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Antisemitismusvorwürfe gegen Jordan Bardella: der jäh gestoppte Aufstieg eines rechten Wunderkinds

Дата публикации: 09-10-2026 03:30:00

Noch vor kurzem hoffte der Spitzenkandidat des Rassemblement national auf die französische Präsidentschaft. Nun sieht er sich mit Enthüllungen über frühere Äusserungen konfrontiert. Eine Racheaktion aus den eigenen Reihen?

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Antisemitismusvorwürfe gegen Jordan Bardella: der jäh gestoppte Aufstieg eines rechten Wunderkinds

Noch vor kurzem hoffte der Spitzenkandidat des Rassemblement national auf die französische Präsidentschaft. Nun sieht er sich mit Enthüllungen über frühere Äusserungen konfrontiert. Eine Racheaktion aus den eigenen Reihen?

Pascal Bruckner09.10.2026, 05.30 Uhr

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Eine stattliche Erscheinung, die in einfachen Verhältnissen aufwuchs: Jordan Bardella während einer politischen Kundgebung im Mai 2026.

Eine stattliche Erscheinung, die in einfachen Verhältnissen aufwuchs: Jordan Bardella während einer politischen Kundgebung im Mai 2026.

Manon Cruz / Reuters

Das Jahr 2026 hatte für Jordan Bardella gut begonnen. Der junge Vorsitzende des Rassemblement national (RN), jener rechtsextremen Partei, die aus dem 1972 von Jean-Marie Le Pen gegründeten Front national hervorgegangen war, durfte darauf hoffen, im Alter von nur 31 Jahren bei den französischen Präsidentschaftswahlen 2027 anzutreten.

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Zwei Ereignisse sprachen für ihn. Zum einen war seine Chefin und Patin in der Partei, Marine Le Pen, am 31. März 2025 wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder verurteilt worden. Das Urteil fiel hart aus: vier Jahre Freiheitsstrafe, davon zwei ohne Bewährung, mit der Möglichkeit der Verbüssung unter elektronischer Überwachung. Dazu eine Geldstrafe von 100 000 Euro und vor allem fünf Jahre Kandidaturverbot mit vorläufiger, also sofortiger Vollstreckung.

Das Urteil erwies sich als verheerend: Marine Le Pen sah alle Türen zum Élysée-Palast vor sich verschlossen, obwohl sie in den Umfragen bereits als Siegerin galt. Ein ganzes Leben voller Kämpfe, blockiert durch ein Gerichtsurteil! Sie legte Berufung ein, und die neue Entscheidung des Gerichts sollte am 7. Juli 2026 verkündet werden.

Romanze mit italienischer Aristokratin

Eine weitere gute Nachricht für Jordan Bardella: Am 8. April 2026 gab er auf dem Titelblatt von «Paris Match» seine Beziehung mit Maria Carolina von Bourbon-Sizilien bekannt, der Erbin einer grossen Adelsfamilie aus Süditalien.

Ihr Glanz strahlt auf ihn ab: Prinzessin Maria Chiara von Bourbon-Sizilien an einem Spendenanlass im Pariser Louvre am 3. März 2026.

Ihr Glanz strahlt auf ihn ab: Prinzessin Maria Chiara von Bourbon-Sizilien an einem Spendenanlass im Pariser Louvre am 3. März 2026.

Aurore Maréchal / Getty

Die Romanze zwischen dem jungen politischen Wunderkind aus einfachen Verhältnissen und der jungen, weltoffenen Aristokratin sorgte bei den Wählern für Verwirrung, verlieh diesem so typisch französischen Abenteuer des rechtsextremen «Rastignac» jedoch eine romantische Aura. Diese Quasiverlobung widerlegte böse Gerüchte, wonach Jordan Bardella eher auf Männer stehe und sich nur aus Anstandsgründen mit Frauen zeige.

Kurz, die Zukunft sah vielversprechend aus. Der junge Mann verbesserte seine Redegewandtheit, lernte, wie ein normaler Politiker zu sprechen, und schaffte es, seinen dürftigen Werdegang zu verdrängen: kein Hochschulabschluss, dafür bloss eine Reihe von Ernennungen innerhalb der Partei, zunächst beim Front national, dann als Europaabgeordneter und Vorsitzender des Rassemblement national im Jahr 2022. Immer in makellosen Anzügen, gross und breitschultrig – mit seiner stattlichen Erscheinung begeisterte er viele Jugendliche in den Vororten.

Bardella stammt selber aus dem Pariser Vorort Drancy in Seine-Saint-Denis. Er ist der Sohn eines italienisch-französisch-algerischen Vaters, der Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens im Bereich Getränkeautomaten war. Seine italienische Mutter arbeitete als Gemeindebeamtin. In Umfragen für die Präsidentschaftswahlen 2027 lag Bardella weit vorn, bei 32 Prozent gegenüber 35 Prozent für Marine Le Pen. In jedem Fall, so dachte man, würde er es weit bringen. Er würde vielleicht sogar noch jünger an die Macht kommen als Emmanuel Macron, der mit 39 Präsident wurde.

Plötzlich wieder die Nummer 2

Doch zu Beginn des Sommers begann für Bardella eine Pechsträhne. Am 7. Juli 2026 wurde Marine Le Pen in der Berufungsinstanz wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder für schuldig befunden, doch die Sperrfrist für die Ausübung eines öffentlichen Amtes wurde auf 45 Monate herabgesetzt, davon 30 auf Bewährung. Die 15 Monate ohne Bewährung sind am 1. Juli 2026 abgelaufen. Die dreijährige Haftstrafe ist auf ein Jahr ohne Bewährung reduziert worden. Le Pen kann sie unter elektronischer Überwachung verbüssen.

Marine Le Pen hat den Shootingstar wieder vom ersten Platz verdrängt. Hier während ihres Berufungsverfahrens im März 2025.

Marine Le Pen hat den Shootingstar wieder vom ersten Platz verdrängt. Hier während ihres Berufungsverfahrens im März 2025.

Christian Liewig / Imago

Marine Le Pen jubelte. Noch am selben Abend erklärte sie sich auf TF1 zur Kandidatin für die Präsidentschaftswahlen im April und Mai 2027. Sie hofft, dass das Kassationsgericht Ende Jahr über ihren Fall entscheidet, um die Haftstrafe möglicherweise auszusetzen. Für ihren Stellvertreter Bardella ist das eine Katastrophe. Die Chefin kehrt zurück, und schon ist er wieder die Nummer 2: Im besten Fall – im Falle eines Sieges von Marine Le Pen – wurde ihm das Amt des Premierministers versprochen.

Bardella konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. Er hatte Marine Le Pen entthronen wollen, doch sie hat ihn in die Schranken gewiesen. Sie würde sich doch nicht von einem Grünschnabel überholen lassen, immerhin kandidiert sie bereits zum vierten Mal für das Präsidentenamt. Die Medien haben sichtlich Spass daran, das niedergeschlagene Gesicht des ehrgeizigen jungen Mannes zu zeigen.

Bardella macht das Beste aus der Situation und beteiligt sich den ganzen Sommer lang am Vorwahlkampf für die Präsidentschaftswahlen, zumal die Vorsitzende des RN mit über 30 Prozent in allen Umfragewerten führt, während ihre Konkurrenten, Jean-Luc Mélenchon oder Édouard Philippe, zwischen 15 und 20 Prozent stagnieren.

Alain Soral, der antisemitische Vordenker junger Nationalisten

Dann ereignet sich der zweite Zwischenfall: Am 28. September schreibt die linke Website «Mediapart», Jordan Bardella habe als junger Aktivist des Front national und enger Vertrauter von Jean-Marie Le Pen wiederholt antisemitische Texte verfasst. Die Enthüllung kommt Bardella umso ungelegener, als das Rassemblement national seinen gesamten Wahlkampf auf eine Annäherung an die jüdische Gemeinschaft ausgerichtet hat. Seine linksextreme Konkurrentin, La France insoumise von Jean-Luc Mélenchon, versucht dagegen, die Franzosen mit Migrationshintergrund – die mehrheitlich muslimisch sind – für sich zu gewinnen.

Er soll für den jungen Bardella prägend gewesen sein: der mehrfach vorbestrafte französisch-schweizerische rechtsextreme Autor Alain Soral.

Er soll für den jungen Bardella prägend gewesen sein: der mehrfach vorbestrafte französisch-schweizerische rechtsextreme Autor Alain Soral.

Salvatore Di Nolfi / Keystone

Bardella weist die Vorwürfe vehement von sich. Wurde er nicht, so versucht er geltend zu machen, im März 2025 von der israelischen Regierung zu einer internationalen Konferenz zum Kampf gegen den Antisemitismus eingeladen? Dies, weil er im Zuge des 7. Oktobers bei einem grossen Marsch gegen Antisemitismus durch die Strassen von Paris gezogen war? Die Franzosen liessen sich nicht täuschen, so hofft er, besonders nicht jene jüdischen Glaubens.

Es gibt mehrere Möglichkeiten: Entweder lügt «Mediapart» und versucht, sieben Monate vor den Wahlen die extreme Rechte zu schwächen. Oder der Schlag wird aus den Reihen der Partei selbst geführt, wie Julien Odoul, Sprecher des RN, im Fernsehsender LCI erklärt hat. Als Täter kommen Gegner des jungen Karrieristen oder sogar die Parteivorsitzende Marine Le Pen selbst infrage. Wollte sie Bardella rückwirkend bestrafen, weil er ihr die Krone zu entreissen versuchte?

Glaubt man «Mediapart», war eine Figur prägend für den jungen Jordan Bardella: Alain Soral, französisch-schweizerischer Staatsbürger, heute «Flüchtling» in Russland, ein mehrfach vorbestrafter ehemaliger Kommunist, der zur extremen Rechten übergelaufen ist. Vor allem ist Soral ein Antisemit, der an der Seite des «Komikers» Dieudonné den Kampf gegen die Juden zum einzigen Ziel seines Lebens gemacht hat.

Soral veröffentlichte 1996 die Schrift «Sociologie du dragueur», eine Soziologie des Aufreissens, in der er Thesen vertrat, die man heute als «maskulinistisch» bezeichnen würde. Danach gründete er die Splittergruppe Égalité et Réconciliation, die politisch weit rechts aussen steht und deren Website Millionen von Aufrufen verzeichnet. Soral bezeichnet all seine Gegner als «Zionistenlutscher». Seine Parolen, seine Videos, seine Rehabilitierung der französischen Kollaborateure, seine Verschwörungstheorien sowie sein chaotisches Leben als Aussenseiter à la Eduard Limonow faszinieren viele junge Anhänger des Front national – unter ihnen wohl auch Jordan Bardella.

«Alle Banken gehören den Juden»

Bardella soll unter anderem geschrieben haben: «Alle Banken gehören Juden.» Oder: «Der Jude muss die anderen Völker beherrschen, sie unterdrücken und ausrauben; ein Zionist ist zwangsläufig Jude, und zwar bis ins Innerste.» Die Screenshots, die «Mediapart» veröffentlicht hat, zeigen einen 17-jährigen Aktivisten, der offenbar nach einem ideologischen Gerüst sucht und fehlerhaft Französisch schreibt.

Unter dem Einfluss von Marine Le Pen hat sich Bardella später radikal gewandelt. In der jüdischen Wählerschaft sind wohl einige bereit, ihm diese jugendlichen Sünden zu verzeihen. Zu gross ist bei vielen die Abneigung gegen die FI von Mélenchon, die immer hemmungsloser an antisemitische Gefühle appelliert.

Unabhängig vom Ausgang der Ermittlungen haben Marine Le Pen und ihre Getreuen mit diesem Skandal den jungen Verräter Bardella, der ihnen zuvorkommen wollte, in der Hand. «Vergiss nicht, wer dich gross gemacht hat!», könnte die Botschaft an ihn lauten. Bardella wird sich in Zukunft zurückhalten und den Kopf beugen müssen, sonst drohen weitere «Enthüllungen», die «zufällig» in den Medien auftauchen. Auf Französisch nennt man das eine «Erinnerungsspritze». Die Truppen des Rassemblement national sind in Kampfstellung.

Pascal Bruckner ist Philosoph und Schriftsteller. Er lebt in Paris. – Übersetzt aus dem Französischen.

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