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Das goldene Zeitalter der Juden sei vorbei: Maxim Biller zieht Bilanz

Дата публикации: 12-10-2026 03:30:00

In «Schwarze Samstage» erzählt Maxim Biller, wie der 7. Oktober 2023 die Welt verändert hat. Sein Buch ist ein Seismograf des Antisemitismus und ein Zeugnis von Angst, Zorn und manchmal auch Rechthaberei.

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Das goldene Zeitalter der Juden sei vorbei: Maxim Biller zieht Bilanz

In «Schwarze Samstage» erzählt Maxim Biller, wie der 7. Oktober 2023 die Welt verändert hat. Sein Buch ist ein Seismograf des Antisemitismus und ein Zeugnis von Angst, Zorn und manchmal auch Rechthaberei.

Paul Jandl12.10.2026, 05.30 Uhr

5 Leseminuten


Maxim Biller schreibt mit dem Zorn desjenigen, der Gerechtigkeit fordert.

Maxim Biller schreibt mit dem Zorn desjenigen, der Gerechtigkeit fordert.

Christian Werner

Ist es ein Roman? Ist es ein Essay? Auch wenn Maxim Billers neues Buch «Schwarze Samstage» mit «Roman eines Jahres» untertitelt ist, muss es sich dabei noch nicht um eine Gattungsbezeichnung handeln. Eher ist das ein Kniff, ein Abwehrzauber, eine Beschwörung: Lass das alles nicht wahr sein! Das, worum es bei Biller geht, ist aber wahr.

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Am 7. Oktober 2023 beginnt die palästinensische Hamas ihren Anschlag auf die israelische Zivilbevölkerung. Mehr als 1200 Menschen sterben, werden hingemetzelt, während die Täter ihre terroristische Tat filmen und sich später dafür in der radikalislamischen Welt feiern lassen. Hunderte Geiseln werden nach Gaza verschleppt, Dutzende kommen dort ums Leben. Einige überleben und kommen erst sehr viel später schwer gezeichnet frei. «Schwarze Samstage» von Maxim Biller rekurriert einerseits auf genau jenen grausamen Wochentag, an dem sich das Massaker in Israel zugetragen hat, andererseits geht es um eine Zeitschleife, die auch nach drei Jahren weiterläuft.

Die antisemitische Tat hat nicht nur Mitgefühl mit den Opfern ausgelöst, sondern weltweit auch neuen Antisemitismus hervorgebracht. Biller würde wohl sagen: die ohnehin immer vorhandenen Ressentiments gegen Juden wieder sichtbar gemacht. Sein literarischer Essay, wollen wir das Buch einmal so nennen, ist die Geschichte einer zu brutaler Handgreiflichkeit neigenden, sich selbst bemäntelnden Regung. Die Bemäntelung dieser Regung ist in den gegenwärtigen Debatten um den Nahostkonflikt ein Leichtes. Der blinde Fleck der Linken der westlichen Welt überschneidet sich mit den alten antisemitischen Perspektiven der Rechten. Dazu kommt der Islamismus.

Die Komödie ist zu Ende

Maxim Biller schildert in «Schwarze Samstage» eine Schlüsselszene. Den Beweis dafür, wie schnell sich eine Stimmungslage global ausbreiten kann. Sein Alter Ego, das im Buch Ari heisst, hat eine Kolumne für die Zeitung fertig getippt. Die Ereignisse des 7. Oktober, die sich gerade fernab von Berlin zugetragen haben, schweben über diesem Text, wie sie sozusagen auch fernmeldetechnisch in der Luft liegen.

Nachrichten von Freunden kommen herein. Man telefoniert. «Jedem, der mich in diesen Stunden panisch anrief, sagte ich, er solle sich und mich nicht so aufregen, das goldene Zeitalter für die Juden sei zu Ende. Finita la commedia.» Der Erzähler geht in sein Stammcafé, wo der übliche Barmann, ein junger syrischer Student an der Universität der Künste, zu ihm sagt: «Gehen Sie woanders hin. Sie sind hier falsch.»

«Schwarze Samstage» lebt von solchen anekdotischen Zuspitzungen, in denen sich die Zuspitzung der Lage spiegelt. Weil Maxim Biller ein gewiefter Romancier ist, kann er das gut erzählen, aber er erzählt auch, warum er das kann. Sein literarischer Essay ist die autobiografische Geschichte einer Éducation sentimentale. Weil sich die Lebenseckdaten von Billers Erzähler mit denen des Autors decken, wird man vieles davon für bare Münze nehmen können.

1960 in Prag geboren und nach der Niederschlagung des Prager Frühlings Anfang der siebziger Jahre nach Hamburg emigriert, entwickelt er ein Gehör für die Sprache des Antisemitismus. In Deutschland sitzen noch die ehemaligen Nazis an den Schalthebeln der Macht und des Bildungssystems. Ihr durch Selbstbewusstsein gestähltes Ressentiment kommt damals noch jovial und unverblümt daher, bevor es dann beginnt, sich mit politisch korrekten Worten zu maskieren.

Im Fernsehen laufen die Nachrichten vom Jom-Kippur-Krieg des Jahres 1973, bei dem Ägypten, Syrien und andere arabische Staaten Israel angegriffen haben. «Israel! Jetzt komm!», wurde durch die Hamburger Wohnung gerufen, wenn vor dem Fernseher Solidarität notwendig war. Und die Bereitschaft zur Solidarität war vorhanden im bunten Trüppchen jüdischer Migranten und schräger Vögel aus aller Welt, die sich in den Zimmern von Aris (oder Maxim Billers) Familie tummelten.

Die Welt wird abgehorcht

Ganz bewusst setzt der Autor diesen Sound der Friedfertigkeit gegen das Krakeelen «einer weltumspannenden antijüdischen Free-Gaza-Raserei» nach dem Oktober 2023. Die Welt wird abgehorcht. Die besonders lauten Stimmen aus der Ferne werden genauso registriert wie das Gemurmel, das in Deutschland rund um den Begriff «Genozid» ausbricht. Ari alias Biller sucht in dem Jahr, das dem Hamas-Attentat folgt, nach Verbündeten quer über die Lager hinweg. Die Hürden sind hoch, weil sich im moralischen Mass, das hier angelegt wird, auch der unerbittliche Polemiker zeigt.

Die Nobelpreisträgerin Herta Müller solidarisierte sich im Sommer 2024 in einer Stockholmer Rede eindringlich mit Israel, machte aber schliesslich den Fehler, Paul Celan zu zitieren. Celan, der, wie es in «Schwarze Samstage» heisst, «nach dem Krieg weiter die Aufmerksamkeit ganz bestimmter Intellektueller suchte, den schäbigen Respekt von Leuten wie Hans Werner Richter, Ernst Jünger, Heidegger. Nichts Ungewöhnliches bei Juden wie ihm, die noch mit deutschen Schulbüchern und der Lüge von ‹Nathan der Weise› gross geworden waren.»

Es folgt noch eine ganze Abhandlung darüber, warum Paul Celan die falsche Referenz ist, wenn es um die Verdammung von Antisemitismus geht. Noch schlechter als Celan kommen bei Biller der Religionswissenschafter Jan Assmann und die Publizistin Carolin Emcke davon. Die Angriffe auf beide wegen Äusserungen, die Billers Ego oder seinem Alter Ego nicht gefallen, haben satirische Substanz, aber diesen Angriffen fehlt die thematische Notwendigkeit. Das grosse Thema, die Welt nach dem Oktober 2023, löst sich im Essay leider manchmal in rechthaberischer Kleinlichkeit auf.

Neuer und alter Antisemitismus

«Schwarze Samstage» ist mit heisser Feder geschrieben, mit dem bisweilen ungerechten Zorn desjenigen, der Gerechtigkeit fordert. Eine Strategie der Selbstimmunisierung des Textes ist, dass er von einem angeblich fiktiven Ich geschrieben ist. Aber hätte das so sein müssen? Maxim Billers breites Wissen über das Judentum und die jahrtausendealte Geschichte der Pogrome fliesst in einen Text ein, der voll unverstelltem und furchtsamem Staunen darüber ist, dass so etwas heute wieder möglich ist. Dieser «Roman eines Jahres» beschränkt sich auf einen bestimmten Zeitraum, müsste aber eigentlich fortgeschrieben werden. Als Seismograf. Als Gefühlsanzeiger gegenüber einer Geopolitik des Hasses und natürlich, so viel Ehrlichkeit muss sein, auch als Gefühlsanzeiger des Subjektivisten Maxim Biller.

Den Holocaust hat der jüdische Historiker Dan Diner einen «Zivilisationsbruch» genannt. Aber nicht weil der Holocaust allein in seinen Grausamkeiten speziell gewesen wäre, sondern weil durch ihn ein Teil der Menschheit seiner «ontologischen Sicherheit» verlustig gegangen ist. Spätestens seit den Herbsttagen des Jahres 2023 löst sich die vielleicht in einiger Brüchigkeit wiedergewonnene Sicherheit der Juden wieder auf. An Orten, wo man das nicht für möglich gehalten hätte. Man kann das täglich in den Nachrichten sehen. Es ist dieses «Sie sind hier falsch» des neuen und alten Antisemitismus, das Maxim Biller zitiert. Es muss allen Angst machen. Mit den Übergriffen auf Juden in aller Welt sind auf den «schwarzen Samstag» viele weitere, ganz gewöhnliche Wochentage gefolgt, die die schwärzesten Regungen der Menschen zeigen.

Maxim Biller: Schwarze Samstage. Roman eines Jahres. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 304 S., Fr. 35.90.

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Der Schriftsteller ist bekannt für seine Zuspitzungen. Die Zeitung hatte lange kein Problem damit. Dass es ihr nun doch zu viel wurde, ist beunruhigend.

Autoren wie Maxim Biller, Moritz von Uslar oder Tom Kummer begründeten den deutschen Pop-Journalismus, der Subjektivität ins Zentrum stellte. Zeitschriften wie «Tempo» oder «Spex» gingen früh pleite, sie sind aber bis heute prägend. Ein Buch blickt zurück.

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