese Burschen schlagen sofort und gnadenlos zu. Wenn das in Berlin passiert wäre, wäre das wahrscheinlich nicht ungewöhnlich. Aber Potsdam...? Da kann ich es einfach nicht fassen.“
Bereits einen Tag vor dem Überfall in Kohlhasenbrück hatte eine etwa 20-köpfige Gruppe in der Nauener Vorstadt versucht, eine Privatfeier auf einem Villengrundstück zu kapern.
Obwohl der Versuch scheiterte, gelang es einigen Angreifern, den Autoschlüssel des Hausbesitzers zu stehlen. Sein Mercedes wurde zwar gestartet. Die Gruppe flüchtete dann aber. Drei tatverdächtige Jugendliche konnte die Polizei wenig später fassen.
Der jüngste Gewalt-Fall trug sich am Dienstagabend in Schlaatz im Süden Potsdams zu. Laut Polizei wurden drei 19- bis 21-Jährige am Magnus-Zeller-Platz von rund zehn Jugendlichen „umringt, geschlagen und getreten“. Alle Opfer wurden demnach leicht verletzt. „Angaben zu den Hintergründen machten die Verletzten nicht“, so die Polizei.
„Das Thema hat in den vergangenen Monaten an Bedeutung gewonnen“, sagt Friederike Herold, eine der Sprecherinnen der Potsdamer Stadtverwaltung. Fachkräfte aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern würden von einer „Zunahme von Konflikten, gruppenbezogenen Spannungen und aggressiven Verhaltensweisen“ berichten - sowohl im schulischen als auch im öffentlichen Raum.
Daraus ließe sich jedoch „nicht pauschal ableiten, dass sich in Potsdam aus Jugendgruppen flächendeckend feste Gewaltstrukturen entwickeln“. Herold verweist auf die Arbeitsgruppe zu Jugendgewalt und -kriminalität und sagt, dass sie eine „stärkere institutionsübergreifende Abstimmung zwischen Jugendhilfe, Polizei, Ordnungsbehörden und weiteren Beteiligten“ vorantreiben solle.
Die Potsdamer Polizei antwortete bislang nicht auf eine Anfrage von FOCUS online. Es ging darum, ob man bereits einen ungefähren Überblick darüber habe, wie viele Straftaten in das geschilderte Muster einer brutal agierenden Jugendgang passten.
Gleichwohl hatte ein Sprecher zuvor dem „rbb“ erklärt, dass es „mehrere Sachverhalte“ gebe, die jugendlichen Straftätern zugeordnet werden könnten. Man prüfe, ob einzelne Fälle miteinander zusammenhingen.
Angaben über mögliche Migrationshintergründe mutmaßlicher Straftäter sowie Überlegungen zur Einrichtung einer Ermittlungsgruppe oder Sonderkommission machte die Potsdamer Polizei nicht. Am Mittwochnachmittag kündigte CDU-Fraktionschef Willo Göpel auf seinem Facebook-Account jedoch an, dass eine Sonderermittlungsgruppe ins Leben gerufen würde.
Konkret: „Die Landespolizei übernimmt jetzt und hat auf Initiative der CDU eine Sonderermittlungsgruppe eingerichtet. Die 'runden Tische' der Stadtverwaltung in Stile eines Stuhlkreises der evangelischen Kirche müssen jetzt einmal warten.“
Wie Adams fordert auch Tiemo Reimann (SPD), Vorsitzender des Jugendhilfeausschusses, wegen der Häufung von Gewalttaten mehr Präsenz von Polizei und Ordnungsamt in der Öffentlichkeit – unabhängig von den Ergebnissen etwaiger Arbeitsgruppen.
„Wir haben seit über einem Jahr immer wieder dramatische Appelle aus den Jugendclubs als auch von der Schulsozialarbeit bekommen. Überall war zu vernehmen, dass es eine Qualität angenommen hat, die es so noch nie gab“, sagte der SPD-Politiker dem „rbb“.
Unterstützung kommt auch von der Lokalpartei „Die Anderen“, die sich selbst als „linksalternativ“ bezeichnet. „Ich kann diese Schilderungen bestätigen, die auch an uns von Betroffenen herangetragen werden. Es scheint sich in Potsdam gerade etwas zu ändern. Immer mehr Menschen fühlen sich immer weniger sicher in unserer Stadt“, erklärte Fraktionsgeschäftsführerin Anja Heigl im Gespräch mit FOCUS online.
Während die Stadtverwaltung nicht von „flächendeckenden Gewaltstrukturen“ sprechen mag, kommt aus dem Stadtteil Bornim im Norden Potsdams eine andere Einschätzung.
„Wir hatten kurz vor unserem Herbstfest am 12. September gehört, dass Teile dieser Jugendgang, die seit Monaten die Stadt unsicher macht, dem Fest einen Besuch abstatten und Ärger machen wollten“, sagt einer der Organisatoren, der anonym bleiben möchte, zu FOCUS online.
Bislang habe es keine Gewaltprobleme bei diesem friedlichen Anlass gegeben. Und auch dieses Jahr sei es ruhig geblieben. Die Organisatoren hätten aber gewusst, welche „Typen da bei uns auftauchen wollten“, so der Mann.
„Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte des Herbstfestes hatten wir deshalb Security-Leute angeheuert. Außerdem waren mehrere Boxer aus einem Sportverein anwesend.“ Ein deutschstämmiges Mitglied der Gruppe habe beruhigend auf die migrantische Gruppe eingewirkt. Sie sei schließlich abgezogen.
Obwohl nichts passierte, zeigt sich der Mitorganisator zutiefst erschüttert. „Ich habe die Männer gesehen, die uns angekündigt worden waren und mich die ganze Zeit unwohl in meiner Haut gefühlt. Das ist mir bei keinem anderen Fest, das ich mitorganisiert habe, je so gegangen.“
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