Neue Studiendaten zeigen, wie stark die Wechseljahre den Körper verändern – oft schon mit Anfang 40. Warum viele Beschwerden falsch gedeutet werden und wann eine Hormontherapie sinnvoll sein kann.
AUDIO: Neue, umfangreiche Studie zur Menopause (4 Min)
Weltmenopausentag
Menopause ist keine Klippe: Was Frauen wissen solltenStand: 19.10.2026 10:19 Uhr
Eine große Studie beschreibt die Menopause als radikalen Einschnitt im weiblichen Körper, als eine Art Klippe. Experten widersprechen diesem Bild, warnen aber angesichts der neuen Daten vor unterschätzten Risiken. Sie erklären, welche frühen Anzeichen wichtig sind und wann eine Hormontherapie helfen kann.
von Inka Zimmermann
Hitzewallungen, Schlafstörungen oder Gelenkschmerzen. Viele Frauen erleben diese oder ähnliche Symptome in den Wechseljahren. Eine aktuelle Studie hat Daten von über einer Million Frauen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, wie stark die Wechseljahre den weiblichen Körper verändern.
Das, was Frauen nach der letzten Periode erleben, beschrieben die Forschenden in der Studie als eine Art Klippe, einen "physiological cliff", also eine schnelle und radikale Veränderung des Körpers. Das klingt dramatisch, entspricht aber nicht unbedingt der Wahrnehmung von Gynäkologen.
Peyman Hadschi, Gynäkologe und Beisitzer im Vorstand der Deutschen Menopause-Gesellschaft, betont, die Studie sei zwar spannend, den Begriff einer "Klippe" gäben die Daten aus seiner Sicht aber nicht her. "Die Menopause ist kein Prozess, der vom einen auf den anderen Tag passiert", betont er. Bisher hatten Gynäkologinnen und Gynäkologen die weibliche Menopause eher als langsamen, graduellen Prozess verstanden. "Ich würde das nicht als Klippe bezeichnen, weil das so einen dramatischen, plötzlichen Absturz impliziert. So würde ich die Menopause nicht einordnen", erklärt auch Ärztin und Hormonexpertin Kathrin Schaudig.
Der Weltmenopausentag am 18. Oktober wurde 2009 von der World Menopause Day-Initiative der International Menopause Society (IMS) ins Leben gerufen. Er informiert über die Wechseljahre, baut Vorurteile ab und stärkt das Bewusstsein für die Gesundheit von Frauen in der Lebensmitte.
Trotzdem liefere die Studie wichtige Erkenntnisse, finden die Experten. Beispielsweise, dass die ersten hormonellen Veränderungen schon zehn bis 15 Jahre vor der letzten Periode auftreten. So deutlich hätte das noch fast keine Studie gezeigt, findet Schaudig. "Was ich wahrnehme, ist, dass viele Patienten in der Sprechstunde mit Beschwerden sind, deutlich vor der letzten Regelblutung. Der Zusammenhang wird von vielen Ärztinnen und Ärzten dann nicht erkannt."
Sie sehe immer wieder, dass Frauen länger leiden, es aber niemand den Wechseljahren zuordne. Depression beispielsweise sei in der sogenannten Perimenopause, also noch Jahre vor dem Ausbleiben der Periode, sogar besonders häufig.
Die ersten Veränderungen können Frauen teilweise schon mit Anfang vierzig erleben. Ein erstes Indiz für hormonellen Wandel ist beispielsweise ein unregelmäßigerer Zyklus. Dass diese Veränderungen bereits einen großen Effekt haben können, sei Frauen oft nicht klar. Es betreffe aber viele Fachärzte, etwa Orthopäden. "Ich habe früher gedacht, Gelenkbeschwerden können eigentlich erst hormonell bedingt sein, wenn der Eierstock aufgehört hat zu arbeiten. Ich sehe aber, weil ich jetzt mehr darauf achte, nicht wenige Patientinnen, die auch in dieser Übergangsphase mehr Gelenkbeschwerden haben", erzählt Kathrin Schaudig.
Östrogen beeinflusst jede Zelle des KörpersDer veränderte Hormonspiegel vor und während der Menopause kann mit sehr unterschiedlichen Symptomen einhergehen. Das liegt auch daran, dass das Hormon Östrogen, genau wie Testosteron, im gesamten Körper aktiv ist. "Es gibt quasi keine Zelle im Körper, die nicht auf Östrogen in irgendeiner Form reagiert", erklärt Gynäkologe Peyman Hadschi: "Das heißt, wenn der Östrogenspiegel auf einmal fällt und zwar deutlich fällt, dann ist es natürlich so, dass das auf praktisch alle Organsysteme einen Einfluss hat."
Wie stark der Körper darauf reagiert, ist sehr individuell. Häufig, aber nicht immer, treten die charakteristischen Hitzewallungen auf, aber auch Inkontinenz, Blasenentzündungen, depressive Verstimmungen, Herz-Kreislauferkrankungen und Osteoporose können zunehmen. Die Beschwerden können teilweise heftig sein und sollten auf jeden Fall auch vom Umfeld ernst genommen werden, betont Hadschi: "Leider nehmen das viele Menschen nicht ernst, besonders im Arbeitsleben. Da wird gesagt, die Frau ist faul oder die hat keinen Bock, die ist unwillig. Dabei würde sie gerne, aber sie kann einfach nicht."
Wechseljahre am Arbeitsplatz
"Frauen wünschen sich ein aufgeklärtes Arbeitsumfeld"Die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman, fordert mehr Aufmerksamkeit für Frauen in den Wechseljahren. Katrin Simonsen, Host des MDR-Podcasts "Hormongesteuert", ordnet die Handlungsempfehlungen ein.
Wichtig ist dem Gynäkologen allerdings auch: "Frauen müssen nicht leiden". Eine Hormontherapie helfe vielen Frauen während der Wechseljahre. Sie müsse risikoadaptiert sein, beispielsweise wenn ein erhöhtes Brustkrebsrisiko bestehe oder die Frau Raucherin sei. Auch die Dauer der Hormontherapie mache einen Unterschied: "Das heißt, wenn eine Frau zwei bis drei Jahre Hormone anwendet, dann hat sie kein erhöhtes Brustkrebsrisiko und hat nur die Vorteile. Deshalb sollten Frauen gar keine Angst vor einer kurzzeitigen Hormonersatztherapie haben."
Hormonbehandlung mitunter vor der letzten Periode sinnvollKathrin Schaudig betont, sie fange in der Praxis häufig schon vor dem Ausbleiben der Periode mit einer Hormonbehandlung an: "Das mache ich aber mehr, um Schwankungen der Eierstocksfunktion, die da besonders heftig sind, auszugleichen. Dann gebe ich auch schon Hormone, also Östrogene." Aktuell gehe es dabei hauptsächlich darum, Beschwerden von Patientinnen zu behandeln. Von Ihren Patientinnen in der Perimenopause behandle sie grob zehn bis 30 Prozent auf diese Weise.
Beide Experten appellieren: Frauen sollten ihren Gynäkologen vertrauen und das Thema offen ansprechen.
"Hormongesteuert" – Die Kolumne
Wenn das Gehirn wie ein Sieb istKonzentrationsschwierigkeiten, Wortfindungsstörungen und der immer wieder verschwundene Autoschlüssel. Das waren bei MDR-Redakteurin Katrin Simonsen die ersten Anzeichen der Menopause. Doch was macht das mit einem?
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