Ein SEK-Einsatz verändert ihr Leben: Aylin C. wird verletzt, ihr Haus schwer beschädigt. Drei Jahre später kämpft sie um Schadensersatz und Aufklärung.
Ein SEK-Einsatz verändert ihr Leben: Aylin C. wird verletzt, ihr Haus schwer beschädigt. Drei Jahre später kämpft sie um Schadensersatz und Aufklärung.
Sechs Uhr in der Früh. Ein ohrenbetäubender Knall reißt Aylin C. und ihren Partner Mehmet D. (Namen von der Redaktion geändert) in Bocholt am 21. Juni 2023 aus dem Schlaf. Die Detonation lässt die Haustür zersplittern. Hochgerüstete Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) stürmen das Erdgeschoss.
Weil es heiß ist, schläft das Paar nur anderthalb Meter hinter der Tür. Flammen dringen in den Eingangsbereich, Holzsplitter treffen die beiden überraschten Menschen, eine Rauchbombe rollt durch den Flur, dann brüllen die Einsatzkräfte: „Polizei! Ich will die Hände sehen.“
Die Beamten stürmen angeblich auf die Hausbesitzerin zu. Nach Darstellung von C. sollen die SEK-Polizisten auf sie eingeschlagen und -getreten haben. Ferner sollen sie der Frau Mund und Nase zugehalten haben, sodass sie keine Luft bekam.
Während die Elite-Cops die beiden Zielpersonen auf den Boden drücken und fesseln, wollen die SEK-Männer wissen, wo denn „der verdammte Hund ist“, um ihn auszuschalten, sagt C.. Dann solle sie erzählen, wo sich die gesuchten Gegenstände befinden? „Sag schon, wo habt ihr etwas versteckt, du Dreckige…“ So stellt es die Frau zumindest dar.
Ein Durchsuchungsbeschluss sei ihr zu jenem Zeitpunkt nicht übergeben worden, wird C. später im Telefongespräch mit FOCUS online berichten. „Vielmehr haben sie mich gefoltert und eine Stunde zu Boden gedrückt, es war unfassbar“, so die frühere Jobcenter-Mitarbeiterin. Vieles sei zerschlagen worden.
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Schimpfworte wie „Scheiß Terrorist! Pack! Du verdammtes Miststück! Scheiß Kurde!“, sollen gefallen sein. „Ich hatte Todesangst.“ Zeitweilig will C. in Ohnmacht gefallen sein. „Und dann haben sie mich auch noch gedemütigt, weil ich vor ihren Augen die Toilette benutzen musste.“ Während sie ihre Notdurft verrichtete, stand ein SEKler mit der Maschinenpistole vor der offenen Tür und grinste, behauptet die Frau.
Unabhängig überprüfen lassen sich ihre Vorwürfe nicht. Die zuständige Kreispolizeibehörde Wesel wollte sich auf Anfrage nicht zu dem Vorgang äußern. Sie wurde mit sämtlichen Anschuldigungen konfrontiert.
C.s Stimme klingt brüchig. Auch gut drei Jahre nach dem Einsatz hat sie die Geschehnisse nicht vergessen. Medizinische Gutachten belegen erlittene Verletzungen: Hämatome, Prellungen, Kopfhaare wurden C. ausgerissen. Die Naht der zuvor operierten Nase platzte wieder auf. Auch unter seelischen Folgen leidet sie eigenen Angaben zufolge.
Ihren Job bei der Agentur für Arbeit kann C. nicht mehr ausführen. Nachts vermag sie nicht mehr zu schlafen – vor lauter Angst, die Beamten könnten um sechs Uhr morgens wiederkommen.
Drei Autounfälle hat die Mittvierzigerin inzwischen verursacht. „Vor lauter Panik habe ich geglaubt, dass ein SEK-Auto mich verfolgte.“ Vergebens hat sie die Krankenkasse gebeten, ihr eine Traumatherapie zu finanzieren. Dort wurde das Ansinnen abgelehnt. Am Telefon beginnt die Deutsche mit türkischen Wurzeln zu schluchzen. „Die Leute haben mein Leben zerstört.“
Inzwischen ist C. selbst ein Fall für das Jobcenter geworden. Zuletzt sollte sie einen Termin wahrnehmen. „Ich gehe ja kaum noch vors Haus, schweißgebadet habe ich es dann geschafft.“ Die Nachbarn schauen ihren Angaben zufolge nur verächtlich weg, wenn sie es dann doch schafft, zum Einkaufen zu gehen.
Zuletzt habe sie einen Zettel am Auto gefunden: „Wir wollen keine Terroristin in unserer Nachbarschaft.“ Dabei ist Aylin C. nie wegen eines solchen Delikts beschuldigt worden. Wegen ihrer Herzerkrankung nimmt sie eine hohe Dosis entsprechender Medikamente. Zudem sechs Tabletten täglich des starken Beruhigungsmittels Tavor, das schnell süchtig macht.
Das Haus in Bocholt, das C. drei Monate vor dem Einsatz mit ihren gesamten Ersparnissen saniert hatte, ist bis heute schwer beschädigt. Ein Gutachten, das FOCUS online vorliegt, beziffert den Schaden auf eine sechsstellige Summe.
Außenwände sowie das Mauerwerk zeigen Risse demzufolge nach dem SEK-Einsatz. Das Haus weise eklatante Schimmelschäden auf, das Treppenhaus sowie das Badezimmer müssten vollständig wiederhergestellt werden. Der Sachverständige geht von einer Kernsanierung aus.
Vergangene Woche hat C.s Anwalt Hans Reinhardt beim zuständigen Landgericht Münster eine entsprechende Schadenersatzklage eingereicht. Demnach soll das Land NRW gut 290.000 Euro an die Geschädigte zahlen. „Damit kann meine Mandantin ihr Haus wieder in seinen sanierten Zustand bringen“, erklärt Anwalt Reinhardt.
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Der Strafverteidiger kann es noch immer nicht fassen, wie die Staatsanwaltschaft Kleve seinerzeit mit äußerst dünnen Beweisen beim Amtsgericht Moers einen Durchsuchungsbeschluss wegen des Verstoßes gegen den Waffenbesitz erwirken konnte. Durch ein abgehörtes Telefonat von seinem Arbeitgeber geriet der Lebensgefährte C.s unter Tatverdacht.
Dabei ging es in dem verklausulierten Telefonat darum, dass Mehmet D. angeblich scharfe Munition an einen Komplizen weitergegeben haben soll. Umgehend wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Womöglich bestanden Bezüge zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, obschon Mehmet D. Türke ist.
„Meine Mandantin hingegen stand nie unter Tatverdacht, und dennoch wurde sie wie eine Verbrecherin behandelt. Ein Skandal“, schimpft Anwalt Reinhardt. Aus seiner Sicht war die Festnahme von C. illegal. Zumal weder Waffen noch Munition bei dem SEK-Einsatz gefunden worden waren.
Seit drei Jahren ermitteln die Staatsanwaltschaft Kleve und die Kreispolizeibehörde Wesel in dem Fall. Bisher, ohne eine Anklage vorgelegt zu haben.
FOCUS online hat die Staatsanwaltschaft um eine Stellungnahme gebeten. Ein Sprecher bestätigte den SEK-Einsatz: „Erkenntnisse aus einer Telekommunikationsüberwachung im Rahmen eines anderen Verfahrens waren Grundlage für den Erlass des beantragten Durchsuchungsbeschlusses.
Es ergaben sich Anhaltspunkte für das Überlassen von Munition. Daraus wurde der Verdacht für das Vorhalten einer dazugehörigen Schusswaffe abgeleitet. Dies war Grundlage und Tatvorwurf für den erlassenen Durchsuchungsbeschluss.„
Die Art und Weise der Vollstreckung falle in den Zuständigkeitsbereich der Polizei, so der Behördensprecher weiter. „Bei Hinweisen auf einen möglichen Besitz einer scharfen Schusswaffe samt Munition sind nach hiesigem Erkenntnisstand in der Regel besondere Sicherheitsvorkehrungen üblich. Die Ermittlungen dauern noch an.“
C. hofft hingegen, dass sie bald öffentlich rehabilitiert wird. Längere Zeit nach dem SEK-Sturm hat sie sich von ihrem Partner aus persönlichen Gründen getrennt. Nun kämpft sie mit ihrem Anwalt allein gegen die Staatsmacht.
„Dieser Angriff durch die Polizei darf nicht ungesühnt bleiben, seit drei Jahren lebe ich in einem schwer beschädigten Haus, weil ich kein Geld mehr habe, um es wieder in seinen Ursprungszustand zu bringen.“ C. fordert Gerechtigkeit für die erlittene Pein. Auch wenn dies den seelischen Schmerz nicht lindern wird. „Die furchtbaren Geschehnisse werde ich nie mehr vergessen.“
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