Die Vereinigten Arabischen Emirate realisieren mit führenden Architekten beeindruckende Visionen am Golf. Doch die geopolitischen Krisen rücken näher. Noch kurz vor Beginn des Iran-Krieges wurden mehrere phänomenale Museumsbauten eröffnet.
Die Vereinigten Arabischen Emirate realisieren mit führenden Architekten beeindruckende Visionen am Golf. Doch die geopolitischen Krisen rücken näher. Noch kurz vor Beginn des Iran-Krieges wurden mehrere phänomenale Museumsbauten eröffnet.
Roman Hollenstein, Abu Dhabi11.10.2026, 05.30 Uhr
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Dominic Byrne / Imago
Alles ist machbar – dies galt lange als Devise der erfolgsverwöhnten Golfmonarchien. Selbstbewusstsein gepaart mit Innovationslust führten in Abu Dhabi, Dhahran oder Doha zum Bau architektonischer Wunderwerke. In der Glitzermetropole Dubai, die vor dem Ausbruch des Iran-Krieges gerne mit Wolkenkratzern und künstlichen Ferieninseln prunkte, wurde genau vor einem Jahr als neustes Projekt der Superlative das Dubai Museum of Art (Duma) vorgestellt.
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Der japanische Altmeister Tadao Ando konzipierte es als kurvig gedrehtes, entfernt an einen gigantischen Amboss erinnerndes Gebäude, das von 2029 an in den Fluten des Khor Dubai schwimmen soll. Ob das neue Lieblingsprojekt des Emirs von Dubai, der jüngst die Kultur als «Seele einer Stadt und Spiegelbild ihres Fortschritts» bezeichnete, je gebaut werden wird, muss sich freilich erst noch weisen. Denn vieles ist am Golf derzeit ungewiss.

Visualisierung

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Tadao Ando selbst musste vor einem Jahrzehnt mit einem anderen Projekt, dem Maritimen Museum in Abu Dhabi, erfahren, wie schnell überraschende Entscheidungen ein Vorhaben zu Fall bringen können. Sein Museum hätte auf Saadiyat Island errichtet werden sollen. Die 27 Quadratkilometer grosse Wüsteninsel wird aufgrund eines 2005 vom damaligen Kronprinzen und heutigen Emir von Abu Dhabi, Muhammad bin Zayed Al Nahyan, gefällten Entscheids schrittweise in eine ökologisch wegweisende, durch öffentlichen Verkehr erschlossene Idealstadt für gut 150 000 Menschen und 220 000 Erwerbstätige verwandelt. Dereinst soll sie aus Wohn-, Geschäfts- und Villenviertel, Universitätsanlagen, Strandhotels und Naturschutzgebieten bestehen. Schon jetzt aber ist ihr Aushängeschild das vielleicht «ambitionierteste Kulturviertel weltweit».
Weltklassebauten für die globale HochkulturVon Anfang an setzte man bei dem vor 20 Jahren projektierten, 2,4 Quadratkilometer grossen Kulturbezirk auf die Zusammenarbeit mit «renommierten Brands» wie dem Louvre und dem Guggenheim-Museum, die wissenschaftliche Expertise, kuratorische Standards und kulturelle Legitimität garantieren sollten. Denn Saadiyat soll mit Hochkultur nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische und Expats anziehen.
Zur Realisation der Kulturbauten lud Abu Dhabis Departement für Kultur und Tourismus (DCT) deshalb vier weltbekannte Architekten ein, die ihren kühnsten Vorstellungen freien Lauf lassen durften. Jean Nouvel plante den orientalisch angehauchten Louvre Abu Dhabi, Frank Gehry das skulpturale Guggenheim-Museum, Tadao Ando das minimalistische Maritime Museum und Zaha Hadid ein von schwindelerregender Dynamik geprägtes Zentrum für darstellende Künste mit zwei Theatern, zwei Konzertsälen und einer Oper.

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In dieser Aneignung von globalem Know-how wollten manche aussenstehenden Kritiker einen neokolonialistischen Kniefall ausmachen. In Abu Dhabi jedoch erklärte man die zukunftsweisenden internationalen Projekte zu «tragenden Säulen unserer Renaissance», wie es Anwar Gargash, der diplomatische Berater des Emirs von Abu Dhabi, formuliert.
Das Zustandekommen der «grössten Ansammlung von Weltklasse-Kulturbauten» sollte sich allerdings bald schon verzögern. Zwar wurde bereits 2006 ein Vertrag mit der Guggenheim Foundation und Frank Gehry unterzeichnet, der bis 2013 die Fertigstellung einer spektakulären Dépendance des New Yorker Museums vorsah. Im Jahr darauf einigte man sich mit dem französischen Staat und Jean Nouvel, bis 2012 den Louvre Abu Dhabi als einen Ort des «Austauschs zwischen den Kulturen» zu errichten. Dann aber dämpfte die Wirtschafts- und Immobilienkrise den Enthusiasmus, so dass der Louvre erst Ende 2017 eingeweiht werden konnte.
Noch harziger ging es mit dem Guggenheim-Projekt voran. Die 2011 eröffnete Baustelle musste bald wieder geschlossen werden, nachdem rund 130 namhafte Kunstschaffende die schlechten Arbeitsbedingungen vor Ort kritisiert und mit einem Boykott der Institution gedroht hatten. Davon wusste die New York University zu profitieren, die 2014 auf ihrem von Rafael Viñoly realisierten Saadiyat-Campus eine Kunstgalerie eröffnete. Dank wissenschaftlich fundierten Ausstellungen wie einer Schau über «The Baghdad Modern Art Group» wurde diese bald schon zu einem angesehenen Zentrum für arabische Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

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Obwohl die vier geplanten Grossprojekte lange kaum vom Fleck kamen, arbeitete das DCT schon 2009 an einem weiteren Museum: dem staatspolitisch wichtigen Zayed-Nationalmuseum. Ein Vertrag mit dem British Museum wurde ausgehandelt, und im Jahr darauf legte Norman Foster einen Entwurf für das monumentale Bauwerk vor, das seit kurzem den geografischen Mittelpunkt des Kulturbezirks markiert.
Fosters fulminante Vision, die das Interesse an den Bauprojekten von Hadid und Ando dramatisch schwinden liess, wurde 2010 mit viel Getöse im Manarat al-Saadiyat präsentiert. Dieser kistenförmige Nutzbau, dem ein orientalisierendes Gitternetz etwas Glanz verleiht, war gerade als erstes Ausstellungshaus auf der damals noch öden Insel vollendet worden. Seither findet hier die Abu Dhabi Art statt, die im Herbst erstmals als Frieze Abu Dhabi über die Bühne gehen und die Anfang Februar 2026 neu lancierte Art Basel Katar in Doha konkurrenzieren soll.

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Ende 2017 wurde schliesslich der Louvre Abu Dhabi eröffnet und sogleich als Meilenstein der Museumsarchitektur gefeiert. Das Guggenheim, das die Kunst der letzten hundert Jahre aus einer arabischen Perspektive analysieren soll, wurde hingegen zur ewigen Baustelle, über der noch bis vor kurzem die Kräne tanzten. Denn die Prioritätenliste hinsichtlich der Kulturbauten auf Saadiyat änderte sich 2019 erneut.
Damals wurde der Bau des für weltanschauliche und religiöse Toleranz stehenden Abrahamic Family House beschlossen, um der Annäherung der VAE an Israel und dem von Papst Franziskus und dem Grossimam von al-Azhar in Abu Dhabi unterzeichneten «Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen» Nachdruck zu verleihen. Der ghanaisch-britische Architekt David Adjaye entwarf das 2023 eingeweihte interreligiöse Zentrum. Es setzt sich zusammen aus den drei identischen, sich nur durch Ornamentik und Innenraumgestaltung unterscheidenden Baukuben von Kirche, Moschee und Synagoge, die als Sinnbild der Verwandtschaft der abrahamitischen Religionen auf einem gemeinsamen, als Foyer und Ausstellungsraum fungierenden Sockel stehen.
So entstand auf Saadiyat Island allmählich ein Cluster unterschiedlicher kultureller Institutionen, die mit Forschung, Bildung und wissenschaftlichen Diskursen ebenso überzeugen wollen wie mit möglichst attraktiven Ausstellungen. Das zeigt sich nicht zuletzt in den drei neusten, zwischen April und Dezember 2025 eröffneten Häusern.
Den Anfang machte die vom japanischen Künstlerkollektiv TeamLab geschaffene «Phenomena», die das Publikum in die phantastische Welt «immersiver digitaler Kunst und interaktiver Lichtinstallationen» entrückt. Die fensterlosen Räume sind von weissen, wolkenartigen Fassaden umschlossen. Diese formen eine Art überdimensionale Ohrmuschel, in deren Gehörgang sich das Museumsrestaurant befindet.
Gleich neben der TeamLab-«Phenomena» spiegelt sich das Naturhistorische Museum wie eine weisse arabische Stadt in den Fluten des Persischen Golfs. Seine Errichtung wurde 2020 erwogen und kurz nach dem Kauf des 31,8 Millionen Dollar teuren Tyrannosaurus-Rex-Skeletts in Angriff genommen. Den Entwurf des vielteiligen, auf einer Fünfeckstruktur basierenden Gebäudes lieferte das niederländische Architekturbüro Mecanoo.

Waleed Zein / Imago
Besuchende empfängt es mit einer kathedralartigen Eingangshalle, die das Auditorium sowie die Forschungs- und Restaurierungsräume erschliesst. Treppab gelangt man zu einem Lichthof, um den die Ausstellungsräume angeordnet sind. 2600 Exponate – von Meteoriten über Saurier- und Walskelette bis zu den 3,2 Millionen Jahre alten, von Äthiopien ausgeliehenen Gebeinen des Vormenschen «Lucy» – erzählen von der Entstehung des Universums, der Evolution des Lebens und der Zukunft der Erde.
Das eigentliche Juwel unter den neusten Kulturbauten aber ist das Zayed-Nationalmuseum, ein meisterhaftes Spätwerk von Norman Foster. Es bildet den weithin sichtbaren Fixpunkt des Kulturbezirks mit fünf solarthermischen, dem Raumklima dienenden «Kühltürmen», die als 83 bis 123 Meter hohe «Falkenflügel» gestaltet sind. Das sich wie eine kubistisch verfremdete Sanddüne aufwölbende Sockelgeschoss birgt in seinem Innern eine weitläufige Architekturlandschaft, die zum Flanieren in angenehmer Kühle einlädt.
Unter glitzernden Oberlichtern und schwer hängenden Betonschalen gelangt man – vorbei an der stupenden Rekonstruktion eines 4000 Jahre alten Handelsschiffs – zu den Parterre-Galerien, wo die Anfänge der Vereinigten Arabischen Emirate und das Leben des VAE-Gründers und Landesvaters Zayed bin Sultan Al Nahyan zu einer filmreifen Geschichte verwoben sind. Eine geschwungene Treppenanlage führt hinauf zur oberen, der Archäologie und der Geschichte der VAE gewidmeten Galerienflucht, in der es lokale Funde und hochkarätige Leihgaben aus britischen und amerikanischen Museen zu entdecken gibt, darunter einen wunderschönen, an Modiglianis kantige Steinskulpturen gemahnenden Alabasterkopf oder frühchristliche Reliefs von der nahe gelegenen Insel Sir Bani Yas.

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Ein Winzling verglichen mit dem Zayed-Nationalmuseum ist das benachbarte Ausstellungsgebäude der Bassam Freiha Art Foundation, das vor zwei Jahren nach den Plänen der in Abu Dhabi tätigen libanesischen Architektin Rasha Gebran fertiggestellt wurde. Der pavillonartige Bau besteht aus einem breitschultrig über einer Wasserfläche schwebenden Steinprisma und einem von diesem gefassten, lichtdurchfluteten Glaskörper. Er demonstriert eindrücklich, wie der langjährige Architekturimport in den Golfstaaten Früchte zu tragen beginnt und Frauen mehr noch als Männer zu innovativen Leistungen inspiriert.
Im frei unterteilbaren Ausstellungssaal werden orientalistische Gemälde zelebriert, die man im Westen seit der von Edward Said entfachten Orientalismusdebatte gerne als kolonialistisch und sexistisch abtut, die jedoch am Golf bei vielen Sammlern – darunter auch Mitgliedern der Herrscherhäuser von Katar und Sharjah – wegen ihres verklärend westlichen Blicks auf einen längst vergangenen Orient begehrt sind.
Neben eigenen Beständen präsentiert die Bassam Freiha Art Foundation auch moderne und zeitgenössische arabische Kunst – jüngst etwa hochkarätige Arbeiten aus der in den VAE ansässigen Villain-Collection. Damit gibt sie einen kleinen Vorgeschmack auf das Guggenheim Abu Dhabi. Diese gigantische, von Frank Gehry entworfene Architekturskulptur wird mit 28 Sälen, 12 000 Quadratmetern Ausstellungs- und 80 000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche das grösste Haus der Guggenheim-Familie.
Zu sehen sein sollen dort 1000 Kunstwerke von 429 Kunstschaffenden aus über 70 Ländern. In einem Vortrag anlässlich der Dubai Collection Nights im letzten Februar kündigte Stephanie Rosenthal, seit 2022 Direktorin des Guggenheim Abu Dhabi, die definitive Eröffnung des Museums auf Ende 2026 an. Inzwischen wurde sie auf den 11. Dezember festgelegt. Schwerpunkt soll Kunst ab 1960 aus der von Nordafrika über den Nahen Osten bis nach Südasien reichenden Menasa-Region stehen – ergänzt durch Meisterwerke der westlichen Nachkriegsmoderne von Mark Rothko, Jackson Pollock oder Andy Warhol aus dem Besitz der Guggenheim Foundation.
Damit nimmt die New Yorker Institution ein gewisses Risiko in Kauf, erhebt sich doch das neue Museum direkt gegenüber dem strategisch wichtigen, von Iran mehrfach attackierten Hafen der VAE- Kriegsmarine. Doch selbst wenn die Leihgaben aus New York noch kurzfristig zurückgehalten würden, kann das Guggenheim Abu Dhabi seine Pforten öffnen. Hat es doch in den vergangenen 20 Jahren eine bedeutende Sammlung von Menasa-Kunst zusammengetragen, mit der es zumindest eine Zeitlang die Kernbereiche des Gehry-Baus auf Saadiyat Island auch ohne Leihgaben bespielen könnte.
Das Emirat glaubt jedenfalls allem Kriegsgeheul in der Region zum Trotz weiterhin an seine politisch geschickt als Symbole für Weltoffenheit und Freiheit angepriesenen kulturellen Leuchttürme. So stellte es Ende Juni den Entwurf eines neuen Zentrums für Oper, Theater, Jazz und die leichte Muse vor, das bis 2030 östlich des Louvre direkt am Meer entstehen soll. Realisiert wird das Dar al Funoon ebenfalls vom Büro des unlängst verstorbenen Frank Gehry – und zwar in Form eines riesigen Tutus aus Stahl und Glas.
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