Der gebürtige Saarländer und AfD-Politiker Luca Strauf teilte eine Karte, auf der Elsass-Lothringen und Luxemburg zu Deutschland gehören. Nach großem Protesten trat er aus dem Vorstand der AfD-Jugend zurück – behält aber wohl ein anderes Parteiamt.
Update | Straßburg/Luxemburg · Der gebürtige Saarländer und AfD-Politiker Luca Strauf teilte eine Karte, auf der Elsass-Lothringen und Luxemburg zu Deutschland gehören. Nach großem Protesten trat er aus dem Vorstand der AfD-Jugend zurück – behält aber wohl ein anderes Parteiamt.
12.10.2026 , 18:44 Uhr
Diese Karte versetzt (nicht nur) Frankreich in Rage. Der AfD-Jungpolitiker Luca Strauf teilte sie am 3. Oktober in einem Beitrag, in dem er die deutsche Wiedervereinigung als „Etappen-Sieg“ bezeichnete. Tatsächlich zeigt die Karte keine angeblichen historischen Gebietsansprüche Deutschlands, sondern lediglich Teile des deutschen Sprachraums.
Foto: Boarische WikipediaAm 3. Oktober feierte die Bundesrepublik die Wiedervereinigung zwischen West- und Ostdeutschland. Einem aus dem Saarland stammenden Mitglied des Bundesvorstands der AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ (GD) war das aber offenbar nicht genug: In einem Beitrag auf dem Kurznachrichtendienst X teilte Luca Maurice Strauf am Tag der Deutschen Einheit eine Karte, in der unter anderem Luxemburg, das Elsass und Teile der Moselregion, Lichtenstein, Österreich sowie Gebiete der Schweiz und Italiens als „deutsch“ eingezeichnet sind. Der 21-Jährige schrieb dazu (Fehler im Original): „Deutsche Einheit bedeutet ein Deutschland, das das gesamte deutsche Volk in einem Staat vereint. Heute gedenken wir einem Etappen-Sieg auf dem Weg dorthin.“
Strauf, der sich selbst „Helmut“ nennt und bei der AfD in Bayern aktiv ist, löschte den Beitrag kurze Zeit später – doch ein Screenshot verbreitete sich in den folgenden Tagen rasant und sorgte in den sozialen Medien für Empörung.
Zuerst berichtete die Taz über Straufs Fantasien einer „großdeutschen Lösung“. Strauf gab gegenüber der Zeitung an, er habe lediglich auf das „gemeinsame Schicksal“ Deutschlands und Österreichs hinweisen wollen und den Tweet gelöscht, weil er „keinen Nutzen“ habe. Die GD distanzierte sich von dem Tweet des AfD-Politikers, doch ob dessen Reue echt ist, darf zumindest angezweifelt werden: Einen Tag nach Veröffentlichung des Taz-Artikels twitterte Strauf: „Mut zur Wahrheit! Jedoch mit dem nötigen Feingefühl. Einem derart gebrochenen Volk muss man erst wieder den aufrechten Gang lehren, damit manche noch so redlichen Dinge wieder verstanden werden können.“ Dieser Tweet war vier Tage online, am Freitagnachmittag löschte Strauf schließlich seinen X-Account.
Nach Medienanfragen gab sich Luca Strauf reuig, doch setzte kurz danach diesen Tweet ab. Inzwischen ist sein Konto bei X gelöscht.
Foto: SZ ScreenshotViele Nutzer aus Frankreich, darunter auch Politiker der Rechtspartei Rassemblement National (RN), reagierten wütend auf Straufs gelöschten Tweet. Dieser reißt offenbar tiefe Gräben zwischen deutschen und französischen Nationalisten auf. So schrieb Jean-Philippe Tanguy, der das Département Somme in der Nationalversammlung vertritt und 2022 den Präsidentschaftswahlkampf von Marine Le Pen mitgeleitet hat, dass „genau diese abscheulichen und unerträglichen Ideen“ der Grund seien, weshalb er „entsetzt aus einem Gespräch mit Führungskräften der AfD herausgegangen war“. Ein anderer Nutzer teilte mit: „Mein Großvater, der im Zweiten Weltkrieg gekämpft und dann an der Gründung der Nato mitgewirkt hat, sagte mir immer wieder, dass die Deutschen eines Tages zurückkommen würden.“ Auch Bilder von Atomraketen machten die Runde – und die Drohung, das Saarland mitsamt allen Regionen links des Rheins für Frankreich zu annektieren.
Vor allem deutsche Nutzer rätselten in den sozialen Medien zudem, wieso auf Straufs Karte die ehemaligen deutschen Ostgebiete nicht enthalten sind, obwohl sich gebietsrevisionistische Forderungen von Rechtsextremen meist auf diese Regionen beziehen. Eine Rückwärts-Bildersuche bei Google zeigt jedoch: Die Karte bildet – anders als Straufs Kommentar dazu nahelegt – nicht historische Grenzen oder angebliche Gebietsansprüche ab, sondern die Verbreitung der deutschen Sprache und ihrer Dialekte.
Dem ungeachtet schlug der Skandal in halb Europa Wellen. Besonders groß ist das Medienecho jenseits der saarländischen Grenze. Der Fernsehsender BFM berichtete ebenso wie diverse französische Zeitungen und Online-Portale. Auch das Luxemburger Tageblatt titelte: „Heim ins Reich? AfD-Jugendvorstand fantasiert von einem deutschen Luxemburg“. Einige Medien weisen darauf hin, dass dies nicht der erste Vorfall dieser Art sei: So habe der AfD-Politiker Marco Eggebrecht aus Niedersachsen am 9. Mai auf X ein Bild gepostet mit dem Satz: „Wie ich dich angucke, nachdem du gesagt hast: ‚Elsass-Lothringen muss wieder in Deutschen Besitz übergehen.‘“ Dieser Tweet ist bis heute online.
Am vergangenen Freitag schaltete sich schließlich Franck Leroy (Konservative), Präsident der Region Grand Est, mit deutlichen Worten ein. Straufs Karte „lasse eine alte Herrschaftsfantasie wieder aufleben“, schrieb er auf der Plattform Linkedin. „Diese Äußerungen könnten zum Schmunzeln anregen, wären sie nicht so beunruhigend.“ Leroy weiter: „Die Populisten testen durch Provokationen die Grenzen aus. Man muss ihnen zuhören und sie beim Wort nehmen, denn was sie heute als Wahnsinn darstellen, kann morgen zu einem politischen Projekt werden.“ Europa sei aufgebaut worden, „um das Kapitel der Eroberungen abzuschließen“. In einem späteren Beitrag ergänzt er: „Die deutsch-französische Aussöhnung ist ein kostbares Erbe. Wir dürfen nicht zulassen, dass jemand sie schwächt.“
„Nationalistischen Fantasien treten wir entschieden entgegen“, betonte auch Saar-Ministerpräsidentin Anke Rehlinger (SPD) am Montag auf SZ-Anfrage. „Wir wollen keine Grenzen verschieben, sondern überwinden.“ Wer heute wieder Gebietsansprüche auf Elsass und Lothringen erhebe, habe aus der Geschichte nichts gelernt. „Gerade wir im Saarland wissen, wohin Nationalismus und Feindbilder führen können. Die deutsch-französische Freundschaft ist eine der größten Errungenschaften unserer Geschichte. Gemeinsam mit unseren Nachbarn arbeiten wir jeden Tag daran, Menschen zusammenzubringen und den Frieden zu bewahren.“
Noch am Freitagabend hatte der Skandal für den AfD-Jungpolitiker handfeste Folgen: Die „Generation Deutschland“ informierte in einer Pressemitteilung darüber, dass Strauf „aus persönlichen Gründen“ sein Amt im Bundesvorstand der AfD-Jugendorganisation niederlege. Bundesvorsitzender Jean-Pascal Hohm dankte ihm im Namen des gesamten Vorstandes und erklärte, dass Strauf „im ersten Jahr unserer Organisation wichtige Aufbauarbeit geleistet“ habe.
Der aktuelle Skandal blieb in der Mitteilung unerwähnt – nicht jedoch in den Kommentaren auf X, wo AfD-Anhänger die Entscheidung überwiegend negativ aufnahmen. Strauf sei aus dem Vorstand gedrängt worden, „damit sich Teile des AfD-Establishment leichter französischen Nationalisten anbiedern können“, schrieb ein Nutzer aufgebracht, ein anderer, es sei „erbärmlich, vor den französischen Deutschlandhassern zu kriechen“. Mit Straufs Aussagen scheinen die meisten kein Problem zu haben.
Verdächtige Ruhe herrscht seit Straufs Rücktritt beim bayerischen Landesvorstand der GD. Dort ist Strauf erster stellvertretender Vorsitzender – und soll dies auch bleiben, wenn es nach den Bayern geht. Franz Schmid, Vorsitzender der bayerischen AfD-Jugend und Landtagsabgeordneter, sprach gegenüber der SZ von einem „Deal“ mit dem GD-Bundesvorstand: Strauf solle sich dort zurückziehen, dürfe dafür aber im Landesvorstand bleiben. Allerdings tage am Montagnachmittag der Vorstand der Mutterpartei, die über die Affäre beraten und eine Entscheidung treffen werde.
Die GD Bayern hatte zum 3. Oktober selbst einen zweifelhaften Beitrag bei Instagram abgesetzt: Dort heißt es, dass die Einheit „unvollständig“ geblieben sei – „große Teile Deutschlands fanden wieder zueinander, doch nicht alles wurde wiedervereint“. Zwar habe er diesen Text nicht selbst verfasst, doch räumt Schmid ein, dass er „Raum für Interpretationen“ lasse. So etwas sollte in den sozialen Medien „gerade bei heiklen Themen“ vermieden werden. „Dies habe ich auch Helmut Strauf so gesagt.“ (ter/sas)