Die EU-Mitgliedstaaten wollen private Nachrichten dauerhaft scannen lassen. Geleakte Dokumente zeigen: "Search plans" sollen Massendurchsuchungen ohne Verdacht legalisieren.

Interne Dokumente zeigen umfangreiche Überwachungspläne der EU.
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Die EU-Mitgliedstaaten wollen private Nachrichten dauerhaft scannen lassen. Geleakte Dokumente zeigen: "Search plans" sollen Massendurchsuchungen ohne Verdacht legalisieren.
Geleakte interne Dokumente des EU-Ministerrats zeigen: Die EU-Mitgliedstaaten planen, massenhafte Scans privater Nachrichten durch sogenannte "Suchpläne" dauerhaft zu verankern. Nationale Gerichte oder unabhängige Verwaltungsbehörden sollen Chat- und E-Mail-Diensten temporäre Blanko-Genehmigungen zum Scannen von Nachrichteninhalten erteilen können. Ziel ist es, die aktuelle Praxis freiwilliger Durchsuchungen nach Missbrauchsmaterial durch Unternehmen wie Facebook und Google in ein permanentes Gesetz zu gießen.
Kritik an Überwachung ohne VerdachtDer frühere EU-Abgeordnete Patrick Breyer kritisiert die Pläne scharf. "Die vorgeschlagenen 'Suchpläne' für 'Teile eines Dienstes' bedeuten in der Praxis weiterhin das Scannen von Millionen unschuldiger Nutzer ohne individuellen Verdacht", warnt Breyer. Er sieht darin einen Versuch, Massenüberwachung umzubenennen. Der juristische Dienst des Rates hatte bereits 2023 gewarnt, dass das Scannen ganzer Dienste oder von Teilen davon wahrscheinlich gegen EU-Recht verstößt. Der Europäische Gerichtshof könnte dies als allgemeine und unterschiedslose Überwachung einstufen.
Für den Fall, dass die Verhandlungen über private Kommunikation scheitern, hat die irische Ratspräsidentschaft einen Plan B vorbereitet: Private Chats würden komplett aus der neuen Regelung ausgenommen. Das temporäre System "Chatkontrolle 1.0" bliebe dann als dauerhafte Hintertür für freiwillige Massenscans durch Facebook und Co. bestehen.
Hohe Fehlerquote bei aktuellen MeldungenDie Qualität der Meldungen aus bestehenden Scan-Verfahren ist umstritten. Rund 75 Prozent der gemeldeten Chats sind laut Breyer strafrechtlich nicht relevant. Das Bundeskriminalamt kommt auf eine Quote von 52 Prozent nicht-relevanter Meldungen. In Deutschland richten sich zwischen 40 und 53 Prozent der Ermittlungen gegen Minderjährige selbst, häufig wegen einvernehmlichen
Sextings.
Für 2025 wurden über 20.000 betroffene Jugendliche genannt. Breyer argumentiert, dass Falschmeldungen und strafrechtlich irrelevante Fälle wertvolle Ermittlungsressourcen binden, die besser für gezielte Ermittlungen gegen Täter eingesetzt werden sollten.
Welche Dienste bereits scannenAktuell durchsuchen Dienste wie Instagram, Discord, Snapchat, Skype, Xbox sowie Gmail und iCloud bereits freiwillig Direktnachrichten nach Missbrauchsmaterial. WhatsApp-Chats mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung sind bisher davon ausgenommen. Die geplanten "Suchpläne" könnten diese Praxis auf eine dauerhafte rechtliche Grundlage stellen. 99 Prozent der Meldungen von Meta betreffen nach Angaben Breyers bereits bekanntes Missbrauchsmaterial. Die EU-Kommission habe bislang keine Belege vorgelegt, dass Massenscans zu mehr Verurteilungen geführt hätten.
KI-gestützte Chat-Überwachung ist kein Einzelfall. Erst Ende September wurde bekannt, dass auch das Kleinanzeigen-Portal (ehemals eBay Kleinanzeigen) private Chatverläufe seiner Nutzer per KI analysiert. Betroffene können die automatische Überwachung
in den Einstellungen deaktivieren. Der Fall zeigt: Automatisierte Durchsuchungen privater Nachrichten werden bereits von verschiedenen Plattformen eingesetzt.
Das EU-Parlament verfolgt einen anderen Ansatz: Es favorisiert gezielte Ermittlungsmaßnahmen mit richterlicher Anordnung, die nur bei konkretem Verdacht gegen bestimmte Personen oder Gruppen erlaubt wären. Zudem ist ein neues EU-Zentrum geplant, das öffentlich zugängliche Inhalte nach bekanntem Missbrauchsmaterial durchsuchen soll. Als Beispiele für erfolgreiche gezielte Ermittlungen nennt Breyer Spanien und Portugal, die mit richterlichen Anordnungen gegen konkrete Verdächtige arbeiten.
Auch Europols Operation "Alice" zeige, dass gezielte Ermittlungen funktionieren. Für Nutzer ändert sich vorerst nichts: Die aktuellen freiwilligen Scans laufen weiter, während die EU-Gremien über die dauerhafte Regelung verhandeln. Wer Wert auf Privatsphäre legt, kann Messenger mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nutzen, die bislang nicht von den Scans betroffen sind.
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