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Frauen sind keine Maschinen: Eine Ausstellung im Museum Tinguely zeigt die Arbeit aus der Frauenperspektive

Дата публикации: 20-10-2026 07:27:19

Hier machen Kunstwerke die grosse Diskrepanz zwischen Frau, Arbeit, Körper und Maschine sichtbar.

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Frauen sind keine Maschinen: Eine Ausstellung im Museum Tinguely zeigt die Arbeit aus der Frauenperspektive

Hier machen Kunstwerke die grosse Diskrepanz zwischen Frau, Arbeit, Körper und Maschine sichtbar.

Maria Becker, Basel20.10.2026, 09.27 Uhr

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Körper sind keine Maschinen: Die Performance «Make Your Body Your Machine» von Ernestyna Orlowska ist einer der überzeugendsten Beiträge der Ausstellung.

Körper sind keine Maschinen: Die Performance «Make Your Body Your Machine» von Ernestyna Orlowska ist einer der überzeugendsten Beiträge der Ausstellung.

Museum Tinguely

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es nicht genug Männer für das Aufräumen der Trümmer. Also hob der Alliierte Kontrollrat alle Einschränkungen für Frauenarbeit im Baugewerbe auf. Die «Trümmerfrauen», die in Berlin, Köln und anderen Städten die Steine freischlugen und stapelten, wurden legendär und gingen in die Geschichte ein. Ohne sie wäre das gewaltige Projekt des Wiederaufbaus kaum zu leisten gewesen.

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Auch nach dem grossen Aufräumen war Frauenarbeit auf dem Bau noch erlaubt. Erst 1952 wurde die kriegsbedingte Ausnahme rückgängig gemacht. Frauen haben immer gearbeitet – in Familie und Haushalt, auf dem Acker, im Büro und in der Fabrik. Wenn es denn nottat, auch über die Grenzen ihrer Körperkräfte hinaus, wie das Beispiel der Trümmerfrauen zeigt. Allerdings war es in der Regel die eintönige und repetitive Arbeit, die man den Frauen überliess. Damit einher gingen Geringschätzung der Fähigkeiten und geringer Lohn.

Frauen haben immer gearbeitet – in Familie und Haushalt, auf dem Acker, und im Büro: Fotografie von Berenice Abbott, um 1958.

Frauen haben immer gearbeitet – in Familie und Haushalt, auf dem Acker, und im Büro: Fotografie von Berenice Abbott, um 1958.

Museum Tinguely

Bis heute hat sich allen Gleichstellungsbemühungen zum Trotz der Gender-Pay-Gap – die Kluft zwischen der Bezahlung von Frauen und Männern – in vielen Bereichen gehalten. Das Museum Tinguely hat nun die Arbeit von Frauen aus künstlerischer Perspektive zum Thema gemacht. Die Ausstellung «Labouring Bodies» präsentiert Werke von den 1920er Jahren bis zur Gegenwart, einer Zeitspanne, in der sich nicht nur die Arbeit von Frauen, sondern die Arbeit überhaupt rasant verändert hat.

Entsprechend gibt es einige Unschärfen entlang des Themas. Denn wo liegt die Grenze zwischen der Ausbeutung von Frauen und der von Männern? Gerade eines der besten Werke der Schau – die Lieferdienst-Performance von Ernestyna Orlowska – karikiert eine Arbeitssituation, der beide Geschlechter in gleichem Mass ausgesetzt sind. Der Titel der Ausstellung verweist auf den Körper in einem doppelten Sinn. Der «labouring body» meint die Körperarbeit des Erwerbens und ebenso den Körper beim Akt des Gebärens. Beide Male wird etwas produziert und geleistet.

Eingespannt ins Räderwerk

Tatsächlich bewegen sich einige der Werke der Künstlerinnen genau an dieser Schnittstelle: Gebärarbeit contra maschinelle Produktion. Eine merkwürdige Gleichsetzung zweier wesensfremder Vorgänge, die sich nicht vertragen und Reibung schaffen. An diesem Blick offenbart sich wesentlich die Problematik des Themas. Frauen sind keine Maschinen, und Körper sind keine Maschinen. Das zeigen treffend viele Werke der Schau, von den Fabrikarbeiterinnen der frühen Moderne bis zu den filmischen Reflexionen der Gegenwart.

Damit überholen die Kunstwerke eigentlich das Thema der Ausstellung. Sie machen die Diskrepanz zwischen Frau, Arbeit, Körper und Maschine sichtbar und greifbar. Sie erklären das Thema ohne Worte. So sprechen die Fotos von Alice Lex-Nerlinger aus den zwanziger Jahren oder von Evelyn Richter aus der ehemaligen DDR für sich. Es sind Dokumentationen in Schwarz-Weiss, die Frauen bei der Arbeit zeigen: die Schreibkraft beim Stellen des Papiers, die Weberin in der Kammgarnspinnerei. Beide sind eingespannt ins Räder- und Hebelwerk einer endlos gleichförmigen Wiederholung. Die Frauen sind genau da, wo die Maschine den Anstoss eines Menschen braucht.

Fabrikarbeit war stets auch Frauenarbeit: Fotografie von Evelyn Richter, 1970.

Fabrikarbeit war stets auch Frauenarbeit: Fotografie von Evelyn Richter, 1970.

Museum Tinguely

Auch Doris Ziegler porträtiert Frauen bei der Arbeit. Im Stil der Neuen Sachlichkeit hat die Malerin aus der Zeit der DDR eine eindringliche Sprache für das Dasein von Arbeiterinnen gefunden. «Brigade Rosa Luxemburg» von 1975 zeigt eine ältere Frau in Werkskleidung vor dem Fenster eines Fabrikgebäudes. Auf dem Boden liegen Metallspäne, über einer Mauer schaut man auf einen kahlen Baum. In «Marie schwanger» von 1989 sitzt eine schwangere junge Frau vor dem Hintergrund eines Industriegeländes. Ihre Nacktheit kontrastiert mit der öden Perspektive der Fabrikstrasse. Ihr Körper ist hager, das Gesicht trotz seiner Jugend gezeichnet von der Lebensrealität. Eine merkwürdige Klaglosigkeit geht von beiden Bildern aus, eine Mischung aus Hoffnung und Resignation.

Maschinenmensch

Die Abnutzung durch die Arbeit und das Hoffen auf ein neues Leben stehen wie ein Paar nebeneinander. Es ist vielleicht kein Zufall, dass diese Porträts am Beginn der Ausstellung hängen. Sie bilden den Auftakt zum Thema mit klarer Sprache und brauchen dazu keine hybride technische Ausstattung. Bei den Werken aus unserer medial überfrachteten Gegenwart sieht es anders aus. Heute muss die Kunst um permanente Steigerung ringen.

Katja Novitskovas Installation «Pattern of Activation (Mamaroo nursery, dawn chorus)» von 2017 präsentiert einen violettrot beleuchteten Raum mit rhythmisch bewegten Wiegemaschinen. Sie sehen aus wie eine Kreuzung aus Masturbationsapparat und gynäkologischem Untersuchungsstuhl. Dazu ertönt ein sanfter Sound. Novitskovas Arbeit gehört zu den Werken, die trotz enormem technischem Aufwand nur Bedeutungsleere verbreiten. Auch der Verweis auf zukünftige Innovationen bringt hier keine Erleuchtung.

Mit grossem technischem Aufwand: Katja Novitskovas Installation «Pattern of Activation (Mamaroo nursery, dawn chorus).

Mit grossem technischem Aufwand: Katja Novitskovas Installation «Pattern of Activation (Mamaroo nursery, dawn chorus).

Museum Tinguely

Auch Ernestyna Orlowska ringt um Aufmerksamkeit. Zu Recht, denn ihre Performance «Make Your Body Your Machine» von 2021 führt uns vor Augen, was wir tagtäglich sehen und für selbstverständlich halten. Sie arbeitet mit ihrem Rucksack zur Auslieferung von Essen wie mit einem Fitnessgerät: Körperoptimierung im Dienst der Ausbeutung. Lieferdienste stehen auf der untersten Stufe der Bezahlung. Die Künstlerin macht vor, dass die Arbeit nur ertragbar ist, wenn der Mensch sich tatsächlich als Maschine begreift. Was bleibt ihm auch anderes übrig?

Maschinenmensch: Ernestyna Orlowskas Performance «Make your Body Your Machine».

Maschinenmensch: Ernestyna Orlowskas Performance «Make your Body Your Machine».

Museum Tinguely

Der Tanz mit dem Lieferrucksack ist ein überzeugendes Werk und scheut keine Verzerrung. Erleuchtung heisst hier Bewusstwerdung von Lebensrealität. Nach so viel Anstrengung kehrt man gern zurück zu «The Night Side» von Alexandra Navratil. Sanft tasten die Hände einer Frau über Zahnräder, Schrauben und Metallplatten. Es handelt sich um Apparate zur Bearbeitung von lichtempfindlichem Material. Die Arbeit – weitgehend von Frauen geleistet – fand im Dunkeln statt.

Das 2016 mit einer ehemaligen Arbeiterin einer Firma der DDR gedrehte Video ist eine poetische Reflexion über den Tastsinn im Dienst maschineller Produktion. Auch wenn man die Hintergründe nicht kennt, funktioniert das Werk. Es öffnet Bedeutungsräume: Erinnerung als fühlbarer Sinn. Vor allem aber zeigt sich hier ganz direkt die unauflösbare Diskrepanz zwischen Mensch und Maschine.

Labouring Bodies. Museum Tinguely, bis 8. November 2026.

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